Effekt und Worte

500 Jahre Reformation – 500 Jahre Protestantismus. Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen, wie Martin Luther gewirkt hat. Von Stefan Meetschen
Foto: Jürgen Sendel/Stiftung Topographie des Terrors | Auch in den Medien schalteten die „Deutschen Christen“ Luther und Hitler gleich.

Es muss nicht immer Wittenberg oder Eisenach sein. Auch wer in diesen Tagen nach Berlin reist, hat keine Chance, an Martin Luther vorbeizukommen. 500 Jahre nach der Reformation ist der Mann, der sie im Wesentlichen vom Stapel ließ, in der Hauptstadt geradezu omnipräsent. In der U-Bahn, an Bushaltestellen, auf Werbeplakaten – überall begegnet einem das Konterfei von Martin Luther Superstar.

Im Martin-Gropius-Bau wird sogar im Rahmen einer von drei Nationalen Sonderausstellungen großräumig des „Luther-Effekts“ gedacht. „Das besondere Augenmerk dieser Schau“, so erläutert eine wichtige Geldgeberin, Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien bei der Bundeskanzlerin, „gilt der weltweiten Vielfalt des Protestantismus und den damit verbundenen interkulturellen Unterschieden und Konflikten“. Stimmt. Ob 16. oder 20. Jahrhundert, ob Schweden, Südkorea oder Tansania – in der dankenswerterweise ohne spleenige Gimmicks auskommenden Ausstellung bekommt man einen guten Eindruck davon, was es heißen kann, Protestant zu sein oder nicht Protestant zu sein.

Die armen Sami etwa, eine ethnische Gruppe Skandinaviens, bekämpften die protestantischen Missionare „mit harter Hand“. Ihre naturverbundenen Riten wurden als „Götzendienst“ eingestuft, ihr Sinn für schamanisches Trommeln als „teuflische Praxis“ gedeutet. Die in der Ausstellung gezeigte „Zeremonialtrommel“ ist eine echte Rarität, denn die „meisten Zeremonialtrommeln werden im Zuge der Missionierung zerstört“. Evangelisation im Geiste der Inkulturation sieht irgendwie anders aus.

Vielleicht so wie charismatische Gottesdienste und „Faith Healing“ in Tansania? Die Fotos von Karsten Hein, die Zeugnis von derartigen, dem Heiligen Geist zugeschriebenen Phänomenen geben, lassen eine seltsame Sehnsucht nach Margot Käßmann oder Heinrich Bedford-Strohm aufkommen, aber vielleicht sind es auch nur die eigenen kulturellen Vorbehalte, die hier blockieren. Liegt die Zukunft des Christentums in derart „modernen Gottesdienstformen“? Auch in Südkorea, speziell in der sogenannten „Yoido Full Gospel Church“ in Seoul, hat der „Luther-Effekt“ zu erstaunlichen Blüten geführt: „Prosperity“ (Wohlstand) heißt hier seit Jahrzehnten der theologische Schlüsselbegriff. Der „Dreiklang von Seelenheil, Gesundheit und materiellem Wohlergehen“ hat viele Protestanten bekehrt und angetrieben. Und jetzt? „Die Sehnsucht nach Entschleunigung und der Wunsch, zur Ruhe zu kommen, haben das Interesse an Dynamik und Wachstum ersetzt. (...) Interessanterweise ist zu beobachten, dass viele Protestanten zum Katholizismus konvertieren“, liest man in dem vom Deutschen Historischen Museum herausgegebenen Ausstellungskatalog. Wirklich interessant. Deutlich kleiner, aber keineswegs unwichtig, ist die Ausstellung „,Überall Luthers Wort ...‘ – Martin Luther im Nationalsozialismus“, die direkt neben dem Martin-Gropius-Bau bei der Stiftung „Topographie des Terrors“ (Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg) gezeigt wird.

Auch hier mischt Monika Grütters mit den Finanzmitteln ihres Etats mit, auch hier bringt sie das Ausstellungsanliegen auf den Punkt, wenn sie zum Geleit schreibt: es dürfe nicht vergessen werden, „dass Martin Luther mit der Kraft seiner Worte gerade in seinen Spätschriften und Predigten auch einen abstoßenden Antisemitismus pflegte“. Diese dunkle Seite soll im Reformationsjubiläums-Jahr nicht verschwiegen werden. Und tatsächlich: Alles kommt auf den Tisch. Die sogenannten sieben Schritte der „scharfen Barmherzigkeit“ zum Beispiel, welche der Reformator beim Umgang mit den jüdischen Mitbewohnern erleben wollte. Das Niederbrennen der Synagogen gehörte aus seiner Sicht auch dazu. So konnte das Nazi-Blatt „Der Stürmer“ 1937 jubeln: „Dr. Luther ist einer der größten Antisemiten der deutschen Geschichte.“

Dass eine solche Instrumentalisierung des Reformators den Nazis ziemlich leicht und flächendeckend gelang, lag aber nicht nur an Luthers eigenen Defiziten. Auch die Defizite unter kirchlichen Verantwortungsträgern macht die Ausstellung deutlich. Kreuz oder Hakenkreuz, das war damals wirklich die Frage: So spann der evangelische Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, am Tag der sogenannten „Reichskristallnacht“ einen erstaunlichen Bogen zum Reformator: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen.“ Sasse, der bereits 1930 der SA und der NSDAP beigetreten war und die Agenda der berüchtigten „Deutschen Christen“ in der evangelischen Landeskirche vorantrieb, unterzeichnete bald darauf ein „Gesetz über die kirchliche Stellung evangelischer Juden“, welche Juden die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche Thüringens untersagte. Auch „Reichsbischof“ Ludwig Müller und der „Reichsleiter“ der „Deutschen Christen“, Joachim Hossenfelder („Die Deutschen Christen sind die SA Jesu Christi“) zeigten, wie gleichgeschaltet der Nazi- und der Kirchen-Apparat schon zu Beginn der 1930er Jahren waren. Vom Kopf her. Doch es gab auch Widerstand, geistliche Opposition. So schrieb Dietrich Bonhoeffer als Mitglied der „Bekennenden Kirche“: „Wie die Raben haben wir uns um den Leichnam der billigen Gnade gesammelt, von ihr empfingen wir das Gift, an dem die Nachfolge Jesu unter uns starb. (...) Überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt. Hat unsere Kirche nur die Lehre von der Rechtfertigung, dann ist sie gewiss auch eine gerechtfertigte Kirche! so hieß es. (...) Ein Volk war christlich, war lutherisch geworden, aber auf Kosten der Nachfolge, zu einem allzu billigen Preis. Die billige Gnade hatte gesiegt. (...) Ist der Preis, den wir heute mit dem Zusammenbruch der organisierten Kirchen zu zahlen haben, etwas anderes als eine notwendige Folge der zu billig erworbenen Gnade?“ Prophetische Worte, ohne Zweifel. Wie auch die Worte von Pfarrer Helmut Gollwitzer, der unmittelbar nach Kriegsbeginn 1939 schrieb: „Es steigen in diesen Tagen in allen Ländern und in vielen Kirchen viele heidnische Gebete auf zu Gott, flügellahme Gebete, die kaum das Kirchendach erreichen. (...) Heidnisch beten heißt: Gott da, wo der Mensch nicht weiterweiß, zu Hilfe rufen für die eigenen menschlichen Pläne und Wünsche, so wie man einen irdischen Bundesgenossen in den Dienst stellt. (...) Es wird viel billiges Gottvertrauen ausgeboten in diesen Tagen, viel heidnisches Gottvertrauen auch in den christlichen Kirchen.“ So klang die Sprache des christlichen Widerstands: vorsichtig, zurückhaltend, mehr andeutend als deutend. Die polternde Hetze, die verrohte Sprache des Hasses überließ man den politischen und kirchlichen Mitläufern, denen, welche die Nähe zur Macht suchten und bekamen. Bemerkenswert: zwei Ausgaben des „Sonntagsblatts der Deutschen Christen“ („Evangelium im Dritten Reich“) im November 1933 – auf Luther folgte Hitler als Titelbild. Falsche Messias-Gestalten mit manipulativer Kongruenz. Der Stoff, mit dem Demagogie betrieben wird.

Beide Ausstellungen sind noch bis zum 5. November 2017 zu sehen. Öffnungszeiten im Martin-Gropius-Bau: Mittwoch bis Montag 10–19 Uhr. Ticket: 12 EUR. Der Eintritt zu „Überall Luthers Worte ...“ ist frei.

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