Eichelcurry unter der Öllaterne

Die japanische Antiatombewegung wächst. Von Alexander Riebel

Es ist 150 Jahre her, dass der amerikanische Dichter Henry David Thoreau geboren wurde. Er ist auch dafür berühmt geworden, dass er sich in die Einsamkeit am Walden-See in Massachusetts zurückgezogen hat, fernab der Zivilisation, die er ablehnte und ein Leben in der einfachen Natur vorzog. An ihn erinnert Ruiko Muto, die sich als Einsiedlerin bezeichnet, von Zitronengrastee und Eichelcurry lebt und unter einer Öllaterne liest. Die Japanerin wurde die Stimme der Antiatombewegung in Fukushima. Sie ist in der Provinz am Meer geblieben, öffnet aber nicht mehr die Fenster und hängt ihre Wäsche nicht mehr draußen auf. Bei Youtube ist noch mit englischen Untertiteln ihre bewegende Rede in Tokio aufgezeichnet, die sie vor Tausenden von Zuhörern hielt. Damals kam die Professorin Norma Filed von der Universität Chicago, um Mutos Version von der Unberührtheit des Walden-Sees zu hören und sie zu verbreiten.

Auch heute ist Muto wieder eine zentrale Figur des Protestes, lange bevor kürzlich der Atomreaktor in Oi auf der anderen Seite der japanischen Hauptinsel in der Präfektur Fukui wieder ans Netz genommen wurde. Nach der Reaktorkatastrophe im vergangenen Jahr hatte die japanische Regierung alle 54 Atomkraftwerke abgeschaltet.

Die Demonstrationen sind zurzeit gewaltig. Erst vor wenigen Tagen waren 10 000 Demonstranten in Oi, aber die Regierung der Präfektur hat sich nicht beirren lassen. Selbst die Medien scheinen wie in einem Komplott verstrickt zu sein, denn sie versuchen, die Proteste zu ignorieren und berichten kaum darüber. Gerade auch die religiösen Gruppen in Japan, wie Christen und Buddhisten, haben sich mit einer Petition an die Behörden gewandt, aber erfolglos. „Wir wollen so schnell wie möglich vorwärts kommen“, hatte immer wieder Takahiro Senoo, der Sprecher des Unternehmens Kansai Electric Power Co. betont, das hierfür zuständig ist. In Oi haben auch die Einwohner große Sorgen. Denn bei einem Erdbeben könnten sie nur an der Küste entkommen, was im Falle eines Erdrutsches aber unmöglich wäre. Aber die Regierung unter Premierminister Yoshihiko Noda drängte darauf, die ersten Atomreaktoren wieder anzuschalten. Sonst wäre Japan völlig von Energieimporten abhängig. Obwohl es in Japan unüblich ist, zu protestieren, wollen sich die Menschen nicht mehr der Gefahr aussetzen.

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