Ein Dichterkreis von spiritueller Frömmigkeit

Er war der Bote seiner Zeit und der Ewigkeit – Am Mittwoch vor 200 Jahren starb der Lyriker Matthias Claudius. Von Gudrun Trausmuth
Dichter Matthias Claudius
Foto: IN | Der Dichter Matthias Claudius.

Matthias Claudius ist der Dichter des „Abendlieds“: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen…“ – Diese, zum kulturellen Kern des deutschen Sprachraums gehörenden Zeilen rechtfertigen an sich schon einen bleibenden Rang in der Literatur-und Kulturgeschichte. Wie zeitlos ansprechend und anziehend dieses Gedicht ist – das im Übrigen eine Weiterentwicklung und Aktualisierung des Gedichts von Paul Gerhart „Nun ruhen alle Wälder“ (1657) darstellt – zeigt auch die Tatsache, dass es 2013 auch ins neue Gotteslob (Nr. 93) aufgenommen wurde.

„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar. Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Lüften steiget, der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, und in der Dämmrung Hülle, so traulich und so hold! Als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt!“ In der vierten Strophe relativiert Claudius die Erkenntnisfähigkeit des Menschen: „Wir stolze Menschenkinder sind eitel arme Sünder, und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ Welches „Ziel“ Claudius hier meint, offenbart sich in den – im Übrigen weniger bekannten Strophen 5 und 6 –, die im Ton eines Gebets sich an Gott wenden. Der Dichter bittet hier um einen Kinderglauben im besten Sinne, der sich im Himmel vollendet: „Gott, lass uns dein Heil schauen, auf nicht Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freun! Lass uns einfältig werden, und vor dir hier auf Erden, wie Kinder fromm und fröhlich sein. Willst du dann sonder Grämen, uns von der Erden nehmen, durch einen sanften Tod! Und wenn Du uns genommen, lass uns in Himmel kommen, du unser Herr und Gott!“ Vor dem Hintergrund dieser warm-vertrauenden Strophen relativiert sich der „kalte Abendhauch“ der berühmten letzten Strophe, der vielfach als Todesnähe verstanden wurde: „So legt euch denn ihr Brüder, in Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch! Verschon uns Gott mit Strafen und lass uns ruhig schlafen, und unsern kranken Nachbarn auch!“

Dieses berühmteste Gedicht des Pastorensohns Matthias Claudius (1740–1815) bildet die vielen Dimensionen des Journalisten und Dichters wie ein Kompendium ab: das Romantische, die Auseinandersetzung mit der Aufklärung, seinen zuversichtlichen Glauben ebenso wie seine Beschäftigung mit dem Tod. Dazu kommt im Abendlied ein überraschendes, fast keckes Moment, das zugleich rührend ist, wenn im unvermittelten Nachsatz „und unsern kranken Nachbarn auch“ der Segenswunsch zur guten Nacht von „uns“ auf den leidenden Nächsten ausgedehnt wird.

Während in Weimar Goethe als der unerreichbare Leitstern der deutschen Geniezeit und Klassik strahlt, wird in Wandsbeck nahe Hamburg Matthias Claudius zum Träger einer ganz anderen Tonalität, die in ihrem Zusammenklang von Schlichtheit und Tiefe die Kämpfe der Zeit wie die Spannungsfelder eines Lebens gleichermaßen durchscheinen lässt. Berühmt gemacht hat Claudius zunächst seine Tätigkeit als Redakteur: Nach einer wenig befriedigenden journalistischen Tätigkeit in Hamburg, betreut er von 1171 bis 1775 die von Heinrich Carl von Schimmelmann initiierte Zeitung „Der Wandsbecker Bothe“. Unter dem Pseudonym „Asmus“ erscheint auf den vier Seiten des Blattes der Großteil seines Werkes, viele Tagesartikel, Rezensionen, aber auch Gedichte. Der freundschaftsbegabte und offenbar mit großer persönlicher Strahlkraft ausgestattete Claudius konnte auch große Namen seiner Zeit wie Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Johann Heinrich Voß oder Johann Georg Jacobi als Autoren des „Wandsbecker Bothen“ gewinnen. Zum Freundeskreis von Claudius und seiner liebenswerten und schönen Frau Rebecca (1754–1832) gehören auch Gotthold Ephraim Lessing, Johann Georg Hamann, Karl Philipp Moritz oder Philipp Emmanuel Bach. Die glückliche Ehe ist mit zwölf Kindern gesegnet, die materielle Lage allerdings teils prekär. Diese Situation lässt die Familie Claudius 1775 für wenige Jahre nach Darmstadt ziehen, von wo sie aber wieder nach Wandsbeck zurückkehrt; eine gewisse Konsolidierung erfährt die finanzielle Situation erst, als Claudius schließlich mit einem Ehrensold des dänischen Kronprinzen sowie mit einem Revisorenamt der „Schleswig-Holsteinischen Speciesbank“ bedacht wird.

Zum Erstaunlichen und Widersprüchlichen dieses Lebens zwischen Aufklärung und Frömmigkeit gehört, dass Claudius ab 1775 einer Hamburger Freimaurerloge angehört. Allerdings dürfte er dort 1780 gestrichen worden sein, was nicht nur mit seiner zunehmend kritischen Haltung der Aufklärung gegenüber zu tun haben mag, sondern auch damit, dass er im „Emkendorfer Kreis“ eine geistige Heimat findet. Dieser literarische Salon auf Gut Emkendorf bei Kiel rund um Juliane Friederike von Reventlow ist geprägt von einer spirituellen Frömmigkeit und versammelt und nährt Größen wie Klopstock, Lavater, Voss oder Claudius.

Ab 1775 gab Claudius seine Werke unter dem Titel „Asmus omnia sua portans“ her-aus, bereits ab 1783 überwogen religiöse Themen. Den großen Entwürfen des Menschen, die die Weimarer Klassik kannte, stand Claudius skeptisch gegenüber. Korrigierend einfach, nüchtern und treffend, ruft Claudius dem teils arroganten anthropologischen Optimismus seiner Zeit sein Lied auf den Menschen zu. In seinem abgeklärten, unsentimentalen Ton handhabt Claudius ebenso souverän wie das Launig-Lebensfrohe des Gedichts „Nach der Krankheit 1777“, in welchem das lyrische Ich „Freund Hain“, den Tod, der „lächelt“ und es – wie auch im Abendlied gewünscht – „sanft zur Ruh“ bringen will, noch einmal vom Bett wegschicken kann: „Will mich denn freun noch,/ wenn auch Lebensmühe,/ Mein wartet, will mich freun!/ Und wenn du wiederkömmst,/ spät oder frühe,/ so lächle wieder, Hain!“ Der letzte Grund, warum Claudius dem Tod, „Freund Hain“, auf diese Weise begegnen kann, offenbart sich an anderer Stelle als tiefes, bergendes Gottvertrauen: „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergehet mit ihrer Herrlichkeit. Es ist nur Einer ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen.“

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