Ein Denker, für den der Glaube eine zentrale Rolle spielte

Zum 100. Geburtstag des philosophischen Grenzgängers und Brückenbauers Paul Ricoeur. Von René Kaufmann
Foto: IN | Der Philosoph Paul Ricoeur.
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Paul Ricoeur, ein eher unauffälliger, unprätentiöser und sachlicher, bescheidener, nüchterner und ungemein fleißiger, akribischer Arbeiter in den Bergwerken des Geistes, darf wohl zu den großen Philosophen des letzten Jahrhunderts gezählt werden.

Ricoeurs (1913–2005) philosophisches Schaffen zeichnen neben der großen thematischen Breite auch ein disziplinäres und kulturelles Grenzgängertum aus sowie ein unentwegtes Bemühen um Vermittlung, Dialog, Versöhnung und Integration durch geduldiges Erforschen und hörende Nachfolge des Anderen: als interdisziplinäres Interesse am Einbezug der Erkenntnisse anderer Wissenschaften sowie an der Berücksichtigung anderer Kulturen, Denktraditionen, philosophischer Strömungen und Schulen. So umfasst sein von französischen, deutschen und angelsächsischen Denkern beeinflusstes Philosophieren neben Phänomenologie, Hermeneutik und Psychoanalyse auch die Analytische Philosophie und vermittelt (gerade nicht eklektizistisch) neben kontinental-europäischer und transatlantischer Philosophie verschiedenste Wissenschaften wie Philosophie, Psychologie und Psychoanalyse, Religionsgeschichte, Ethnologie, Anthropologie, Theologie, Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Linguistik und Semiologie. Ebenso bemühte sich dieser große protestantische Philosoph in Wort und Tat um praktizierte Ökumene, wofür er 2003 bei einer Audienz im Vatikan den „Internationalen Preis Paul VI.“ aus den Händen von Papst Johannes Paul II. erhielt. Dieses für Ricoeur charakteristische Bemühen um die Vermittlung von Spannungen und Gegensätzen zeigt sich letztlich auch darin, dass das Denken und Wirken dieses Philosophen von Anbeginn auch eine starke Affinität zu religionsphilosophischen Themen und Fragestellungen im Spannungsfeld von Glaube und Wissen, Theologie und Philosophie aufweist.

Der Weg und Werdegang seiner akademischen Vita selbst führte ihn als anfänglichen Gymnasiallehrer in Saint-Brieuc, Colmar und Lorient vor dem Krieg zur Tätigkeit als Forschungsbeauftragter des Centre national de la recherche scientifique und Redakteur der christlich-personalistischen Philosophiezeitschrift Esprit in den ersten Jahren nach dem Krieg. Später lehrte er Philosophiegeschichte in Straßburg (1948–57). 1956 wurde Ricoeur nach Paris als Professor für allgemeine Philosophie an die Sorbonne berufen (1956–66). Ab 1966 lehrte er an der Reformuniversität Paris-Nanterre (1966–70, 1973–80), wo er 1969/70 auch als Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät wirkte: Diese Zeiten der Studentenrevolte und -proteste, die auch die Hochschulen massiv ergriffen, einerseits und der staatlichen Repressionen andererseits versetzten Ricoeur in eine zunehmend unerträglichere Lage, führten leider auch zu extrem demütigenden Übergriffen auf seine Person („Krönungsakt von Nanterre“) und ließen ihn von seinem Amt zurücktreten. In der Folge wurde er unter anderem Nachfolger von Paul Tillich an der Universität von Chicago (1973–92).

Durch seine Ausbildung war Ricoeur von den Traditionen französischer Reflexionsphilosophie (René Descartes) geprägt. Erste tiefe Prägungen zeitigten auch seine Auseinandersetzungen mit der Existenzphilosophie von Gabriel Marcel und Karl Jaspers sowie der Phänomenologie Husserls, aus deren intensiver Auseinandersetzung während Ricoeurs fünfjähriger deutscher Kriegsgefangenschaft (1940–45) in Pommern sowohl das Buch Karl Jaspers et la philosophie de l'existence (1947) als auch eine Übersetzung von Husserls bahnbrechenden Ideen I („Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“) erfolgte, die zugleich einen wesentlichen Teil seiner Doctor-These darstellte. Daneben übten Martin Heidegger, Hans-Georg Gadamer und Sigmund Freud einen starken Einfluss auf sein Denken aus.

Eine erste thematische Etappe stellen seine frühen Bemühungen um eine Phänomenologie des Willens, der Endlichkeit, Verantwortlichkeit und Schuld als Analyse des Wollens und der Fehlbarkeit des Menschen einerseits und der „Symbole des Bösen“ innerhalb der verschiedenen Kulturen und Diskurse andererseits dar. Darauf folgten Auseinandersetzungen mit Positionen einer theologischen Hermeneutik (Rudolf Bultmann), der philosophischen Daseinsanalyse und -hermeneutik Martin Heideggers sowie eigene hermeneutische Bemühungen im Anschluss an den Strukturalismus und die Psychoanalyse Sigmund Freuds und Jacques Lacans: „Hermeneutik und Strukturalismus“ (1969), „Hermeneutik und Psychoanalyse. Der Konflikt der Interpretationen“ (1969) und „Die Interpretation. Ein Versuch über Freud“ (1965). Später richtete sich sein Bemühen um ein hermeneutisches Problemerschließen, Deuten und Verstehen – dabei wesentlich vermittelt und angestoßen durch die Einflüsse der sprachanalytischen Philosophie – auf die dem Subjekt und dem Bewusstsein vorausliegenden Symbolsysteme und die Sprache selbst: auf deren poetische, Bedeutungen schaffende Funktion. Darauf folgten gewichtige und voluminöse geschichtsphilosophische Untersuchungen im Kontext von Sprachanalyse, Phänomenologie und Hermeneutik: So unter anderem zur Zeitlichkeit innerhalb von Historiographie und Dichtung (Temps et récit, 1983), zur Subjektkonstitution und Hermeneutik des Subjektes zwischen Selbstheit und Anderheit (Soi-meme comme une autre, 1990) sowie zum Sinn des Historischen und zu Grundbegriffen der Geschichtswissenschaft, zur Erinnerungskultur und zum Verhältnis von Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, Vergeben und Verzeihen „Gedächtnis, Geschichte, Vergessen“ (2004).

Durch diese gewichtigen Studien ist Ricoeur auch nach seinem Tode noch immer ein wichtiger Gesprächspartner innerhalb der entsprechenden wissenschaftlichen Diskurse. Diese fortwirkende Aktualität und Relevanz seines Denkens und Schaffens zeigt sich auch insbesondere an einem seiner letzten Werke, das sich um eine Vertiefung und theoretische Neukonzeptionierung des Phänomens der Anerkennung (reconnaissance) in der Vielfalt seiner Facetten (Erkennen, Anerkennen, Danken, …) bemühte. Hier erwies er sich nämlich unter anderem als wegweisend für den derzeit stark diskutierten internationalen und interdisziplinären Gabediskurs: Denn gerade in seiner aktuellen Gestalt kreist dieser Diskurs um Themenstellungen wie Alterität, Anerkennung, Konstitution von Sozialität, soziale Integration, Schuld und Vergebung, auf die Ricoeur in seinen Schriften immer wieder einging und unter anderem in seinem Spätwerk („Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein“ 2006) untersuchte.

Vorausgewiesen sei an dieser Stelle auf zwei im Herbst erscheinende Publikationen des Verlages Text & Dialog (Dresden) zum Thema: Einerseits wird sich die im Oktober 2013 erscheinende Nr. 2 des „Journals für Religionsphilosophie“ (ISSN 2194-2420) dem genannten Themenschwerpunkt „Gabe – Alterität – Anerkennung“ widmen. Zum anderen wird sich ein Band zum 100. Geburtstag unter dem Titel „Vergessen als Bedrohung“ den im Artikel angesprochenen Spuren des Denkens von Paul Ricoeur widmen. www.text-dialog.de.

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