Ein Auflösungswunder ist die Computerbrille nicht

Auf der Elektronikmesse in Las Vegas gab es neben Neuheiten den hollywoodreifen Auftritt der Yahoo-Chefin. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | Yahoo-Chefin Marissa Mayer in Las Vegas.
Foto: dpa | Yahoo-Chefin Marissa Mayer in Las Vegas.

Die 1400 Sitzplätze im LVH Theatre (früher Las Vegas Hilton) reichen nicht aus. Überall in den Gängen stehen neugierige Zuschauer, als Gary Shapiro, Vorsteher des Branchenverband der amerikanischen Verbraucherelektronik, die nächste Rednerin wie einen Hollywood-Star ankündigt: „Bitte heißen Sie Marissa Mayer willkommen!“ Seit 17 Monaten ist Marissa Mayer Chefin bei Yahoo. Sie steht lächelnd auf der Bühne, lange blonde Haare, strahlendes Gesicht. Sie trägt ein schickes, blaues Kleid, dessen Farbe genau der des Yahoo-Schriftzuges entspricht: Yahoo-blau. Wer nicht weiß, dass die attraktive Jungmanagerin zu den mächtigsten Frauen der Welt gehört, könnte sie auch für eine Las-Vegas-Schönheit halten. Dass sie in der männerdominierten Business-Branche kein Klischee erfüllt und über die normalen Denkmuster weit hinausdenkt, hat die kluge Karrierefrau schon als Vizepräsidentin von Google bewiesen.

Als sie im Juli 2012 zur Vorstandsvorsitzenden von Yahoo avancierte, wusste sie, dass sie nur am Erfolg gemessen würde. Das erledigte sie scheinbar spielerisch. In ihrer kurzen Amtszeit drehte sie an den Stellschrauben des lahmenden Unternehmens aus dem kalifornischen Sunnyvale. Schon bei der Zwischenbilanz konnte sie punkten. Marissa Mayer scheint den Erfolg gepachtet zu haben, auf jeden Fall weiß sie, wie man ihn verkauft. Allerdings verzichtete sie bislang auf das ganz große Kino. Wenn Yahoo in den letzten anderthalb Jahren für Schlagzeilen sorgte, dann selten, weil sich die Chefin in der Öffentlichkeit inszenierte. „Ladies and Gentlemen“, sagt Marissa Mayer mit soviel Verve, als wäre das schon die Verkündigung eines Erfolgs. Ihre Hände hält sie in mediengerechter Rednerhaltung, wie sie amerikanische Managern, Fernsehpredigern oder Politikern zu eigen ist. Gesten von scheinbar unüberwindlicher Überzeugungskraft, die Erfolg suggerieren. Marissa Mayer präsentiert auf der Consumer Electronics Show eine Stunde lang neue Produkte. Das, was Mayer ihren Zuhörern vorstellt, hätte viel eher auf eine Medien- als auf eine Technikkonferenz gepasst.

Weil die clevere Managerin weiß, dass sie Google, Facebook oder Amazon in deren Geschäftssegmenten kaum übertrumpfen wird, sucht sie die Nischen. Sie will Yahoo da nach vorne pushen, wo andere die jüngsten Trends verpasst haben. So will Yahoo zum ernsthaften Konkurrenten für etablierte Medienhäuser werden. „2017 werden 3,8 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein, das sind zwei Milliarden mehr als heute“, rechnet Mayer vor. Ein Wandel, der auf die stark boomenden Verkäufe von Smartphones und Tablets zurückzuführen ist. Ein Fakt, das weiß Mayer, der auch den Medienkonsum gravierend verändern wird. Sie hat Yahoo deshalb auf einige Neuerungen getrimmt, wie die Gründung von zwei digitalen Magazinen. Mit Yahoo Food und Yahoo Tech werden zwei Special-Interest-Magazine eingeführt, die von eigenen Redaktionen produziert werden. Das Technikmagazin wird von dem renommierten „New York Times“-Journalisten David Pogue geleitet, dessen Ziel ist so simpel, wie schwierig: Technikjournalismus, für alle verständlich. Bei der neuen Smartphone-App „Yahoo News Digest“ geht es um die automatisierte Aggregation von Nachrichten. Was dahinter steht, ist die die Idee von einer Tageszeitung und Tagesschau für das mobile Webzeitalter. Zweimal pro Tag wird sie aktualisiert. Auch hier setzt die Managerin auf frischen Wind durch junge Ideen. Verantwortlich für die Entwicklung ist der 18-jährige Nick d'Aloisio, Chef des von Yahoo aufgekauften Start-ups Summly. Optisch sind beide Publikationen mit ihren großen Bildern so gestaltet, dass sie vor allem auf Smartphones und Tablets angenehm zu lesen sind.

Doch auf der CES wusste nicht nur Marissa Mayer zu brillieren. Epson stellte eine Datenbrille vor, die mit dem Android-System Apps, Filme, E-Mails und Webseiten ins Blickfeld des Nutzers projiziert. Damit macht der japanische Elektronikkonzern, der gemeinhin für Drucker und Scanner bekannt ist, Googles Datenbrille „Glass“ Konkurrenz. Unterschied zu „Google Glass“ Prozessor, Speicher und Akku befinden sich in einem externen Kästchen, das durch ein Kabel mit der Brille verbunden ist. In der Größe eines kleinen Smartphones gibt es die Box, auf deren Vorderseite ein Touchpad eingebaut ist, das zur Steuerung der Software dient. Im Unterschied zur Google-Brille wird das Bild in der Mitte projiziert, als würde man auf eine Leinwand schauen. Ein Auflösungswunder ist die Brille nicht. Sie zeigt qHD-Auflösung an, also nur 960 mal 540 Pixel, das entspricht einem Viertel der Full-HD-Auflösung moderner Fernseher. Bei dunklen Hintergründen wirkt das Bild deutlich kontrastreicher, schwächer ist es, wenn man beispielsweise in den Himmel schaut.

Wegen dieser Eigenheit eignet sich Epsons Moverio besonders gut für sogenannte Augumented-Reality-Anwendungen. Auf Smartphones zeigen solche Apps beispielsweise Informationen zu Sehenswürdigkeiten in einem Echtzeit-Videobild der Umgebung an. Im Mai soll Epsons Moverio BT-200 für etwa 700 Euro auf den Markt kommen. Wer den Durchblick bewahren will, kann das Auge auch über die freie Natur schweifen lassen.

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