Ein Dichter, „von Beruf Andalusier“

Die Orte in Buenos Aires, an denen sich Federico García Lorca aufhielt, sind heute kulturelle Attraktionen Von Susanne Franken

Er fühlte sich „wie der Fisch im Wasser“ und war bald selbst die größte „kulturelle Attraktion“ der Stadt; Fotografen, Journalisten und „Fans“ waren ständig hinter ihm her. Nach zwei Wochen Überfahrt auf dem Transatlantikdampfer „Conte Grande“ war der spanische Dichter Federico García Lorca am 13. Oktober 1933 in Buenos Aires angekommen. Er quartierte sich im „Hotel Castelar“ im Zimmer 704 ein, wo Jahre später auch seine Schwester logieren sollte. Das Zimmer wurde Ende 2003, siebzig Jahre nach seinem denkwürdigen Besuch, als eine Art Gedenkstätte restauriert – in seinem Bett schlafen kann man nicht mehr. Als „Dichter, den der Tod nicht töten konnte“, wurde García Lorca bei einem Konzert in dem Hotel geehrt. Der gehässige Kollege Borges sah das anders: „Der Tod hat ihm sicher genützt. Ich glaube, in Wirklichkeit hat er nur dazu beigetragen, dass Machado ein bewundernswertes Gedicht geschrieben hat.“ In der Nacht zum 20. August 1936, in den ersten Bürgerkriegstagen, war Lorca bei Granada ermordet worden.

Seine Fähigkeit zur Freundschaft wurde allseits gerühmt, nur mit dem fast gleichaltrigen Jorge Luis Borges wollte es nicht klappen: „Er kam mir vor, wie jemand der schauspielert, nicht wahr? Der eine Rolle spielt. Ich meine damit, er war von Beruf Andalusier“, er schmähte ihn als „handwerklichen Dichter“.

Der „Berufsandalusier“ stürzte sich jedoch in das Leben der Metropole Buenos Aires, er sog Tango ebenso auf wie Jazz, schlenderte mit Freunden durch die Straßen Lavalle und die „überaus heitere, sinnliche und prächtige Straße Corrientes“ und aß zu Abend an der Uferpromenade „Costanera“. Auf einem dieser nächtlichen Streifzüge mit Freunden wäre er in der Nähe des Kongresses beinahe festgenommen worden. „Ich würde gerne mit meinen Freunden zusammen sein, auf dem Tigre Boot fahren, das herrliche Geschrei bei den Fußballspielen, die traurigen Klänge grüner Noten hören und in den Kneipen der Straße ,25 de Mayo‘ russischen Wodka trinken, gemeinsam mit den feinfühligsten und sympathischsten Dichtern, die ich je in meinem Leben kennengelernt habe“, sagt er in seinen „Argentinischen Ansprachen“.

Auf der Avenida de Mayo, wo sein Hotel lag, konnte er sich fühlen wie zu Hause. Die Lokale tragen noch heute Namen wie Hotel Escorial, „Salón Espanol – Plaza Asturias“, „Iberia“, „Mesón espanol“, „Moncloa“ wie ein Madrider Stadtviertel, und das Restaurant „El Globo“ bietet spanischen Eintopf. Schräg gegenüber dem Hotel, in der Bar „36 Billares“ war Lorca häufiger Gast.

Kurz nach seiner Ankunft schreibt er an seine Eltern: „Ich bin ganz erschlagen von der Vielzahl der Einladungen und Aufmerksamkeiten, die man mir entgegenbringt... Hier, in dieser riesigen Stadt, bin ich berühmt wie ein Torero... Diese amerikanischen Menschen lieben einen Dichter über alles.“ Im „Café Tortonio“ traf er sich mit Künstlern und Intellektuellen, darunter Pablo Neruda, der seit August als chilenischer Konsul in Buenos Aires war. Im 1908 eröffneten „Teatro Avenida“, gleich neben dem Hotel gelegen, wurden während Lorcas Anwesenheit „Bluthochzeit“, „Mariana Pineda“ und „Die wundersame Schustersfrau“ aufgeführt. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in Buenos Aires mehr Erfolg haben würde als in Madrid“, schreibt Lorca. Er verdiente so viel, dass er große Summen an seine Familie nach Hause schicken konnte.

In der Villa der Kunstmäzenatin Victoria Ocampo spielte Lorca Klavier und improvisierte musikalische Porträts der Anwesenden, er schloss Freundschaft mit dem „Tangokönig“ Carlos Gardel, lächelte für die Zigarettenmarke „Nacionales“ und las seinen Freunden im Hotel aus seinem neuen Theaterstück „Yerma“ vor, das 1937 in Buenos Aires auf die Bühne kam.

Der Abschied von Buenos Aires muss Lorca schwergefallen sein, er verabschiedete sich mehrmals, nachdem er statt zwei Wochen fast sechs Monate geblieben war. Bei einer seiner Abschiedsreden am 2. März 1934 sagte er: „,Wann gehen Sie?‘, werde ich gefragt. Und ich antworte gerade her-aus: ,Am 6.‘ Die Tage vergehen, es vergehen die Nächte, und eineinhalb Monate... Ich verschiebe vom 6. auf den 20. und auf den 31. des Monats. Nichts geschieht. Ich bin immer noch hier, ... denn Buenos Aires hat etwas Lebendiges und Persönliches, voll dramatischen Herzschlages, hat etwas Unverwechselbares und Originelles inmitten seiner tausend Rassen, was den Reisenden anzieht und fasziniert, und deshalb muss ich mit einem schwarzen Tuch winken, aus dem im Moment meines Abschieds eine Taube mit geheimnisvollen Worten emporsteigt.“ Und er beteuert „seinen“ Argentiniern: „Ich weiß, dass es eine Argentinien-Sehnsucht gibt, die mich nie loslassen wird und von der ich mich nicht befreien möchte, denn für meinen Geist wird sie gut und fruchtbar sein.“ Beim Abschied soll er einen Tango gepfiffen haben.

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