Konservativismus

Ein Allerweltswort ohne definierte Substanz

Der Rekurs auf „das Konservative“ hat immer mal wieder Konjunktur. Dabei sollte man den Begriff am besten ganz abschaffen, meint Ludwig Brühl.

Hätten Sie es gewusst? Die Grünen gelten bei manchen als konservativ, einige AfDler sehen sich auch so, aber auch die CDU, genauso wie Sahra Wagenknecht werden gern mit diesem Etikett versehen. Die Bundeszentrale für politische Bildung postuliert gar einen begrifflichen Kampf zwischen „linken, christlichen, nationalen, liberalen und revolutionären Konservativen“. Totgesagte leben länger, das scheint also auch für politische Begriffe zu gelten. Der Rekurs auf „das Konservative“ hat immer mal wieder Konjunktur und wird – weil er so schwammig ist wie ein großer Pilz – immer wieder diskutiert. Doch was bedeutet ein Begriff eigentlich noch, wenn er von so verschiedenen Richtungen benutzt wird. Wer in Deutschland wissen möchte, was konservativ sein bedeutet, fragt Andreas Rödder. Der 54-jährige ist Professor für Neueste Geschichte, ist Mitglied der CDU und äußert sich regelmäßig zu einem „zeitgemäßen Konservatismus“.

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Man kann sagen, dass Rödder der bekannteste konservative Intellektuelle in Deutschland ist. Was das auch heißen mag. Wenn Rödder beschreibt, was konservativ ist, zitiert er Lord Salisbury: „Es geht darum den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist.“ Das klingt jetzt nicht so spannend. Nun ist es fraglich, ob Salisbury als Vorbild für inspirierenden Konservativismus taugt. Besagter Lord wird nämlich von einem Biographen als „zutiefst neurotisch, depressiv, beunruhigt, introvertiert und in Furcht vor Veränderung und Kontrollverlust“ beschrieben. Für Lord Salisbury war in seinem Leben nach eigener Aussage die Maxime „was immer auch passiert, wird zum Schlechteren sein“ der Leitfaden für jegliches Handeln. Deswegen – so die offensichtliche Schlussfolgerung – sollte am besten nichts geschehen.

„Konservativismus ist in höchstem Maße
abhängig von dem, was konserviert wird“

So sieht also ein „zeitgemäßer Konservativismus“ aus. Glücklicherweise spezifiziert Rödder noch, was er mit zeitgemäß meint. Hinter dem Wort zeitgemäß versteckt sich nämlich ein knallharter Relativismus. Gerade in Bezug auf die oft beschworenen Werte stellt er fest: „Es gibt keine ewigen Werte, und der Konservative verteidigt heute, was er gestern noch bekämpft hat.“ Der Bundesgesundheitsminister der CDU, Jens Spahn, seines Zeichens „konservativer Vorreiter“ der Union haut in dieselbe Kerbe. Auf die Frage hin was konservativ sei, antwortet er: „Es geht darum den Wandel so zu verlangsamen und zu gestalten, dass er erträglich wird.“ Wer also dachte, der deutsche Konservativismus drehe sich um so verrückte Dinge wie Wahrheit, Schönheit und das Gute, hat falsch gedacht. Doch, könnte man einwenden, es gibt ja auch den richtigen und guten Konservativismus.

Grade in christlichen Kreisen gehört es zumindest manchmal zum guten Ton sich als Konservativen zu beschreiben. Doch was ist damit wirklich gemeint? Der britische Philosoph Roger Scruton hat eine Antwort. Laut ihm ist die konservative Maxime, dass etwas Gutes nie durch etwas schlechteres ersetzt werden soll. Wird der Satz richtig verstanden, wird wohl jeder zustimmen. (Außer man ist linksextrem, oder bekloppt, oder auf Drogen, oder alles drei.) Hier wird offensichtlich woran der sogenannte Konservativismus krankt: Der Begriff ist axiomatisch, selbstverständlich, ergo langweilig wenn nicht sogar relativistisch. Ich unterstelle Sir Roger keineswegs, dass er Relativist sei. Ich glaube vielmehr er wollte den Satz des Apostels Paulus paraphrasieren, der die Römer auffordert, alles zu prüfen und das Gute zu behalten.

„Konservativ“ ist kein substantieller Begriff

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Nur: Entscheidend ist, was bewahrt wird, beziehungsweise für die Beibehaltung welcher Sache der Konservative argumentiert. Wir alle sind in gewissem Sinn konservativ, weil wir bestimmte Dinge und Ideen (bei)behalten. Das ist aber noch keine identitätsstiftende Ideenlehre. Denn der Begriff konservativ beschreibt etwas oder jemanden nur per accidens und nicht per se. Konservativismus ist in höchstem Maße abhängig von dem, was konserviert wird. Er beschreibt nicht die Substanz des Wertes an dem man sich ausrichtet, sondern seine Beziehung dazu, deswegen ist es ein relationaler und kein substanzieller Begriff.

Doch das ist nicht die einzige offensichtliche Schwäche des Konservativismus. Denn zudem ist konservativ stark mit dem Status Quo verbunden und wird so verstanden. Der Konservative hält an dem fest, was er vorfindet. Nur deswegen kann Rödder sagen, dass „Konservative heute verteidigen, was sie gestern bekämpft haben.“ Und er hat recht: Menschen, die ihre politischen und kulturellen Haltungen als konservativ bezeichnen, können als Status-Quo-Relativisten verstanden werden. Eben auch weil das Konservative relativ ist, impliziert der Konservativismus einen Dualismus mit dem Gegenpart des Progressiven. Dieser Dualismus jedoch bewirkt den Anschein, also ob beide Haltungen einen gewissen Wert und ihre Richtigkeit besitzen, es geht nur darum eine situationsgemäße, nicht extreme Haltung zu finden. Das alles führt zu vielen Widersprüchen. Der notwendige Bezug auf Zeit und Ort führt den Anspruch vieler „Konservativer“ zeit- und ortunabhängig, universal und transzendental zu agieren ad absurdum. Ein Beispiel für die Relativität des Begriffs sind die sich wandelnden Bedeutungen an verschiedenen Orten und selbst zu verschiedenen Zeitpunkten.

Auch die passive Haltung ist ein Nachteil

Ein weiterer entscheidender Nachteil des Konservativismus ist die passive Haltung, die in ihm mitschwingt. Der Dreischritt konservativ, pessimistisch, passiv ist eine oft erlebte Einstellung. Werte, Güter und Ideale werden lieber in Konservenbüchsen gepackt anstatt sie zu leben und aufzubauen. Oder wie Adorno messerscharf diagnostiziert, dass der Konservative versucht, „ästhetisch zu surrogieren, was real verloren ist.“

Doch wer die aktuelle kulturelle, politische und religiöse Lage betrachtet, kommt schnell zu dem Ergebnis, dass ein schlichtes „weiter so“ nur alles schlimmer machen wird. Wenn das Haus in Trümmern liegt, ist konservieren nicht hilfreich. Viel eher gilt es aktiv am Aufbau mitzuwirken. Wir müssen aus der Schockstarre erwachen und aktiv werden. Pläne erstellen und dann die Ärmel hochkrempeln. Verantwortung übernehmen, zunächst für das eigene Leben, dann die Familie und die unmittelbare Umgebung. Von der Tradition lernen und in ihr verwurzelt sein. Auf keinen aber den Status quo und seine vermeintliche Gemütlichkeit vergötzen. Wir sollten auch auf die Suche gehen nach aussagekräftigen Begriffen. Der Tatendrang von (vor allem jungen) Christen hin zu kreativen Minderheiten, zum (Wieder)aufbau von Kultur in Familie und Gesellschaft und zur Mission ist mit dem Begriff konservativ nur höchst unzureichend beschrieben. Deswegen gebrauchen wir lieber schon bald einen besseren Begriff, indem wir das Schlechte durch etwas Gutes ersetzen.


Der Autor ist Absolvent des International Theological Institute Trumau.

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