Ein müder Serienheld

Martin Suter ehrt in einem Roman Émile Gallé. Von Gerhild Heyder

Johann Friedrich von Allmen, eigentlich Hans Fritz von Allmen, schlicht Allmen genannt – das ist der neue Serienheld des Schweizer Erfolgsschriftstellers Martin Suter. Oder er möchte es vielmehr werden. Seinen ersten Fall, in dem er sowohl Täter als auch Opfer ist, hat er soeben erfolgreich überstanden: „Allmen und die Libellen“.

Der etwa vierzigjährige Privatier hat das schwer erarbeitete Vermögen seines Vaters durchgebracht und musste mit seinem guatemaltekischen Butler Carlos aus dem elterlichen Herrenhaus ins Gartenhaus umziehen. Rechnungen werden nicht mehr geöffnet, Geld ist keins da, der Butler arbeitet mittlerweile unentgeltlich, und das untervermietete Opernabonnement bringt nicht viel ein. Doch Allmen gelingt es weitgehend, seinen scheinbar luxuriösen Lebensstil und somit seine Kreditwürdigkeit nach außen hin zu wahren, er verfügt über die hochstaplerischen Qualitäten eines Felix Krull. Die Vormittage verbringt er im Café, mittags wird eine kleine Auszeit – „Lebenschwänzen“ genannt – auf dem Sofa liegend genommen, bevor man sich abends in die Bar begibt, umwölkt von düsteren Gedanken, ab und zu erhellt von nicht sehr realistischen Plänen, zu Geld zu kommen.

Allmens zweifellos vorhandene Fähigkeiten ermöglichen ihm zwar nicht, einen Beruf zu ergreifen, doch halten sie ihn über Wasser – der vielseitig Gebildete versteht sich auf Antiquitäten und lässt bei Gelegenheit etwas Schönes mitgehen, das er dann dem Händler seines Vertrauens Jack Tanner verkaufen darf, der wiederum private Sammler mit den edlen Stücken versorgt.

Auf seltsame Weise gerät Allmen des Nachts an fünf Libellenschalen des Jugendstil-Glaskünstlers Émile Gallé, die seit einem Diebstahl als verschollen gelten. Es gelingt ihm, eines der kostbaren filigranen Gebilde an Jack Tanner zu verkaufen, doch bevor er weitere gewinnversprechende Transaktionen vornehmen kann, findet er den Antiquitätenhändler erschossen auf und entgeht selbst knapp einem Mordanschlag.

Martin Suter, Jahrgang 1948, begann seine äußerst erfolgreiche Karriere als Werbetexter und ist aus dieser Zeit wohl vertraut mit den Gebräuchen des Schweizer Geldadels. Seine dortigen Erfahrungen verarbeitete er als satirischer Kolumnist in der Zürcher Weltwoche („Business Class“, liegt auch als Buch vor). Drehbücher und Songtexte gehören ebenso zu seinen Werken wie zwei Theaterstücke. Mittlerweile zum Bestseller-Romancier avanciert, verkörpert Suter in seinen mit dezent ironischer Kritik an der Zürcher Upper Class durchzogenen Unterhaltungsromanen – zuletzt im Roman „Der Koch“ – ein wenig das moralische Gewissen der Schweiz, auch wenn er etwas kokett behauptet, seine Bücher hätten keine Moral.

Martin Suter lebt mit seiner Familie auf Ibiza und in Guatemala. Sein Roman „Small World“ wurde 2010 vom französischen Regisseur Bruno Chiche mit Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara in den Hauptrollen verfilmt. Die real vorhandene oder imaginierte kriminelle Energie seines Umfeldes hat Martin Suter immer beschäftigt und ist Teil seiner Werke, da ist der Weg zum Krimihelden nur folgerichtig. Das eigentliche Schwerpunktthema eines klassischen Kriminalromans – Schuld und Sühne – kommt in dem ersten „Allmen“-Fall allerdings nur am Rande vor, zu sehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Über eigene Schuld und Versäumnisse denkt der Protagonist zwar manchmal nach, aber larmoyant und ohne moralische Konsequenz. Seine geistige Brillanz setzt Allmen ein, um sich äußerst raffiniert aus dem Sumpf zu ziehen, mit nicht unbedingt legalen Mitteln, dafür aber mit der ihm eigenen Gentleman-Gangsterehre, die er auch bei seinen Gegnern voraussetzt.

Die nächsten beiden Allmen-Romane sind schon geschrieben, man darf gespannt sein, wie der Schweizer Held seine Herausforderungen meistern wird – und ob diese wieder eine reale Grundlage haben wie der aktuelle Fall: die fünf Gallé-Schalen mit den Libellenmotiven wurden tatsächlich am 27. Oktober 2004 bei einem Einbruch aus einer Schweizer Ausstellung gestohlen. Sie sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Auch die folgenden Romane werden glänzend geschrieben sein, von flirrender Leichtigkeit und mit feinsinniger Ironie.

Martin Suter: Allmen und die Libellen. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2011, 208 Seiten, EUR 18,90

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