Dieselbe Reise in je umgekehrter Richtung

„Ein Atem“ bietet eine tiefgründige Reflexion über Elternschaft und die schwierige Balance zwischen Beruf und Familie. Von José García
Foto: Wildbunch | Als ihre anderthalbjährige Tochter Lotte verschwindet, reist Tessa (Jördis Triebel) kurzentschlossen nach Athen. Denn sie vermutet, ihr Kindermädchen Elena habe die Kleine entführt.
Foto: Wildbunch | Als ihre anderthalbjährige Tochter Lotte verschwindet, reist Tessa (Jördis Triebel) kurzentschlossen nach Athen. Denn sie vermutet, ihr Kindermädchen Elena habe die Kleine entführt.

Zwei Frauen und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zwei Frauen, eine Griechin und eine Deutsche, oder allgemeiner eine Süd- und eine Mitteleuropäerin. Aber auch zwei Frauen auf derselben Reise, nur jeweils in umgekehrter Richtung. Zwei Frauen und die Mutterschaft, und deshalb wohl auch zwei Frauen und der gleiche Atem. Daher wohl der Titel des Spielfilmes von Regisseur Christian Zübert und seiner Mitautorin Ipek Zübert: „Ein Atem“, der die beiden Frauen vereint.

Die doppelte Reise beginnt in Athen. Die junge Elena (Chara Mata Giannatou) hat das perspektivlose Leben satt. Gerade hat sie ihre Stelle in einem Hotel verloren. Da sie auch gut Deutsch spricht, möchte sie ihr Glück in Deutschland versuchen. Auch ihr Verlobter soll mitkommen. Obwohl er sich in Athen keine eigene Wohnung leisten kann und seine Zukunft angesichts der Wirtschaftskrise ebenfalls überhaupt nicht vielversprechend aussieht, möchte Costas (Apostolis Totsikas) jedoch die Heimat auf gar keinen Fall verlassen. Bei „Elenas Reise“, wie es in einem Zwischentitel heißt, hält sich Zübert nicht lange auf. Sie reist mit dem Bus über Ljubljana nach Frankfurt.

Elena arbeitet zunächst einmal in einer Bar, erfährt aber bei einer Untersuchung, dass sie schwanger ist. Die Schwangerschaft stellt ihre Zukunftsplanung auf den Kopf. Soll sie abtreiben? Ohne festes Einkommen und Krankenversicherung wird es schwierig sein, aber sie entscheidet sich für das Kind. Da kommt ihr der Job als Kindermädchen, den sie über eine Freundin vermittelt bekommt, wie gerufen, wenn auch Elena mit Kindern keinerlei Erfahrung hat. Als sie bei Tessa (Jördis Triebel) und ihrem Mann Jan (Benjamin Sadler) vorstellig wird, fühlt sich die junge Griechin in eine andere Welt transportiert. Die beiden haben offensichtlich gut bezahlte Jobs. Die elegant eingerichtete Wohnung verrät teuren Geschmack und vor allem den Perfektionismus der Hausherrin. Ein Perfektionismus, der sich nicht nur in der äußeren Ordnung, sondern auch in der Erziehung der anderthalbjährigen Tochter Lotte widerspiegelt: Das Kind darf beispielsweise maximal ein Stück Süßigkeiten am Tag und Rosinenbrötchen nur vom Biobäcker bekommen. Anfangs tut sich Elena mit solchen strengen Regeln schwer. Nach und nach kommt sie allerdings mit dem Kind und mit dessen Mutter besser zurecht. Sie bekommt sogar die Erlaubnis, sich unter der Adresse des Ehepaares anzumelden, um eine Krankenversicherung abschließen zu können.

Dann aber, in einem Augenblick der Unachtsamkeit, verschwindet Lotte. Elena ergreift in Panik die Flucht und kehrt nach Athen zurück. Nun folgt ein Perspektivwechsel von Elena zu Tessa. Elena verschwindet aus den Augen des Zuschauers. Der Film konzentriert sich zunächst einmal auf die nun zum Vorschein kommenden Konflikte zwischen Jan und Tessa und dann auf die junge deutsche Mutter, auf ihre Zerrissenheit zwischen Arbeit und Familie: „Ich konnte es kaum abwarten, wieder zu arbeiten. Aber jetzt sitze ich da und frage mich, was tue ich hier, ich sollte bei meiner Tochter sein.“ Weil die polizeilichen Ermittlungen keine Ergebnisse zeitigen, und sie davon überzeugt ist, dass Elena ihr Kind entführt hat, fährt sie kurzentschlossen nach Athen. So beginnt „Tessas Reise“ in umgekehrter Richtung als Elenas Reise zu Beginn.

Die dramaturgische Entscheidung, den Film auf diese Weise zweizuteilen, die auch durch die Wiederholung einiger Szenen aus einer anderen Perspektive unterstützt wird, begründet Christian Zübert folgendermaßen: „Mich reizte daran das Spiel mit den Empathien. Dass man sich erst an die junge Griechin hängt, die so underdogmäßig nach Deutschland kommt, und die deutsche Helikopter Frau hasst. Und dann als Zuschauer seine Empathie um die Ohren gehauen bekommt, wenn man merkt, dass man sich in Tessa getäuscht hat. Dass sie auch Schwierigkeiten hat, etwa ihre Rolle als Mutter und Frau zu finden.“

Für die Konzentration auf die zwei Hauptfiguren stehen Regisseur Zübert zwei herausragende Schauspielerinnen zur Verfügung. In ihrer ersten Kinorolle gestaltet Chara Mata Giannatou ihre Elena als eine Mischung aus Entschiedenheit und Verunsicherung, was ihre Zukunft betrifft. Jördis Triebel meistert die schwierige Aufgabe, ihre Tessa zunächst als unsympathische Karrieristin und Helikoptermutter darzustellen, die jedoch nach und nach ihre Verletzlichkeit und Zerrissenheit offenbart, um so den Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen. Diese Veränderung ist einerseits der Regie, andererseits aber auch dem nuancierten Spiel von Jördis Triebel zu verdanken, die spätestens mit ihrer Rolle in „Ein Atem“ zur ersten Liga der deutschen Charakterdarstellerinnen aufgestiegen ist. Demgegenüber werden die Männerfiguren fast holzschnittartig gezeichnet. Allerdings schafft es wiederum Benjamin Sadler, dass sein Jan nicht zum Klischee eines Mannes verkommt, der die Schuld ausschließlich bei seiner Frau sucht.

Unabhängig von der thrillermäßigen Handlung um das Verschwinden des Kindes, in die Christian Zübert seinen Film einbettet, ist „Ein Atem“ ein vielschichtiger Film. Da ist zunächst einmal die Gegenüberstellung zwischen den ärmeren Ländern aus dem Süden und den reicheren Nachbarn aus Mitteleuropa. Darüber hinaus bietet „Ein Atem“ eine Reflexion über Elternschaft („Wenn die Eltern glücklich sind, sind die Kinder auch glücklich – sagen alle egoistischen Eltern“) und insbesondere über die schwierige Balance zwischen Berufstätigkeit und Muttersein. Nicht zuletzt handelt „Ein Atem“ aber auch von der universellen Frage von Schuld und Vergebung.

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