Vatikan

Ein Aufruf, sich zu bessern

Der Heilige Vater spornt seine Mitarbeiter zur Gewissenserforschung an: Ansprache beim Weihnachtsempfang für die Römische Kurie am 22. Dezember 2014
Im Sala Clementina übernahm Papst Franziskus die Rolle des Bußpredigers
Foto: dpa | Traditioneller Empfang mit unkonventionellen Tönen: Im höfisch anmutenden Ambiente der Sala Clementina übernahm Papst Franziskus die Rolle des Bußpredigers.

Die Römische Kurie und der Leib Christi

„Du bist über den Cherubim, der Du den schlimmen Zustand der Erde umgewandelt hast, da Du wie wir geworden bist“

(Hl. Athanasius)

Liebe Mitbrüder,

Am Ende der Adventszeit kommen wir zum traditionellen Austausch unserer Grüße zusammen. In einigen Tagen werden wir die Freude haben, die Geburt des Herrn zu feiern; das Ereignis, dass Gott Mensch wird, um die Menschen zu erlösen; die Offenbarung der Liebe Gottes, der sich nicht darauf beschränkt, uns etwas zu schenken oder uns eine Botschaft oder einen Boten zu schicken, sondern der uns sich selbst schenkt; das Geheimnis Gottes, der unser Menschsein und unsere Sünden auf sich nimmt, um uns sein göttliches Leben, seine unsägliche Gnade und seine ungeschuldete Vergebung zu offenbaren.

Es ist die Begegnung mit Gott, der in der Armut des Stalls von Betlehem geboren wird, um uns die Macht der Demut zu lehren. So ist Weihnachten auch das Fest des Lichts, das nicht von „erwählten“ Menschen aufgenommen wird, sondern von den armen und einfachen Menschen, die auf die Erlösung des Herrn warteten.

Zunächst möchte ich Euch allen – den Mitarbeitern, Brüdern und Schwestern, päpstlichen Vertretern, die überall auf der Welt verteilt sind – und allen Euren Lieben ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr wünschen. Ich möchte Euch herzlich danken für Euren täglichen Einsatz im Dienst für den Heiligen Stuhl, die katholische Kirche, die Teilkirchen und für den Nachfolger Petri.

Da wir Menschen und nicht nur Nummern oder Namen sind, denke ich besonders an diejenigen, die im Laufe dieses Jahres ihren Dienst beendet haben, weil sie die Altersgrenze erreicht haben, weil sie andere Aufgaben übernommen haben oder weil sie zum Haus des Vaters gerufen wurden. Auch an sie alle sowie an ihre Familienangehörigen denke ich mit Dankbarkeit.

Ich möchte gemeinsam mit Euch für das nun zu Ende gehende Jahr eine lebendige und tief empfundene Danksagung zum Herrn erheben, für die erlebten Ereignisse und für all das Gute, das Er großherzig durch den Dienst des Heiligen Stuhls hat vollbringen wollen, und ihn demütig um Vergebung für begangene Verfehlungen „in Gedanken, Worten, Werken und Unterlassungen“ bitten.

Und gerade von dieser Bitte um Vergebung ausgehend, möchte ich, dass diese unsere Begegnung und die Überlegungen, die ich mit Euch teilen werde, für uns alle eine Hilfe und ein Ansporn zu einer wirklichen Gewissenserforschung werden, um unser Herz auf das heilige Fest der Weihnacht vorzubereiten.

Als ich an diese unsere Begegnung dachte, kam mir das Bild der Kirche als der mystische Leib Jesu Christi in den Sinn. „Dieser Name ergibt sich“ – wie Papst Pius XII. erklärt hat – „und erblüht gleichsam aus dem, was in der Heiligen Schrift und in den Schriften der heiligen Väter häufig darüber vorgebracht wird“.(1) Diesbezüglich schreibt der heilige Paulus: „Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus“ (1 Kor 12, 12).(2)

In diesem Sinne ruft uns das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung: „Auch bei der Auferbauung des Leibes Christi waltet die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben. Der eine Geist ist es, der seine vielfältigen Gaben gemäß seinem Reichtum und den Erfordernissen der Dienste zum Nutzen der Kirche austeilt (vgl. 1 Kor 12, 1–11)“.(3) „Christus und die Kirche bilden somit den ,ganzen Christus‘ [Christus totus]. Die Kirche ist mit Christus eins“.(4)

Es ist schön, sich die Römische Kurie wie ein kleines Modell der Kirche vorzustellen, also wie einen „Leib“, der täglich ernsthaft versucht, lebendiger, gesünder, harmonischer und in sich selbst und mit Christus vereinter zu sein. In Wirklichkeit ist die Römische Kurie ein komplexer Leib, die sich aus vielen Dikasterien, Räten, Abteilungen, Gerichten, Kommissionen und zahlreichen Elementen zusammensetzt, die nicht alle dieselbe Aufgabe haben, sondern trotz der kulturellen, sprachlichen und nationalen Unterschiede seiner Mitglieder auf ein wirksames, aufbauendes, diszipliniertes und beispielhaftes Funktionieren hin koordiniert sind.(5)

Da die Kurie jedoch ein dynamischer Leib ist, kann sie ohne Ernährung und ohne sich behandeln zu lassen nicht leben. Tatsächlich kann die Kurie – wie die Kirche – nicht ohne eine lebhafte, persönliche, echte und starke Beziehung zu Christus leben.(6) Ein Mitglied der Kurie, das sich nicht täglich mit dieser Speise nährt, wird ein Bürokrat (ein Formalist, ein Funktionalist, ein reiner Angestellter): eine Rebe, die verdorrt, langsam stirbt und weggeworfen wird. Das tägliche Gebet, der regelmäßige Empfang der Sakramente, vor allem der Eucharistie und der Versöhnung, der tägliche Kontakt mit dem Wort Gottes und die in gelebte Nächstenliebe umgesetzte Spiritualität sind die lebensnotwendige Nahrung für jeden von uns. Es muss uns allen klar sein, dass wir ohne Ihn nichts vermögen (vgl. Joh 15, 8).

Die lebendige Beziehung zu Gott nährt und stärkt infolgedessen auch die Gemeinschaft mit den anderen, das heißt je inniger wir mit Gott verbunden sind, desto mehr sind wir untereinander verbunden, weil der Geist Gottes vereint und der Geist des Bösen trennt. Die Kurie ist aufgerufen, sich zu bessern, sich immer zu bessern und in Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit zu wachsen, um ihre Sendung vollkommen zu verwirklichen.(7) Und doch ist sie wie jeder Leib, wie jeder menschliche Leib, auch Leiden, Funktionsstörungen, Krankheiten ausgesetzt. Und hier möchte ich einige dieser möglichen Krankheiten, Kurienkrankheiten, erwähnen. Es sind Krankheiten, die in unserem Kurienleben gewohnheitsmäßig vorkommen. Es sind Krankheiten und Versuchungen, die unseren Dienst für den Herrn schwächen. Ich glaube, dass uns der „Katalog“ der Krankheiten – nach dem Vorbild der Wüstenväter, die solche Kataloge machten – über den wir heute sprechen werden, helfen wird: Er wird uns helfen, uns auf das Sakrament der Versöhnung vorzubereiten, das für uns alle ein guter Schritt sein wird, um uns auf Weihnachten vorzubereiten.

1. Die Krankheit, sich „unsterblich“, „immun“ oder sogar „unentbehrlich“ zu fühlen und die notwendigen und üblichen Kontrollen zu vernachlässigen. Eine Kurie, die keine Selbstkritik übt, die sich nicht erneuert, die nicht versucht, sich zu bessern, ist ein kranker Leib. Ein normaler Besuch auf dem Friedhof könnte uns helfen, die Namen vieler Menschen zu sehen, von denen einige vielleicht dachten, sie seien unsterblich, immun und unentbehrlich! Es handelt sich um die Krankheit des törichten Reichen aus dem Evangelium, der dachte, er würde ewig leben (vgl. Lk 12, 13–21), und auch derer, die sich in Herren verwandeln und sich allen überlegen und nicht allen zu Diensten fühlen. Sie geht häufig aus der Pathologie der Macht hervor, aus dem „Komplex der Erwählten“, aus der Selbstverliebtheit, die begeistert das eigene Bild betrachtet und nicht das Bild Gottes im Gesicht der anderen sieht, vor allem der Schwächsten und Bedürftigsten.(8) Das Heilmittel gegen diese Seuche ist die Gnade, uns als Sünder zu empfinden und aus ganzem Herzen zu sagen: „Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17, 10).

2. Eine andere: Die Krankheit des „Martalismus“ (das kommt von Marta), der übertriebenen Geschäftigkeit: also diejenigen, die sich in Arbeit stürzen und unvermeidlich „das Bessere“ vernachlässigen: dem Herrn zu Füßen zu sitzen (vgl. Lk 10, 38–42). Aus diesem Grund hat Jesus seine Jünger aufgefordert, „ein wenig auszuruhen“ (vgl. Mk 6, 31), denn wenn man das notwendige Ausruhen vernachlässigt, führt das zu Stress und Unruhe. Für denjenigen, der seine Aufgabe zu Ende geführt hat, ist die Zeit des Ausruhens notwendig, geboten und ernsthaft zu befolgen: indem man ein wenig Zeit mit der Familie verbringt und die Ferien als Moment des spirituellen und physischen Kräftesammelns befolgt; man muss lernen, was das Buch Kohelet lehrt, dass „alles seine Zeit hat“ (vgl. 3, 1–15).

3. Es gibt auch die Krankheit der geistigen und geistlichen „Versteinerung“: also diejenigen, die ein steinernes Herz haben und „halsstarrig“ (Apg 7, 51–60) sind; diejenigen, die unterwegs die innere Ruhe, die Lebendigkeit sowie die Kühnheit verlieren und sich unter den Papieren verstecken und zu einer „Maschine von Vorgängen“ werden, statt zu einem „Mann Gottes“ (vgl. Heb 3, 12). Es ist gefährlich, die menschliche Sensibilität zu verlieren, die notwendig ist, um mit denen zu weinen, die weinen, und sich mit denen zu freuen, die sich freuen! Das ist die Krankheit derer, die „die Gesinnung Christi“ verlieren (vgl. Phil 2, 5–11), weil ihr Herz im Lauf der Zeit hart wird und den Vater und den Nächsten nicht mehr bedingungslos zu lieben vermag (vgl. Mt 22, 34–40). Denn Christsein bedeutet, „so gesinnt (sein), wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2, 5): demütig, bereit zur Hingabe, zur Loslösung und zum Großmut.(9)

4. Die Krankheit der übertriebenen Planung und des Funktionalismus. Wenn jemand alles bis ins Kleinste plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die Dinge tatsächlich vorankommen, und auf diese Weise ein Buchhalter oder Steuerberater wird. Es ist notwendig, alles gut vorzubereiten, doch ohne dabei je der Versuchung nachzugeben, die Freiheit des Heiligen Geistes einschließen und steuern zu wollen, der immer größer, immer großherziger als jede menschliche Planung ist (vgl. Joh 3, 8). Man erkrankt daran, weil „es … immer einfacher und bequemer (ist), sich in den eigenen statischen und unbeweglichen Positionen auszustrecken. Tatsächlich erweist sich die Kirche in dem Maß treu gegenüber dem Heiligen Geist, in dem sie nicht den Anspruch erhebt, ihn zu regeln und zu zähmen.... – den Heiligen Geist zähmen! – … Er ist Frische, Fantasie, Neuheit“.(10)

5. Die Krankheit der schlechten Koordinierung. Wenn die Glieder ihre Zusammengehörigkeit verlieren und der Leib seine harmonische Funktionalität und sein Maß verliert und zu einem Orchester wird, das Lärm erzeugt, weil seine Glieder nicht zusammenarbeiten und ihnen der Geist der Gemeinschaft, der Teamgeist fehlt. Wenn der Fuß zum Arm sagt: „Ich brauche dich nicht“, oder die Hand zum Kopf: „Hier habe ich das Sagen“ und so für Unbehagen und Empörung sorgt.

6. Es gibt auch die „spirituelle Alzheimer-Krankheit“: also das Vergessen der „Heilsgeschichte“, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn, der „ersten Liebe“ (Offb 2, 4). Es handelt sich um einen progressiven Verfall der spirituellen Fähigkeiten, der über einen mehr oder weniger langen Zeitabschnitt ein schweres „Handicap“ für den Menschen wird, ihn unfähig macht, irgendeine selbstständige Aktivität auszuüben und ihn in einem Zustand absoluter Abhängigkeit seiner häufig eingebildeten Ansichten leben lässt. Das sehen wir bei denen, die ihre Begegnung mit dem Herrn vergessen haben; bei denen, die nicht den deuteronomischen Sinn des Lebens haben; bei denen, die vollständig von ihrer Gegenwart abhängig sind, von ihren Passionen, Launen und Manien; bei denen, die Mauern und Gewohnheiten um sich aufbauen und immer mehr Sklaven der Idole werden, die sie mit ihren eigenen Händen gemeißelt haben.

7. Die Krankheit der Rivalität und der Ruhmsucht.(11) Wenn der Schein, die Farbe der Gewänder und die Ehrenabzeichen das vorrangige Lebensziel werden und die Worte des heiligen Paulus in Vergessenheit geraten: „Tut nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen“ (Phil 2, 1–4). Das ist die Krankheit, die uns dazu führt, unaufrichtige Männer und Frauen zu sein und einen unaufrichtigen „Mystizismus“ und einen unaufrichtigen „Quietismus“ zu leben. Der heilige Paulus bezeichnet sie auch als „Feinde des Kreuzes Christi“, denn „ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn“ (Phil 3, 18.19).

8. Die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Hypokrisie des Mittelmäßigen und einer zunehmenden geistlichen Leere, die Diplome oder akademische Abschlüsse nicht ausfüllen können. Eine Krankheit, die oftmals diejenigen befällt, die den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf bürokratische Dinge beschränken und so den Kontakt mit der Realität, mit den konkreten Menschen verlieren. So schaffen sie eine Parallelwelt, in der sie alles außer Acht lassen, was sie den anderen mit Strenge beibringen, und beginnen, ein Leben im Verborgenen – und oftmals anstößiges Leben – zu führen. Bei dieser schweren Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unerlässlich (vgl. Lk 15, 11–32).

9. Die Krankheit des Geredes, des Gemunkels, des Klatsches. Über diese Krankheit habe ich schon oft gesprochen, aber man kann es gar nicht oft genug sagen. Es ist ein schwere Krankheit, die unscheinbar beginnt, vielleicht nur, um ein bisschen zu plaudern, und sich dann des Menschen bemächtigt und ihn zu einem „Säer des Unkrauts“ (wie Satan) macht, sowie in vielen Fällen zu einem „kaltblütigen Mörder“ des Rufs der eigenen Kollegen und Mitbrüder. Das ist die Krankheit der Feiglinge, die hinter dem Rücken der anderen reden, weil sie nicht den Mut haben, es ihnen direkt zu sagen. Der heilige Paulus ermahnt uns: „Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid“ (Phil 2, 14–18). Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geschwätzes!

10. Die Krankheit, die Dienstherren zu vergöttlichen: das ist die Krankheit derer, die ihren Vorgesetzten den Hof machen und hoffen, ihr Wohlwollen zu erlangen. Sie sind Opfer von Karrierismus und Opportunismus, sie ehren die Menschen, aber nicht Gott (vgl. Mt 23, 8–12). Das sind Menschen, die ihren Dienst versehen, indem sie einzig daran denken, was sie zu bekommen haben und nicht an das, was sie geben müssen. Armselige, unglückliche Menschen, die nur von ihrem verhängnisvollen Egoismus inspiriert sind (vgl. Gal 5, 16–25). Diese Krankheit könnte auch die Vorgesetzten befallen, wenn sie einige ihrer Mitarbeiter hofieren, um ihre Unterwürfigkeit, Loyalität und psychologische Abhängigkeit zu erlangen, doch am Ende führt dies zu einer wirklichen Komplizenschaft.

11. Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen. Wenn jeder nur an sich selbst denkt und den Bezug zur Aufrichtigkeit und Wärme der menschlichen Beziehungen verliert. Wenn der Erfahrenere den weniger erfahrenen Kollegen sein Wissen nicht zur Verfügung stellt. Wenn man etwas erfährt und es für sich behält, statt es konstruktiv mit den anderen zu teilen. Wenn man sich aus Eifersucht oder Verschlagenheit freut, den anderen fallen zu sehen, statt ihn aufzurichten und zu ermutigen.

12. Die Krankheit der Leichenbittermiene. Das heißt, die Krankheit griesgrämiger und mürrischer Menschen, die meinen, um ernst zu sein, müsse man sein Antlitz in Schwermut und Strenge hüllen und den anderen – vor allem denjenigen, die man für geringer hält – mit Unbeugsamkeit, Härte und Arroganz begegnen. In Wirklichkeit sind „theatralische Strenge“ und „steriler Pessimismus“(12) häufig Symptome von Angst und innerer Unsicherheit. Ein Apostel muss sich anstrengen, ein höflicher, ruhiger, begeisterter und fröhlicher Mensch zu sein, der Freude verbreitet, wo immer er sich befindet. Ein von Gott erfülltes Herz ist ein glückliches Herz, das Freude ausstrahlt und damit alle in seiner Nähe ansteckt: das sieht man sofort! Verlieren wir also nicht jenen freudigen Geist, voller „Humor“ und sogar selbstironisch, der uns auch in schwierigen Situationen zu liebenswürdigen Menschen macht.(13) Wie gut tut uns eine ordentliche Dosis gesunder Humor! Es wird uns sehr guttun, häufig das Gebet des heiligen Thomas Morus zu sprechen(14): ich bete es jeden Tag, es tut mir gut.

13. Die Krankheit des Anhäufens: wenn der Geistliche versucht, eine existenzielle Leere in seinem Herzen zu füllen, indem er materielle Güter anhäuft, nicht aus Notwendigkeit, sondern nur um sich sicher zu fühlen. In Wirklichkeit werden wir nichts Materielles mit uns nehmen können, da „das letzte Hemd keine Taschen hat“ und alle unsere irdischen Schätze – auch wenn es Geschenke sind – niemals jene Leere ausfüllen werden können, sondern sie vielmehr immer verlangender und tiefer werden lassen. Diesen Menschen sagt der Herr immer wieder: „Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt. … Mach also Ernst und kehr um!“ (Offb 3, 17–19). Das Anhäufen beschwert nur und verlangsamt unvermeidbar das Fortkommen! Ich muss da an eine Anekdote denken: Die spanischen Jesuiten bezeichneten die Gesellschaft Jesu früher einmal als die „leichte Kavallerie der Kirche“. Ich erinnere mich an den Umzug eines jungen Jesuiten: Während er sein ganzes Hab und Gut – Gepäck, Bücher, verschiedene Gegenstände und Geschenke – auf einen Lastwagen lud, sagte ihm ein alter Jesuit, der ihn beobachtete, mit einem weisen Lächeln: Das soll die „leichte Kavallerie der Kirche“ sein? Unsere Umzüge sind ein Zeichen dieser Krankheit.

14. Die Krankheit der geschlossenen Kreise, wo die Zugehörigkeit zu einem Grüppchen stärker wird, als die zum Leib und in einigen Situationen zu Christus selbst. Auch diese Krankheit beginnt immer aus guten Absichten heraus, doch mit der Zeit versklavt sie die Mitglieder und wird zu einem Krebs, der die Harmonie des Leibes bedroht und viel Leid – Skandale – verursacht, vor allem unseren kleinsten Brüdern. Die Selbstzerstörung oder der „Eigenbeschuss“ durch Mitstreiter ist die heimtückischste Gefahr.(15) Es ist das Übel, das von innen her angreift(16); und, wie Christus sagt: „Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird veröden und ein Haus ums andere stürzt ein“ (Lk 11, 17).

15. Und die letzte: die Krankheit des weltlichen Profits, des Exhibitionismus (17), wenn ein Apostel seinen Dienst in Macht verwandelt und seine Macht in Handelsware, um weltlichen Profit oder mehr Macht zu erhalten. Das ist die Krankheit der Menschen, die unersättlich danach trachten, ihre Macht zu vermehren und zu diesem Zweck bereit sind, die anderen – sogar in Zeitungen und Zeitschriften – zu verleumden, zu diffamieren, zu diskreditieren. Natürlich um sich zu produzieren und sich als tüchtiger als die anderen darzustellen. Auch diese Krankheit schadet dem Leib sehr, weil sie die Menschen dazu bringt, die Verwendung jedweden Mittels zu rechtfertigen, um dieses Ziel zu erreichen, häufig im Namen der Gerechtigkeit und der Transparenz! Und hier kommt mir die Erinnerung an einen Priester in den Sinn, der die Journalisten zu sich rief, um ihnen private und vertrauliche Dinge über seine Mitbrüder und Gemeindemitglieder zu erzählen – und zu erfinden. Für ihn zählte allein, sich auf der ersten Seite zu sehen, weil er sich auf diese Weise „mächtig und interessant“ fühlte, indem er den anderen und der Kirche solches Leid zufügte. Der Ärmste!

Brüder, solche Krankheiten und Versuchungen sind natürlich eine Gefahr für jeden Christen und für jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei, kirchliche Bewegung, und sie können sowohl auf individueller als auch auf gemeinschaftlicher Ebene auftreten.

Es muss klargestellt werden, dass nur der Heilige Geist – die Seele des mystischen Leibes Christi, wie es im nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis heißt: „Wir glauben … an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht“ – jede Krankheit heilt. Es ist der Heilige Geist, der jedes aufrichtige Bemühen um Reinigung und jeden guten Willen zur Umkehr unterstützt. Er ist es, der uns verstehen lässt, dass jedes Glied an der Heiligung des Leibes und an seiner Schwächung teilhat. Er ist der Förderer der Harmonie (18): „Ipse harmonia est“ [Er selbst ist die Harmonie], sagt der heilige Basilius. Der heilige Augustinus sagt uns: „So lange ein Teil am Leib anhaftet, ist seine Heilung nicht hoffnungslos; was jedoch abgeschnitten wurde, kann weder heilen, noch genesen“.(19)

Die Gesundung ist auch Frucht des Erkennens der Krankheit und der persönlichen und gemeinschaftlichen Entscheidung, sich heilen zu lassen, indem man geduldig und standhaft die Behandlung erträgt.(20)

Wir sind also berufen – in dieser Weihnachtszeit und während der gesamten Zeit unseres Dienstes und unseres Daseins – „uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit (zu) halten und in allem (zu) wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt. Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und wird in Liebe aufgebaut“ (Eph 4, 15–16).

Liebe Mitbrüder!

Ich habe einmal gelesen, dass die Priester wie Flugzeuge sind: Es wird nur dann über sie berichtet, wenn sie „abstürzen“, dabei sind wirklich viele am Himmel unterwegs. Viele üben Kritik und wenige beten für sie. Das ist ein sympathischer aber auch ein sehr wahrer Satz, weil er die Bedeutung und die Empfindlichkeit unseres priesterlichen Dienstes darstellt und wie viel Schaden ein einziger Priester, der „abstürzt“, dem ganzen Leib der Kirche zufügen könnte.

Also, um nicht „abzustürzen“, bitten wir in diesen Tagen, in denen wir uns auf die Beichte vorbereiten, die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, die Wunden der Sünde zu heilen, die jeder von uns in seinem Herzen trägt, und der Kirche und der Kurie beizustehen, gesund und heilsam zu sein; heilig und heiligend, zum Ruhme Ihres Sohnes und zu unserem Heil und zu dem der ganzen Welt. Bitten wir Sie, uns die Kirche lieben zu lassen, wie Christus, ihr Sohn und unser Herr, sie geliebt hat, den Mut zu haben, uns als Sünder und als seiner Barmherzigkeit bedürftig zu erkennen und keine Angst zu haben, unsere Hand ihren mütterlichen Händen zu überlassen.

Euch allen, Euren Familien und Euren Mitarbeitern die besten Wünsche für ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten! Danke von Herzen!

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