Ein Mörder, den es nicht geben darf

Gut inszenierter Thriller, der aber die Romanvorlage verfälscht und insgesamt nicht überzeugen kann: „Kind 44“. Von José García
Foto: Concorde | Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Tom Hardy) sucht auf eigene Faust nach einem Serienmörder, den es 1953 in der Sowjetunion nicht geben darf.
Foto: Concorde | Geheimdienstoffizier Leo Demidow (Tom Hardy) sucht auf eigene Faust nach einem Serienmörder, den es 1953 in der Sowjetunion nicht geben darf.

2008 veröffentlichte der Brite Tom Rob Smith seinen Debütroman, einen während des Kalten Krieges in der Sowjetunion angesiedelten Thriller mit dem Titel „Kind 44“ („Child 44“). „Kind 44“ handelte von einem Serienmörder, der in Stalins Sowjetunion gar nicht existieren dürfte. Denn „im Paradies kann es keinen Mord geben“, so die offizielle Sprachregelung. Verbrechen fänden nur im dekadenten, kapitalistischen Westen. Als im Moskau des Jahres 1953 auf den Bahngleisen die verstümmelte, nackte Leiche eines etwa zehnjährigen Jungen auftaucht, muss denn auch der Geheimdienstoffizier Leo Demidow die Tat als Unfall ausgeben. Als aber wieder ein Mord an einem Jungen geschieht, beginnt Demidow auf eigene Faust zu ermitteln. In die thrillermäßige Haupthandlung streute Tom Rob Smith Hinweise auf Demidows Kindheit während der dreißiger Jahre ein. Dieser Nebenstrang schildert die Bemühungen eines Bruderpaares, das der allgemeinen Hungersnot entkommen möchte. Der zehnjährige Pavel und sein achtjähriger Bruder Andrej machen sich auf die Jagd nach einer Katze für sich und ihre Mutter. Während der Jagd verschwindet aber der ältere Bruder auf Nimmerwiedersehen. Andrej ist zutiefst verstört, weil er sich von seinem älteren Bruder im Stich gelassen fühlt.

Ridley Scott, der berühmte Regisseur von „Alien“ (1979), „Blad Runner“ (1982) und „Gladiator“ (2000), sicherte sich die Filmrechte an Smiths Roman zu. Scott produziert zwar den gleichnamigen Film „Kind 44“, der nun im regulären Kinoprogramm anläuft, übernimmt aber nicht die Regie. Dazu wurde der schwedische Regisseur Daniel Espinosa verpflichtet. Das Drehbuch verfasste Richard Price, der 1986 für „Die Farbe des Geldes“ (Regie: Martin Scorsese) für den Oscar nominiert wurde. Bei der Adaption eines Romans für die große Leinwand müssen zwar zwangsläufig Kompromisse eingegangen werden. Wie jedoch Richard Price und Daniel Espinosa mit „Kind 44“ verfahren sind, geht weit darüber hinaus. Denn sie verstümmeln die Kindheitshandlung bis zur Unkenntlichkeit, sodass sie lediglich ein kaum mit der Haupthandlung zusammenhängendes Anhängsel bleibt. Dadurch berauben sie aber „Kind 44“ einer zusätzlichen Dimension, die dem Roman eine tiefere Schicht verleiht. In ihrer Verfilmung ist der Protagonist ein namenloser Junge aus einem Waisenhaus gewesen, der während des Krieges einen neuen Namen erhielt. Leo Demidow (Tom Hardy) zeichnete sich während des Krieges insbesondere dadurch aus, dass er bei der Eroberung Berlins die sowjetische Flagge auf dem Reichstag hisste.

Nach dem Krieg machte der als „Held der Sowjetunion“ gefeierte Leo Demidow Karriere beim sowjetischen Geheimdienst, dem allseits gefürchteten MGB. Von der Bedeutung seiner Arbeit überzeugt, verfolgt er Regimekritiker und von den Behörden als systemgefährdend eingestufte Elemente gnadenlos. Im Jahre 1953, als die Handlung einsetzt, ist Demidow mit Raisa (Noomi Rapace) verheiratet. Was er für eine gute Ehe hält, ist in Raisas Augen lediglich ein Arrangement. Denn sie stimmte nur aus Angst seinem Heiratsantrag zu. Bald wird auch sein Glaube an das System erschüttert, als an den Bahngleisen die verstümmelte Leiche eines Jungen gefunden wird. Obwohl alle Indizien auf Mord hinweisen, muss er dem Vater des Jungen mitteilen, dass der Tod von den Behörden als Unfall eingestuft wird. Besonders brisant: Der Vater des Ermordeten ist der seit Kriegszeiten mit ihm befreundete Geheimdienstkollege Alexei Andrejew (Fares Fares).

Ein weiteres Ereignis setzt Demidow zusätzlich unter Druck: Als sein sadistischer Kollege Wassili (Joel Kinnaman) den der Spionage verdächtigten Tierarzt Anatoli Brodsky (Jason Clarke) foltert, gesteht dieser angeblich, dass zu seinen Mitverschwörern Demidows Frau Raisa gehört. Wobei keine Rolle spielt, ob der Gefolterte tatsächlich den Namen ausgesprochen oder Wassili ihn eigenmächtig auf die Liste gesetzt hat. Demidows Vorgesetzter Generalmajor Kuzmin (Vincent Cassel) beauftragt Leo mit der Untersuchung. Selbstverständlich wird erwartet, dass Leo seine eigene Frau denunziert. Im Laufe der Ermittlungen erfährt der Geheimdienstoffizier, dass noch mehr Jungen ermordet wurden. Offenbar handelt es sich dabei um einen Serientäter, der seine Opfer entlang der Bahnstrecken Russlands sucht.

Regisseur Daniel Espinosa gelingt es zwar, die oppressive Atmosphäre des Romans, die Willkür des stalinistischen Systems, das Gefühl des Ausgeliefertseins auf die Leinwand zu übertragen. Als etwa Leo die Wahrheit herausfinden will, bekommt er zu hören: „Weißt Du, was mit den Menschen geschieht, die hierzulande nach der Wahrheit verlangen?“ Die meistens düsteren Bilder des Kameramanns Oliver Wood vermitteln einen klaustrophobischen Eindruck, der die Ausweglosigkeit der in dieses System eingeschlossenen Menschen unterstreicht. Unabhängig von seiner Position läuft jeder stets Gefahr, denunziert zu werden. Und bei jeder Denunziation steht das Urteil von vorne herein fest.

Die Übertragung des eigentlichen Kerns des Romans fällt jedoch enttäuschend aus. Nicht nur, dass Espinosa die Suche nach dem Serienmörder schnell abhakt, dass einige Handlungselemente, die im Roman eine Schlüsselposition einnehmen – etwa der Einsatz eines „Wahrheitsserums“ bei Leo Demidow – im Film überhaupt keinen Sinn ergeben. Weil die Auflösung im Film erschreckend vereinfachend ausfällt, macht Espinosas Verfilmung aus dem vielschichtigen Roman von Tom Rob Smith einen zwar gut inszenierten, aber letztlich durchschnittlichen Thriller.

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