Ein Mensch, der sich furchtlos als Christ bekannte

Eine Pfarrerstochter als „kleines Biest“ – Ingeborg Forssman stellt Dorothy L. Sayers vor

Der Kriminalroman hat es nicht leicht in Deutschland: Obwohl dem Genre mittlerweile auch aus Sicht der Literaturwissenschaft ein Platz in der Belletristik zusteht, haftet dem „Krimi“ doch weiter der Ruf des oberflächlichen Lesevergnügens und oft eines literarischen Wegwerfprodukts an. In der Tat ist vieles, was sich im Buchhandel findet, ohne höhere Ansprüche geschrieben und auch nur so zu konsumieren. Aber warum sollte das nicht auch seine Berechtigung haben? Es kann nicht jeden Tag Celan sein.

Doch muss, wer sich an einem Kriminalroman erfreuen will, auf Qualität und einen moralischen Standpunkt nicht verzichten. Neben dem „harten“ amerikanischen Stil, der auf Sex und Gewalt zurückgreift und der in der 50er Jahren von Autoren wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler begründet wurde, stehen die großen britischen Autoren: Conan Doyle hat mit seinem allein auf die Kraft des Verstandes vertrauenden Sherlock Holmes die Gattung revolutioniert, Chesterton mit seinem scheinbar naiv vorgehenden Father Brown dann die Grenzen eines sich nur am Scharfsinn orientierten Vorgehens aufgezeigt. Die Tochter eines anglikanischen Pfarrers, Dorothy Leigh Sayers (1893–1957), führte neben dem liebenswürdigen Priester Chestertons einen weiteren Amateur-Detektiv ein, Lord Peter Wimsey, der auf sicherem moralischen Grund und vor dem Hintergrund einer Upperclass-Existenz seine Fälle löst. Dessen Schöpferin, die Literatur-Wissenschaftlerin und Dante-Übersetzerin Sayers, die sich ihren Lebensunterhalt lange Zeit als Werbetexterin verdiente, stellt Ingeborg Forssman jetzt in einem kleinen Band vor, der ein Geschenk für alle Verehrer Lord Peters ist. Schon dessen Herkunft, wie seine literarische „Mutter“ sie sich vorstellt, ist ein Leckerbissen für Freunde britischer Besonderheiten. Der Lord ist nämlich der zweite Sohn eines britischen Herzogs. Das bedeutet, dass er nicht nach dem Titel seines Vaters heißt, der – anders als bei uns – nicht mit dem Familiennamen identisch ist. Er heißt aber auch nicht wie sein älterer Bruder, der nach dem Tod des Vaters der nächste Herzog sein wird und sich in der Zwischenzeit mit einem „Höflichkeitstitel“ unterhalb des Herzogsrangs begnügen muss, aber immerhin Markgraf – Marquess – ist. Lord Peter ist zwar als Nachgeborener auch Angehöriger des höheren Adels, trägt aber den eigentlichen Familiennamen der ganzen Sippe, Wimsey eben. Wem einmal aufgegangen ist, dass Angehörige des Erbadels im Vereinigten Königreich unter drei verschiedenen Nachnamen erscheinen können, der hat schon einiges vom britischen „Class System“ verstanden. Sayers – sie legte Zeit ihres Lebens Wert darauf, dass ihr Name so gesprochen wird, dass er sich auf „Stairs“ reimt, weil die etwas nachlässige Aussprache vornehmer klingt – bleibt aber nicht dabei stehen, derlei Girlanden zu flechten, sie will vielmehr mit der Figur ihres adligen Detektivs deutlich machen, dass auch vornehme Menschen mitfühlend und anständig sein können. Was Lord Peter, dem in allen Lebenslagen sein kongenialer Butler Bunter zur Seite steht, sicher ist.

Tatsächlich darf man sich von Sayers leicht snobistischer Vorliebe für die Welt der „High and Mighty“ nicht in die Irre führen lassen, so wie auch Wimsey seinerseits gerne Ausflüge in die damals noch intakte Welt englischer Landgemeinden unternimmt und frohgemut auf die Menschen zugeht. Herzensbildung, ein unbekümmerter Humor und ein sicheres Gefühl für das, was gut und böse ist – mit diesen sympathischen Eigenschaften stattet ihn seine Schöpferin aus, blasiertes Benehmen macht den klassisch gebildeten Sammler alter Bücher eher misstrauisch. Ingeborg Forssman gibt nicht nur wertvolle Anmerkungen zu den insgesamt 14 Bänden der Lord Peter-Reihe, sie lüftet auch das Geheimnis, wer Dorothy Sayers als Modell diente für die Figur des smarten Hobby-Detektivs – es war niemand anderer als ein anglikanischer Universitätskaplan aus gemeinsamen Studienzeiten. Vor allem macht sie sich die Mühe, uns die beträchtliche nicht-kriminalistische Autorentätigkeit der auf den britischen Inseln nach wie vor bekannten Schriftstellerin vorzustellen. Die aber ist spannend genug und wurde in Deutschland leider nie recht zur Kenntnis genommen: Sayers' in eigener Sicht wichtigere Werke behandeln religiöse Themen wie etwa die mit großem Erfolg in der BBC gesendeten Radiodramen über die Evangelien, die im gleichen Verlag wie Forssmans Buch unter dem Titel „Zum König geboren“ erschienen sind und die unbedingt die Lektüre lohnen.

Ja, für Sayers, die als eine der ersten Frauen einen Oxforder Magister-Abschluss vorzuweisen hatte und die ein großes Interesse am deutschen Geistesleben besaß, waren ihre Kriminalromane eher Produkte für den Broterwerb, die sie zwar mit Liebe und Sorgfalt verfasste, aber in den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens auch ebenso gerne aufgab, um sich einer heute noch gerühmten Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und eben vor allem Werken zu widmen, die sich um eine zeitgemäße Übertragung der christlichen Botschaft mühten. Dahinter stand ein Mensch, der sich stets furchtlos als Christ bekannte und der mit ebensolcher Beharrlichkeit auf der Suche nach dem „Mann fürs Leben“ war. Ein uneheliches Kind aus einer Liaison mit einem Gelegenheitsarbeiter, mit dem sie nur angebandelt hatte, um eine unglückliche andere Liebe zu vergessen, legt einen Hauch von Tragik über das Leben der Pfarrerstochter, die dies ihren Eltern einzugestehen nie übers Herz brachte und das Kind von einer Freundin aufziehen ließ.

Genug Stoff für eine großangelegte Biographie über eine ungewöhnliche Frau, der es im Großen und Ganzen gelang, im Leben das zu tun, was sie wollte. Diese finden wir im schmalen Band von Ingeborg Forsman nicht vor, die etwas betulich erzählt und gelegentlich zu erstaunlichen Einschätzungen kommt, wenn sie etwa ihre Heldin zum „Gewissen der Nation“ im England der 50er Jahre ernennt. Doch hat sie eine wertvolle Einführung in ein in Deutschland wenig bekanntes Werk vorgelegt. Dies aber ist so facettenreich, dass sich die Begegnung mit der unkonventionellen Schriftstellerin auch und besonders für christliche Leser lohnt. Warum interessiert sich die Pfarrerstochter überhaupt für Kriminalromane? Weil sie schon als Kind den vorlesenden Vater bat, auch die „blutigen“ Stellen nicht auszulassen; in ihren eigenen Worten: „Ich war schon immer ein robustes kleines Biest“.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier