Digitaler Schwarm ändert die Politik

Gibt es überhaupt digitale Rationalität? Gemeinsames politisches Handeln scheint im Internet unmöglich zu sein Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Am Bildschirm werden einsame Entscheidungen gefällt. Das hat Konsequenzen für das kommunikative Handeln.
Foto: dpa | Am Bildschirm werden einsame Entscheidungen gefällt. Das hat Konsequenzen für das kommunikative Handeln.

Politik wird schon jetzt vielfach von Einzelnen gemacht, die dabei selbst unpolitisch handeln. Die Plagiate in ihren Dissertationen begangen haben, veränderten das Prüfungssystem an Universitäten; gierige Banker haben eine Änderung der Bankengesetze indirekt erzwungen, oder die Sicherheitsgesetze bei sportlichen Großveranstaltungen sollen durch das jüngste Bombenattentat in Boston verschärft werden. Immer wieder sind es Taten Einzelner, die mehr oder weniger einsam zustande gekommen sind. Ist damit die Weltgeschichte bei der Struktur der „Sozialen Medien“ angekommen? So scheint es.

„Das Internet manifestiert sich heute nicht als ein öffentlicher Raum, als ein Raum des gemeinsamen, kommunikativen Handelns. Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich“ – mit diesen Worten beginnt Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, sein Essay über „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns“ (Matthes und Seitz Verlag 1013, 44 Seiten, EUR 5,–). Damit widersprechen die Sozialen Medien ihrem Begriff, sozial zu sein (DT vom 11.4.). Han unterscheidet scharf zwischen den Massenmedien wie Zeitungen, die eine politische Masse hervorbringen können im Unterschied zum digitalen Schwarm, der dies nicht kann. Beim Arabischen Frühling hatte man sich mit digitalen Medien zum Widerstand verabredet, diese Medien haben jedoch aus sich heraus nicht die politischen Veränderungen erbracht: „Der digitale Schwarm besteht dagegen aus einzelnen Egos, die sich nicht zu einer politischen Gestalt formieren.“ Die Frage ist jedoch, was die Fragmentarisierung der Gesellschaft für die Demokratie bedeutet und damit für das kommunikative Handeln.

Auch der Philosoph des kommunikativen Handelns, Jürgen Habermas, sieht in den digitalen Medien eine weitere Verfallsform gegenüber den elektronischen Medien, die das Publikum als Hörende und Sehende in ihren Bann zögen: „Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltene Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten eher unterminiert zu werden. Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Kraft nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen.“ Habermas hält es ganz richtig für einen nicht behebbaren Mangel der digitalen Medien, dass sie keine Äquivalente zum kommunikativen Handeln sind.

Han führt den Medientheoretiker Pierre Lévy an, der eine „Echtzeit-Demokratie“ vorausgesagt hat, die Politiker und Parteien überflüssig mache. Das setzt allerdings verantwortungsbewusste und gemeinsam handelnde Internetnutzer voraus. Die häufig erregten Schwarmbotschaften auf den Sozialen Medien lassen allerdings daran zweifeln, dass dies eine sinnvolle Struktur von Politik sein könnte. Die „Echtzeit-Demokratie“ ist eine Zeit permanenter Entscheidungen und Bewertungen. Das sind alles andere als Entscheidungsprozesse, die langwierig zum Konsens führen sollen und völlig unterschieden von dem, was wir rationales Handeln nennen. Die Entscheidungen müssten dann nur noch verwaltet und umgesetzt werden. Doch dafür genügen Bürokraten.

Bereits der 1991 verstorbene Medientheoretiker Vilém Flusser hat solch eine Mediendemokratie angekündigt, die durch Muße am heimischen Bildschirm statt durch Arbeit zustande komme, in Analogie der amerikanischen interaktiven Fernsehanlage QUBE (Frag deinen Fernseher): „Für die Abonnenten des QUBE-Systems ist die Muße jetzt schon der Ort wirksamer Entscheidungen, die Betrachtung des Bildschirms ist für sie jetzt schon der Ort ihres politischen, sozialen und kulturellen Engagements, und ihr Privatraum ist für sie jetzt schon die Republik, die öffentliche Sache.“ Dass sich die Betrachtung des Bildschirms auch besonders heute nicht wesentlich vom Spiel unterscheidet, darauf weist Han hin. Der Mausklick ersetzt eben den Diskurs. Die Politik der Muße entscheidet sich auf dem Gefällt-mir-Button, wodurch der Wahlzettel ersetzt werden könnte. Es wäre ein noch wesentlich schnelleres Politikkonzept, als die Volksabstimmungen in der Schweiz. Han zeigt mit seinem Essay, was schon über Jahrzehnte diskutiert wird und unter der Hand zur Wirklichkeit zu werden droht. Ob es ein Alptraum wird oder nicht, will er nicht eindeutig beantworten. Die künftigen „Politiker“ wären Akteure und Zuschauer zugleich. Ob diese Form demokratischer Beteiligung zu einer entideologisierten Politik führt, die durch die Parteien verhindert werde, wie Han meint, ist jedoch fraglich. Denn großflächige Absprachen sind gerade im Netz möglich, wie die arabischen Länder gezeigt haben.

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