Ein kleines Mädchen im Land der Riesen

Großartige Mischung aus Animations- und Realfilm, mit Tiefgang trotz schlichter Handlung: „BFG – Big Friendly Giant“. Von José García
Foto: Constantin | Der sieben Meter große Riese BFG (Mark Rylance) entführt die zehnjährige Sophie (Ruby Barnhill). Nach anfänglichem Streit entdecken sie ihre Seelenverwandtschaft.

Die Kinderbücher des walisischen Schriftstellers Roald Dahl (1916–1990) erfreuen sich nicht nur großer Beliebtheit in der ganzen Welt, besonders aber in den Vereinigten Staaten. Etliche Roald-Dahl-Bücher wurden darüber hinaus für die große Leinwand adaptiert: „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (Mel Stuart 1971 und Tim Burton 2005), „Hexen hexen“ (Nicolas Roeg 1990), „James und der Riesenpfirsich“ (Henry Selick 1996) sowie „Der fantastische Mr. Fox“ (Wes Anderson 2009).

Nun verfilmt Steven Spielberg ein weiteres Kinderbuch von Roald Dahl, das 1982 veröffentlichte „BFG – Big Friendly Giant“, das bislang in 41 Sprachen übersetzt wurde und in Deutschland unter dem Titel „Sophiechen und der Riese“ erschien. Spielbergs Film feierte seine Weltpremiere im Mai 2016 bei den Internationalen Filmfestspiele von Cannes. „BFG – Big Friendly Giant“ erzählt von der außerordentlichen Freundschaft zwischen einem zehnjährigen Mädchen und einem geheimnisvollen Riesen – die Parallele zu Spielbergs Film „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) ist unübersehbar, handelte doch „E.T.“ ebenfalls von der wunderbaren Freundschaft zwischen einem einsamen Zehnjährigen und einem gutmütigen Besucher aus dem Weltall. Darin mag Spielbergs Interesse an der Verfilmung von „BFG – Big Friendly Giant“ gelegen haben, zumal Dahls Kinderbuch und sein Film „E.T.“ im selben Jahr 1982 erschienen. Jedenfalls ist der neue Spielberg-Film sein zweiter eigentlicher Kinderfilm nach „E.T. – Der Außerirdische“. Noch eine Gemeinsamkeit: Für das Drehbuch von „BFG – Big Friendly Giant“ zeichnet die im November 2015 verstorbene Melissa Mathison verantwortlich, die ebenfalls das Drehbuch für „E.T. – Der Außerirdische“ verfasst hatte.

Im Mittelpunkt von „BFG – Big Friendly Giant“ steht die zehnjährige Sophie (Ruby Barnhill), die in einem Londoner Waisenhaus lebt. Im Gegensatz zu allen anderen ist Sophie davon überzeugt, dass die Geisterstunde erst um 3 Uhr nachts beginnt. Dann schleicht sie durch die Flure des Waisenhauses und wartet auf die Ankunft des Schattenmanns. Bereits dadurch werden die Außenseiterposition Sophies und ihre Einsamkeit etabliert. Eines Nachts wird Sophie von einem Riesen entführt. Der Name BFG, den sie ihm später geben wird, passt außerordentlich zu ihm. Denn BFG (Mark Rylance) ist einfach ein freundlicher Riese, ganz im Gegensatz zu den neun anderen Einwohnern im Land der Riesen, wohin BFG die Kleine mitnimmt.

Obwohl mit seinen sieben Metern schon ein Riese, ist BFG halb so groß wie der 16 Meter große Fleischfetzenfresser (Jemaine Clement), der Anführer der Truppe. Allerdings zeichnet sich Fleischfetzenfresser nicht gerade durch Intelligenz aus. Dafür steht ihm der 13 Meter große Blutschlürfer (Bill Hader) zur Seite, der eigentlich die Fäden zieht. Im Unterschied zu den beiden und den anderen ähnlichen Riesen ernährt sich BFG als Vegetarier von einem ekligen Gemüse namens Rotzgurke. Darüber hinaus hortet er in seiner Höhle Träume, die er nachts mit einer Trompete den Schlafenden einbläst. Da er sich vor den anderen Riesen fürchtet, bleibt BFG lieber allein. Sophies Ankunft im Land der Riesen führt nicht nur zwei einsame Wesen zusammen. Sie bringt auch die dort herrschende Ordnung durcheinander. Aber die kleine Sophie heckt einen Plan aus, um die bösen Riesen aus dem Land zu verbannen.

Für die Darstellung der Riesen setzen die Filmemacher das sogenannte Motion- oder Performance-Capture-Verfahren ein: Kameras speichern die Bewegungen, die Mimik und die Sprache der Schauspieler, die dann auf die im Computer animierten Figuren übertragen werden. Diese Technik hatte Wes Anderson 2009 bei der Verfilmung von Roald Dahls „Der fantastische Mr. Fox“ verwendet. Steven Spielberg selbst setzte sie in seinem Film „Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ (2010) ein. In „BFG – Big Friendly Giant“ werden die mittels dieser Technik digital erzeugten Figuren mit dem Realfilm verknüpft. Es sind nicht computergenerierte Figuren, sondern echte Schauspieler, die diese Rollen übernehmen. Dabei kann Mark Rylance als BFG eine ganze Bandbreite an Gefühlen darstellen – im Unterschied etwa zu Jemaine Clement, der einfach hinterhältig und gewalttätig dreinzuschauen braucht.

Auch wenn Drehbuchautorin Melissa Mathison aus der episodischen Handlung von „BFG – Big Friendly Giant“ einen abendfüllenden Film entwickelt hat, den Spielbergs Haus-Kameramann Janusz Kaminski in teils schaurige Stadt-, teils schöne Landschaftsbilder umsetzt, die von John Williams musikalisch untermalt werden, bleibt die Handlung eher schlicht, so dass der Film teilweise manche Längen aufweist und vor allem gegen Ende einen unpassenden militärischen Ton einschlägt. Dennoch: Die außerordentlich gelungene Mischung aus animierten und Realfiguren, die großartigen Bilder und die lustigen Sequenzen machen „BFG – Big Friendly Giant“ sehenswert. Zu den lustigen Einlagen zählt insbesondere die Fantasie-Sprache von BFG, genannt Gobblefunk.

„BFG – Big Friendly Giant“ erzählt eine Geschichte über Freundschaft, über Loyalität, aber auch über Erlösung. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, was Drehbuchautorin Melissa Mathison über BFG ausführt: „Obwohl er Rotzgurken verabscheut, isst er sie – man könnte fast sagen, um Abbitte dafür zu leisten, dass die anderen Riesen Kinder essen.“ In dieses Bild passt ebenso, dass der schlimmste Traum, den BFG in seiner Höhle hortet, lautet: „Ich sehe, was Du getan hast. Für Dich gibt es keine Vergebung“.

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