Ein Hang zum dunkel Pathetischen

Meister der Selbstinszenierung: Zum heutigen 25. Todestag des spanischen Malers Salvador Dalí. Von Susanne Kessling
Foto: IN | Salvador Dalí: „Der Christus des heiligen Johannes vom Kreuz“, 1951.
Foto: IN | Salvador Dalí: „Der Christus des heiligen Johannes vom Kreuz“, 1951.

Er hatte das ausgeprägte Talent, sich selbst in Szene zu setzen und gut zu vermarkten. Salvador Dalí (1904–1989) ist der meistgefeierte surrealistische Maler. Der aus Figueras nahe Barcelona als Sohn eines Notars geborene Dalí war auch Grafiker, Schriftsteller, Bühnenbildner und wirkte in Filmen mit. Exzentrik bestimmte sein Leben, die sich schon im Äußeren und im Habitus widerspiegelt. Auf vielen seiner Fotos ist er – ganz Bonvivant und Künstler – mit weit aufgerissenen Augen, einem nach oben gezwirbelten Schnurrbart, schulterlangem Haar und einem Stock mit Goldknauf abgebildet. Gemäß dem Motto Dalís „Wer interessieren will, muss provozieren“ darf sein immenser Erfolg aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er und seine Ehefrau Gala, die ihm Managerin und Muse zugleich war, bis heute nicht unumstritten sind. Angeblich wurden am Ende seines Lebens mit seinem Wissen viele Drucke gefälscht.

Ab 1921 studierte Dalí an der Kunstakademie San Fernando in Madrid, von der er wegen Aufsässigkeit 1926 verwiesen wurde. In Paris lernte er Picasso kennen und bei einer Reise nach Holland kam er mit dem Werk Vermeers in Berührung, das ihn zeitlebens inspirieren sollte. In den Kreis der Surrealisten führte ihn Joan Miro ein. Nach seiner Rückkehr nach Katalonien schloss er sich der dortigen Avantgarde-Szene an. Dalís Gedankenwelt und sein kunsttheoretischer Ansatz spiegelt sich im sogenannten „Gelben Manifest“ von 1928 wider, das er mit zwei Kunstkritikern, Lluis Montanya und Sebastia Gasch, herausgab. In dieser „Unabhängigkeitserklärung der Phantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf seine Verrücktheit“ nannte er seine Kunst „activité paranoiaque-critique“ oder kritisch paranoides Verfahren. Die drei proklamierten eine Erneuerung der Kunst und wandten sich in ihrem avantgardistischen Gedankengut gegen die Kultur der Akademie. Dies ging, wie in jeder Kunstrichtung, die sich von der klassischen, traditionell gelehrten Malweise absetzt und Neues wagt, mit einem Bruch einher. Dieser war bei Dalí sehr radikal. Das zeigt sich im Vergleich mit dem „Angelusgebet“ des französischen Malers Jean-François Millet (1814–1875), das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand und eines der Paradebeispiele der Schule von Barbizon darstellt. Die Vertreter dieser Künstlerkolonie widmeten sich vornehmlich der Landschaftsmalerei. Das berühmteste Bild zeigt einen Bauern und eine Bäuerin auf dem Feld, wie sie ihre Arbeit ruhen lassen, um innezuhalten und zu beten. In freier Assoziation sieht Dalí in dem Mann einen Regenschirm und in der Frau eine Nähmaschine. Er betitelt die Szene um in: „Das Abendläuten von Millet, schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“. In seinen kunsttheoretischen Schriften über Realität und Surrealität bemerkt Dalí: „Diese Wahrnehmung der Realität, zu der uns der Automatismus führt, der die letzten naturalistischen Reste endgültig vertreibt, passt zu André Bretons Formulierung, die Surrealität sei in der Realität enthalten und umgekehrt.“ André Breton war der Theoretiker des Surrealismus.

Der Einfluss Sigmund Freuds, dem Entdecker des Unterbewussten, auf die Surrealisten war immens. Dalí lernt Freud in dessen Exil in London kennen. „Als er durch die Schriften Freuds auf die Symbolwelt des Unterbewussten als einer verschütteten Realität hingewiesen wurde, fand sein Hang zum dunkel Pathetischen und unerklärlich Phantastischen den rechten Ansatz“, erklärt Werner Haftmann in seinem grundlegenden Werk zur Malerei des 20. Jahrhunderts. „Gerade Dalís Kunst gibt die besten Beispiele: die Doppelbilder, wo das eine auch das andere meint, ein Gesicht zur Landschaft wird und diese wieder zur Figur. Es ist die verborgene Erscheinung, die sich erneut verbirgt und der sinnlichen Seherfahrung ihr quälend Widersprüchliches beweist“, so Haftmann. Die aus dem Unbewussten aufsteigenden Traumbilder und die freie Assoziation waren auch für Federico Garcia Lorca und Luis Bunuel, zwei Mitstudenten, die Dalí 1922 in Madrid kennenlernte, von Bedeutung. Mit Letzterem arbeitete er an dessen Film „L'age d'or“. Das Leben des Malers bekam in seiner Begegnung mit Gala einen für seine künstlerische Laufbahn und für seinen Bekanntheitsgrad wichtigen Impuls. Paul Éluard hatte zusammen mit seiner Frau Helena, die Gala genannt wurde, und René Magritte Dalí in Katalonien besucht. Salvador Dalí und die zehn Jahre ältere Gala kamen sich näher und heirateten nach der Scheidung Galas 1934. Sie gab ihm wichtige Impulse und Anregungen zur Vermarktung seiner Gemälde. Mit dem Erlös seiner Bilder bauten sie ein 1930 in Portlligat erworbenes Haus aus. Im Jahr darauf entsteht eines der bekanntesten Werke des Künstlers, „Die Beständigkeit der Erinnerung“, das heute im Museum of Modern Art in New York hängt. Es zeigt zerfließende Taschenuhren vor einer schroffen Küstenlandschaft. Das nur 24,1 mal 33 Zentimeter große Gemälde erinnert an die eingangs erwähnte Vorliebe für die Kunst des Niederländers Jan Vermeer insbesondere in der präzisen und technisch brillanten Wiedergabe auf kleinstem Format. Als Dalí vor dem Spanischen Bürgerkrieg nach Italien geflohen war, wurde er in Rom von Renaissance-Meistern wie Raffael und Piero di Cosimo und von den Malern des Barock beeinflusst.

Dalí wandte sich auch christlichen Motiven zu

Kunst und Kommerz sind im 21. Jahrhundert eng miteinander verbunden. Umso erstaunlicher ist, wie sich bereits der junge Dalí zu vermarkten verstand. Auch Modeschöpfer, wie beispielsweise Elsa Schiaparelli, ließen sich in den späten dreißiger Jahren von ihm inspirieren. Ob Mode, Accessoires, Parfums – auch der Einfluss auf die Werbung machte Dalí bekannt und mehrte seinen Ruhm. Der Hang, sich werbewirksam in Szene zu setzen, verunsicherte die anderen Surrealisten, insbesondere Breton, der glaubte, Dalí wolle deren Anführer werden. 1939 kam es zum endgültigen Bruch. In den vierziger Jahren hielten sich die Dalís in Amerika auf, 1942 erschien die Autobiographie „Das geheime Leben des Salvador Dalí“. In dieser Zeit bezog der Maler seine Thematik nicht nur aus den Sphären des Traums und des Rausches, sondern auch aus der Religion. Dalís Konversion zum Katholizismus schlug sich in zahlreichen Bildern mit religiös-fantastischem Sujet nieder, wie die Madonna von Portlligat in zwei Versionen zeigt. Am 23. November 1949 empfing Papst Pius XII. Dalí zu einer Privataudienz. In mehreren Darstellungen des gekreuzigten Christus bricht der Maler mit der Perspektive des am Boden stehenden und nach oben blickenden Betrachters. Er lässt ihn aus kühn gewählter Sicht – von oben – auf den am Kreuz hängenden Leib blicken, nach Vorlage einer Zeichnung von Johannes vom Kreuz. Die Dramatik der Szene spiegelt sich in dem wie auf einer Bühne angeleuchteten Kruzifix vor tiefschwarzem Hintergrund wider.

Wie Pablo Picasso wurden auch Dalí schon zu Lebzeiten zwei Museen gewidmet. 1971 weihte er in Cleveland (Ohio) vom Ehepaar A. Reynolds Morse und Eleanor Morse erbautes Museum persönlich ein, das in den achtziger Jahren in St. Petersburg in Florida neu eröffnet wurde. 1974 übergab er dann in seiner Heimatstadt Figueras in Spanien das Teatre-Museu feierlich seiner Bestimmung. Salvador Dalí starb am 23. Januar 1989 an Herzversagen. Auf seinen eigenen Wunsch fand er seine letzte Ruhestätte in Figueras.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer