Drama eines Epochenumbruchs

Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Hebbel wird die Aktualität seiner „Nibelungen“ neu entdeckt. Von Anja Kordik
Foto: P!ELmedia | Siegfrieds Beerdigung, Szene einer „Nibelungen“-Aufführung in Worms. Eine Neuinszenierung des Dramas von Hebbel stellt die Stadt vom 5. bis 21. Juli vor.
Foto: P!ELmedia | Siegfrieds Beerdigung, Szene einer „Nibelungen“-Aufführung in Worms. Eine Neuinszenierung des Dramas von Hebbel stellt die Stadt vom 5. bis 21. Juli vor.

Aus dem Anlass des 200. Geburtstags von Friedrich Hebbel (1813–1863) wird die Aktualität seiner Werke neu entdeckt. Vor allem seiner „Nibelungen“ von 1862, die er nur ein Jahr vor seinem Tod vollendet hat. Auf dieses „Deutsche Trauerspiel“ verwandte der Dichter, wie er selbst in seiner Vorrede von 1862 schrieb, sieben Jahre seines Schaffens. Im Hebbel-Jahr wird sein Drama unter anderem mit viel diskutierten und beachteten Produktionen in Worms und Weimar für die Bühne neu aufbereitet.

„Die Nibelungen“ – das große Epos vom Untergang zweier Geschlechter, dem der Burgunder, die im Verlaufe der Handlung zu den Nibelungen werden, und der Hunnen König Etzels. Es ist das große Drama eines Epochenumbruchs – am Schluss leuchtet am Horizont bereits der Schimmer einer neuen Zeit auf.

Friedrich Hebbel hielt sich bei seiner Fassung des Nibelungenstoffes im Wesentlichen an Handlung und Erzählfolge des mittelalterlichen Nibelungenliedes. Doch weist dieses um 1200 verfasste Heldenepos bereits in sich zeitliche und geistige Brechungen auf. Denn das Geschehen um „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“, von dem die Nibelungen erzählen, ist eigentlich sehr viel früher, im 5. Jahrhundert, angesiedelt, also in der Zeit der Völkerwanderung. Es war einer Zeit großer geistiger und kultureller Umbrüche: des Übergangs von der Gesellschaft der Antike zum christlich geprägten Mittelalter – mit einem neuen, die Gesellschaft verbindenden Wertegerüst.

Hebbel schildert in seinen „Nibelungen“ diese Übergänge: Die burgundische Gesellschaft am Hofe zu Worms beschreibt er als noch in der Phase der Christianisierung befindlich, als noch von germanischer Traditionen geprägt, zugleich aber von den neuen Glaubens- und Wertvorstellungen geleitet. Dieser der Gesellschaft innewohnende Gegensatz offenbart sich sogleich zu Beginn mit dem ersten Auftreten Hagen Tronjes: Laut und unwirsch tritt der Tronjer in die Halle, in der sich die Burgunderkönige mit Freunden und Gefolgsleuten am Ostersonntag versammelt haben und ihre sonst üblichen Tätigkeiten ruhen lassen. „Nun“, fragt Hagen, „keine Jagd?“ Und Gunther antwortet: „Es ist ja heil’ger Tag...!“ Worauf Hagen in Fluchen ausbricht: „Dass den Kaplan der Teufel selber hole, von dem er immer schwatzt!“ In dieser ersten Szene prallen bereits Welten, prallen Profan-Heidnisches und Christliches aufeinander. Die Konfliktlinien in einer geistig-kulturell nicht mehr homogenen deutlich, weil sich die Gesellschaft im Übergang befindet. Auch die Hunnen werden bei Hebbel als zwiespältig beschrieben: gewalttätig und archaisch einerseits. Andererseits treten am Etzelshof bereits Vertreter christlicher Wertvorstellungen wie Dietrich von Bern und Rüdiger von Bechlarn hervor und versuchen auf der Grundlage ihres Glaubens, die große Katastrophe abzuwenden.

Diesen gegensätzlichen Elementen fügte Hebbel in seinen „Nibelungen“ seine Sichtweise des 19. Jahrhunderts hinzu. Es finden sich zahlreiche Verweise auf die politischen und kulturellen Strömungen seiner Epoche. In den Jahren vor der Reichsgründung von 1871, als Hebbel sein Drama schrieb, gab es in Deutschland ein starkes Kulturbürgertum, eine starke Sehnsucht auch nach nationaler Einheit. Diese damals vorherrschende gesellschaftliche Stimmungslage fließt in das Drama mit ein. Für das moderne Theater gewinnt Hebbels klassischer Text seine Aktualität aus sich: vor allem aus dem darin geschilderten Grundkonflikt zwischen zum Teil widerstreitenden persönlichen Gefühlen – bei Kriemhild zwischen ihren Empfindungen für ihre Brüder und ihrer unbeirrbaren Treue zu Siegfried – und den nicht mehr einheitlichen sozialen Normen. Nicht alle geschilderten Konflikte erscheinen auf den ersten Blick begreiflich. So bleibt es heute nur schwer verständlich, warum Rüdiger bis zum eigenen Untergang an dem Kriemhild geschworenen Eid festhält.

Jedoch: Der eigentliche Grundkonflikt zwischen individuellem Wollen und gesellschaftlich notwendig Erscheinenden erschließt sich auch aus heutiger Perspektive sofort. Und vor allem die geistigen und kulturellen Umbrüche, die Hebbel in seinen „Nibelungen“ schildert, verleihen dem Stück Aktualität, denn die moderne Gesellschaft scheint heute wiederum an der Schwelle eines Epochenumbruchs angekommen.

Christian Friedrich Hebbel, 1813 als Sohn eines Maurers geboren und in armen Verhältnissen aufgewachsen, musste sich als Jugendlicher die Grundlagen seines Wissens im Selbst-Studium aneignen, erhielt erst später Gelegenheit zu einem universitären Studium und unternahm Reisen nach Kopenhagen, London, Paris. Er lebte in Hamburg und später in Wien. In etlichen seiner Dramen, etwa in der Tragödie „Judith“ (1841) griff er biblische Themen auf. Daneben verfasste er soziale Dramen, so zum Beispiel 1844 „Maria Magdalena“, die Tragödie einer jungen Frau, die an kleinbürgerlicher Enge zerbricht. Hier weist Hebbel zum Teil schon Bezüge zu modernen Autoren wie August Strindberg und Frank Wedekind auf.

Mehrfach wandte sich der Dichter mittelalterlichen Stoffen zu: so in „Genoveva“ (1843) und in „Die Nibelungen“. Hebbel war stark inspiriert von Hegels Geschichtsphilosophie, die das Individuum als im Sinne einer übergeordneten Macht handelnd versteht. Hegel beschreibt die Geschichte als ein prozessuales Geschehen, das von einem absoluten Geist („Weltgeist“) gelenkt wird, in dem sich subjektiver Geist (individuelles Wollen) und „objektiver Geist“ (gesellschaftliches Geschehen) gleichsam verdichten. Der Einzelne glaubt zwar, seinem eigenen Willen und eigenen Zielen zu folgen – in Wahrheit jedoch wird er von der geschichtlich Notwendigkeit geleitet, als Teil eines übergeordneten historischen Planes – nach Hegel ein göttlicher Schöpfungsplan.

Hebbel griff dieses philosophische Konzept gerade in seinem Spätwerk auf. Auch die Figuren der „Nibelungen“ treten letztlich nicht als völlig autonome Akteure, sondern gleichsam als Werkzeuge eines höheren Planes in Erscheinung. Selbst die vor allem im zweiten Teil die Handlung vorantreibende Hauptprotagonistin Kriemhild erscheint am Schluss nur als Vollstreckerin eines ihrem Geschlecht vorbestimmten Schicksals.

Die „Nibelungen“ schildern die schmerzhaften Umbrüche beim Übergang in eine neue Epoche. Das Anbrechen eines neuen – christlich geprägten – Zeitalters klingt in den Schlussversen Hebbels an, als König Etzel nach der großen Katastrophe und Kriemhilds Tod verzweifelt und seine Autorität an Dietrich von Bern übergibt: „Nun sollt’ ich richten – rächen – neue Bäche in’s Blutmeer leiten/ Doch es widert mich/ Ich kann’s nicht mehr – mir wird die Last zu schwer – / Herr Dietrich, nehmt mir meine Kronen ab/ Und schleppt die Welt auf Eurem Rücken weiter...“ Und Dietrich erwidert: „Im Namen dessen, der am Kreuz erblich!“

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