Ein bisschen glauben, aber nicht zu katholisch

Der Fernsehmoderator und Kulturjournalist Gert Scobel will Wissenschaft und Religion in Einklang bringen. Von Stefan Meetschen
Foto: ZDF/Hans Rombach | Zusammen mit Gert Scobel (links) begeben sich Sabrina und Torsten auf ihre Wissensreise mit dem Bus und finden nach und nach Antworten auf ihre Frage „Warum müssen wir eigentlich sterben?“ – so der ...
Foto: ZDF/Hans Rombach | Zusammen mit Gert Scobel (links) begeben sich Sabrina und Torsten auf ihre Wissensreise mit dem Bus und finden nach und nach Antworten auf ihre Frage „Warum müssen wir eigentlich sterben?“ – so der ...

Neuer wissenschaftlicher Atheismus hier, der Vernunftpapst der Kirche da – die Kampfzone scheint sich in den vergangenen Jahren unaufhörlich ausgebreitet zu haben. Die Begriffe und Argumente werden aufgeregter hin und her geschleudert. Was soll man, was darf man noch glauben? Kann man als denkender Mensch überhaupt noch etwas glauben im Sinne der Religion? Für viele Zeitgenossen, die sich ohne große theologische und philosophische Bildung durchs Leben rackern, scheinen angesichts derartiger Verbalschlachten Glaube und Vernunft unversöhnliche Lebenszugänge, Lebensweisen zu sein. Und wenn man sich mit dem Glauben eher der Gefahr aussetzt, sich lächerlich zu machen, während die Vernunft ihrem vermeintlichen Träger ohne Anstrengung ein intellektuelles Ansehen garantiert, entscheidet man sich im Zweifelsfall lieber für die Vernunft.

Ein Irrtum. Jedenfalls aus Sicht des beliebten Fernsehmoderators, Jesuitenschülers und Grimme-Preisträgers Gert Scobel (ZDF, 3sat). In seinem neuen Buch „Der Ausweg aus dem Fliegenglas“ fragt Scobel: Könnte es nicht sein, dass der harsche Gegensatz zwischen Wissenschaft, Rationalität auf der einen und religiösem Glauben auf der anderen Seite, lediglich auf einer Scheinopposition beruht? Dass sich in Wirklichkeit die beiden Bereiche prima ergänzen und auch logisch zusammenführen lassen? Um zu beweisen, dass dies geht, schmiegt sich Scobel in anregend-unterhaltsamer Weise von einer modernen Philosophen-, Theologen-, und Soziologenschulter an die andere. Kant, Nietzsche und vor allem Wittgenstein, von dem das titelgebende Bild stammt, aber auch die Kirchenväter dienen gelegentlich als Argumentationsgehilfen und Aussichtserweiterung.

Wobei Scobel keinen Hehl daraus macht, dass ihm die moderne, aufgeklärte Theologie näher ist als die altbewährt-traditionelle. „Die alte Einsicht von Augustinus und Thomas von Aquin, dass Liebe eine Art Vorbedingung von Wahrheit sei, verdient es, nicht gleich auf den Haufen der überflüssigen, allzu frommen Einsichten gelegt zu werden. Tatsächlich muss man der Welt trotz allen Unglücks, aller Widerwärtigkeiten liebevoll begegnen, um eine ausgewogene Antwort finden zu können.“

Aber Vorsicht, nicht zu fromm sein, heißt es hier zwischen den Zeilen und nicht allein an dieser Stelle des Buches. Scobel will weniger eine Brücke zwischen Papsttum („Amtskirche“) und Wissenschaft bauen, sondern mehr eine zwischen dem Laienkatholizismus des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und den neuen Atheisten. Was natürlich nicht gleichermaßen anspruchsvoll ist.

Wissenschaft, so Scobel, überzeuge nicht allein mit guten Argumenten, sondern weil der Mensch existenziell darauf angelegt sei, sich auf etwas zu verlassen, das er als wahr empfindet. Deshalb gehe der Glaube der Vernunft voraus und die beiden ließen sich nicht auseinanderdividieren. „Auch der Glaube muss sich bewähren – ebenso wie seine Ablehnung.“ Was der Autor anhand des kanadischen Philosophen Charles Taylor („Das säkulare Zeitalter“) erläutert.

Umgekehrt aber, so Scobel, könne die Wahrheit des Glaubens weder durch Vernunftgründe noch Empirie bewiesen werden, wozu er an den Theologen Rudolf Bultmann erinnert. Dieser Mangel an Beweisbarkeit bedeute jedoch keine Schwäche, sondern zeige gerade die Vernünftigkeit des Glaubens: Gott lasse sich eben nicht denken als ein Objekt der Welt. Indem der Mensch glaube, trete er in das Heilsgeschehen ein.

Oder fast. Denn es liegt Scobel fern, eine theologisch klare Position zu beziehen, was bei dem Thema und einem Buch von fast 500 Seiten schon eine erstaunliche Leistung ist. „Wenn Sie mich also fragen: ,Muss ich an ein Leben nach dem Tod glauben, um glauben zu können?‘, dann lautet meine persönliche Antwort: ,Nein‘. Allerdings gebe ich zu, dass diese Antwort nicht gerade zum Jubeln Anlass gibt. Möglicherweise ist die Antwort nicht die letzte, die ich gebe.“ Ein geheimnisvolles Raunen, wie man es seit Jahrzehnten mittlerweile von jedem durchschnittlichen Theologen vernehmen kann. Doch auch die vermeintliche Vernunftseite wird von Scobel mit Skepsis betrachtet. Wer meint, die Erscheinungen der Welt auf Physik und Genetik zusammenschnurren lassen zu können, wird vom Wissenschafts- und Kulturjournalisten eindringlich über die Denkfehler solch eines Reduktionismus und über moderne Komplexitätsforschung belehrt. Was konservative Katholiken bestätigt. Doch sollten sie sich nicht zu früh freuen: Wer sich an „religiösen Dogmen“ orientiert, bekommt von Scobel schließlich doch die Leviten gelesen. „Ägyptizismus“ nennt Scobel in Anlehnung an Nietzsche diese Form der Spiritualität: das Mumifizieren lebloser Gedankenhülsen. Wobei er selbst hier ein Hintertürchen offenlässt: „Dass Maria als Jungfrau ein Kind zur Welt gebracht hat, ist biologischer Unfug, aus dem man erst dann einen Sinn ziehen kann, wenn man bedenkt, dass nach christlichem Glauben der Umgang mit Jesus von der Sünde befreit. Marias Unbeflecktheit ist sozusagen das mythologische Gegenprogramm zur Erbsünde.“ Ein bisschen katholisch sein darf man also schon, solange man es modern ausdrückt.

Wer auf eine neue, alles bisherige in den Schatten stellende Erkenntnis wartet, wird von dem im Fernsehen stets so sympathisch auftretenden Scobel ein wenig enttäuscht sein. Mit der Frohnatur eines durchschnittlichen Religionslehrers will Scobel die intellektuell-religiöse Kampfzone dadurch befrieden, dass sich alle lieb haben. Die Menschen sollten aufhören, über religiöse Dogmen zu streiten und lieber gemeinsam die Welt besser machen. Gott müsse man als Gleichnis und Mittel der Angstreduktion verstehen. Ein Diätgott sozusagen. Weshalb Scobel auch mit dem Buddhismus flirten kann, dessen genuin religiöse Dimension er allerdings ausblendet.

Fazit: Ein Buch, das zwischen Weihnachten und Neujahr eine anregend-unterhaltsame Lektüre über einen aktuellen Diskussionsgegenstand bietet. Darüber hinaus ist es aber auch unbeabsichtigt ein Zeitdokument über die selbstbewusste Orientierungslosigkeit des modernen Katholizismus in Deutschland.

Gert Scobel: Der Ausweg aus dem Fliegenglas – Wie wir Glauben und Vernunft in Einklang bringen können,

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, 464 Seiten, ISBN 978-3-10- 070214-2, EUR 22,95

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