Ein Loblied auf Dominikus

Der Hymnus „Gaude, mater Ecclesia“ von Antonio Vivaldi ist vermutlich für eine Niederlassung des Dominikanerordens entstanden. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Hat ein umfangreiches kirchenmusikalisches Werk hinterlassen: Antonio Vivaldi.
Foto: IN | Hat ein umfangreiches kirchenmusikalisches Werk hinterlassen: Antonio Vivaldi.

Die Rezeptionsgeschichte der Werke Antonio Vivaldis ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Vorurteile den Blick der Wissenschaftler trüben können. Denn lange Zeit ging man in der Forschung davon aus, dass Vivaldi, obwohl Priester, nicht an der Komposition sakraler Musik interessiert gewesen sei. Das ist ungefähr so logisch wie die These, die Kompositionen Hildegard von Bingens seien keine gesungenen Gebete und müssten erst durch redaktionelle Bearbeitungsprozesse „an die Liturgie herangeführt“ werden; eine These, von ernsthaften Forschern, die es besser wissen könnten, ohne dafür mangelnder Sachkenntnis hinsichtlich mittelalterlicher Lebenswirklichkeit in Klöster geziehen zu werden, diskutiert wird.

Bei Antonio Vivaldi wurde die das eigene Desinteresse am Glauben dankenswerterweise bestätigende Annahme, er habe keine Kompositionen für die Liturgie hinterlassen, allerdings durch die bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts herrschende Forschungslage unterstützt. Denn tatsächlich war, da Vivaldi nie eine Kirchenmusikerstelle innegehabt hatte, keine musikalische Produktion in größerem Umfang von ihm erwartet worden und die Anzahl der überlieferten geistlichen Werke war gering. Dies änderte sich, als die Salesianermönche von Montferrat im Jahr 1926 Kontakt mit der Nationalbibliothek von Turin aufnahmen und dieser eine Musiksammlung zum Verkauf anboten. Die 97 Bände mit zumeist autografen Partituren stammten, wie ein Gutachter feststellte, von Antonio Vivaldi und waren, so zeigte sich der Fachmann überzeugt, nur die Hälfte der gesamten Sammlung, deren zweiten Teil man beim Neffen des Marquis Marcello Durazzo fand. Neben 12 Opern, 29 Kantaten und 140 Instrumentalwerken fanden sich im Bestand der Salesianer und des Marquis auch über 50 kirchenmusikalische Werke. Und auch wenn man 1930 überzeugt davon war, den größten Teil der Kompositionen Vivaldis nun entdeckt zu haben, werden immer weitere Funde gemeldet wie die der Psalmvertonungen Vivaldis, die Peter Ryom und Janice Stockigt in den Jahren 1991, 2003 und 2005 in Dresden fanden. Qualitativ stehen die Magnificat- und Psalmvertonungen oder die Hymen den instrumentalen Concerti in nichts nach. Kein Wunder. Denn die Kirchenmusik Vivaldis entstand zeitgleich mit seinen weltlichen Kompositionen.

Ein einprägsames Beispiel für fantasievollen und geschichtsbewussten Umgang mit musikalischer Form und geistlichem Inhalt ist der Hymnus „Gaude, mater Ecclesia“, den Antonio Vivaldi, dessen 375. Todestags am 28. Juli dieses Jahres gedacht wurde, für das Fest des Heiligen Dominikus, dessen Ordensbrüder seit 2016 das 800. Gründungsjahr ihres Ordens feiern, komponierte. Vivaldi vertonte die erste, zweite und fünfte Strophe des Hymnus, dessen Strophen drei und vier vermutlich von der Gemeinde gesungen wurden. Hymnen oder das Magnifikat in Alternativpraxis, also im Wechsel zwischen Chor und Gemeinde aufzuführen, so wie es im anglikanischen Evensong, dem gesungenen Abendgebet, heute noch praktiziert wird, ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, komplexere Kirchenmusik für den hörenden Vollzug der zugleich aktiv teilnehmenden Gemeinde zu präsentieren. In „Gaude, mater Ecclesia“ wählt Antonio Vivaldi ein gleichbleibendes melodisches Modell, das mit allen Strophen des Hymnus verbunden werden, also auch komplett für alle fünf Strophen übernommen werden kann. Seine Melodie ist allerdings weitaus komplexer als die eines schlichten Vesperhymnus. Er entwickelt vielmehr eine arios wirkende, reiche, den Allelujajubilusmelismen gleichende Melodie, die, obwohl sie bei jeder Strophe viermal erklingt, wobei die ersten und die letzten beiden Verszeilen des Hymnus je zweimal gesungen werden, niemals gleich erscheint, weil sie durch die unterschiedlichen Textinhalte und die an der Centotechnik des gregorianischen Chorals orientierten Weise der Verbindung von Text und Melodie je neu und originell wirkt. Das instrumentale Präludium in Ritornelloform wird vor jeder Strophe als Zwischen- und zum Abschluss als Nachspiel wiederholt, was in der Gesamtform ein kleines Concerto ergibt. Vivaldi zeigt mit dieser Komposition, die vermutlich für eine Niederlassung des Dominikanerordens entstand, mit welcher Sachkenntnis er mit der Formensprache des Hymnus spielt, indem er dessen Struktur mit Kompositionstechniken verbindet, wie sie im gregorianischen Choral angewendet wurden, und seine neue geistliche Musik so an den Schatz der Tradition zurückbindet. Es ist gut denkbar, dass der Hymnus „Gaude, mater Eclesia“ auch im Ospedale della Pieta musiziert wurde. Schließlich hatte sich Dominikus kurz vor seinem Tod am 6. August 1221 in Venedig aufgehalten. Vivaldi wirkte in diesem Heim für Waisenmädchen in Venedig als Instrumentallehrer und schließlich als Leiter des Hauses.

Das Konzept ist ebenso einleuchtend wie genial. Die im Ospedale aufgenommenen Waisen erhielten neben dem schulischen Unterricht eine Ausbildung an einem Instrument oder als Sängerin, die ihnen, sofern sie nicht heirateten, die Sicherung ihrer Existenz ermöglichte. Natürlich komponierte Vivaldi auch für die jungen Frauen – unter anderem die berühmten Concerti „Die vier Jahreszeiten“. Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass Vivaldi, der bereits als Kaplan am Ospedale tätig gewesen war, auch geistliche Werke für die Gestaltung der Gottesdienste an der dem Ospedale angeschlossenen Kirche schrieb. Denn auch die zahlreichen Violinkonzerte und Sonaten Vivaldis wurden in den Eucharistiefeiern während der Gabenbereitung und der Kommunion musiziert. Das Konzept des Ospedale – körperliche und geistliche Fürsorge für Kinder mit einer qualifizierten musikalischen Ausbildung zu verbinden – war überaus erfolgreich. Die Instrumentalistinnen des Ospedale entwickelten sich zu einem Touristenmagnet. Ein anderer denkbarer Aufführungsort ist die Kirche Santi Giovanni e Paolo, ein bedeutender Bau der venezianischen Gotik, die bevorzugte Grabeskirche der Dogen und zahlreicher adeliger Familien Venedigs und Klosterkirche des Dominikaner, die seit 1245 in der Lagunenstadt ansässig waren. „Gaude Mater Ecclesia“ steht beispielhaft dafür, dass gute Kirchenmusik anlass- und ortbezogen dort entsteht, wo qualifizierte Musiker die Gelegenheit haben, darauf zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt.

Nachhören lässt sich die Komposition auf Track 19 der CD 10 der Sammelausgabe geistlicher Werke Antonio Vivaldis ,Vivaldi: The complete sacred music‘, eingespielt beim Label Hyperion vom Choir oft he King's Consort and the Kings Consort unter der Leitung von Robert King.

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