Die Zielgruppe ist der anspruchsvolle Leser in Lehre und Forschung

„Erste Adresse“ für zentrale philosophische Werke – Manfred Meiner zum 100. Jubiläum des Felix Meiner Verlags. Von Alexander Riebel
Foto: Archiv | Manfred Meiner leitet heute den Felix Meiner Verlag in Hamburg.
Foto: Archiv | Manfred Meiner leitet heute den Felix Meiner Verlag in Hamburg.
Felix Meiner, der Gründer Ihres Verlags, sprach zum 50-jährigen Bestehen der „Philosophischen Bibliothek“ 1918 von den Wechselbeziehungen zwischen dieser Buchreihe und der deutschen Kultur. Fühlen Sie sich diesem Ideal noch verpflichtet?

Wenn Sie zur deutschen Kultur – wie mein Großvater damals – den philosophischen Diskurs über Länder- und Sprachengrenzen hinweg zählen: uneingeschränkt ja! Diesen Anspruch hat der Verlag immer wieder mit Studienausgaben philosophischer Texte auch aus den außereuropäischen Kulturen eingelöst, so etwa mit der enzyklopädisch angelegten Auseinandersetzung des Chang Tsai (1020–1078) mit den kanonischen Schriften der alten chinesischen Tradition; oder der „Entscheidenden Abhandlung“ aus dem Jahre 1179, in der Averroes unter Bezugnahme auf den Koran das Recht der Philosophie gegen den Einspruch der Theologie verteidigt, oder zuletzt mit Nagarjunas „Lehre von der Mitte“, einem der grundlegenden Texte des Buddhismus aus dem 3. Jahrhundert. Dabei ist unbestritten, dass der Schwerpunkt des Verlagsprogrammes aus naheliegenden Gründen auf den kanonischen Texten der philosophischen Tradition Europas liegt.

Zum Jubiläum gibt es interessante Neuerscheinungen, die auch aktuelle Debatten aufgreifen. Was haben Sie geplant?

Seit einigen Jahren gibt es neben der altbekannten „Grünen Reihe“, der „Philosophischen Bibliothek“ auch eine „Blaue Reihe“ mit richtungsweisenden Texten heutiger Autoren zu Fragen, Themen und Prozessen im Kontext aktueller philosophischer Debatten, wie etwa zuletzt Reinhard Brandts streitbarer Essay „Wozu noch Universitäten“, Dietmar von der Pfordtens Buch über Aufgabe und Wert der Philosophie „Suche nach Einsicht“ oder Michael Quantes Beitrag zur Diskussion um die verschiedenen Aspekte von Biotechnologien „Menschenwürde und personale Autonomie“. Diesen Programmbereich werden wir auf hohem Niveau kontinuierlich ausbauen.

Sie leiten den führenden Verlag für klassische Philosophie, aber auch zunehmend für philosophische Werke der Gegenwart. Was bewegt Sie in dieser Zeit, noch große Reihen wie die Josef Pieper-Werkausgabe oder wie gerade die Hauptwerke von Thomas von Aquin herauszugeben?

Programmatisch stand der Verlag seit seiner Gründung unausgesprochen immer unter der Leitlinie: Ohne Vergangenheit keine Zukunft. Und zu seiner Zeit hätte man die Texte des heiligen Thomas über Gottes Vermögen, die Schöpfung, die Sünden oder das Übel möglicherweise zu den Lebenswissenschaften gezählt.

Eine Übersetzung des arabischen Philosophen Averroes ist jetzt vom saudischen Prinzen Abdullah Bin Abdulaziz ausgezeichnet worden – wie wird die „Philosophische Bibliothek“ sonst im Ausland wahrgenommen?

Das zählt zu den erfreulichsten Erfahrungen meines Verlegerlebens, dass der Ruf der „Philosophischen Bibliothek“ international ganz ausgezeichnet ist. Die Buchhandlung mit dem größten Angebot, der höchsten Präsenz der Reihe im Regal ist übrigens in Kyoto zu finden: Shiseido Booksellers.

Ihr Verlag wollte schon immer das gebildete Publikum ansprechen – sind da nicht heute Grenzen gesetzt durch das verkürzte Studium und Modulbücher vieler Verlage, die Wissen nur noch zusammenfassen? Selbst für die Lektüre der philosophischen Hauptwerke bleibt ja im Studium keine Zeit mehr.

Immer wieder wird ja von der Bachelorisierung des Studiums gesprochen. Wir können das anhand des Absatzes der Bände der „Philosophischen Bibliothek“ nicht nachvollziehen. Allerdings waren uns schon immer Grenzen gesetzt, da nicht jeder Philosophie-Interessent es so genau wissen möchte, wie in unseren Ausgaben mit ihren verschiedenen editorischen Beigaben dargestellt. Nicht für jeden Zweck ist eine reich kommentierte zweisprachige Ausgabe von Baumgartens „Ästhetik“ in zwei Bänden erforderlich. „Das gebildete Publikum im Allgemeinen“, für das die Reihe bei Gründung „zunächst“ bestimmt war, ist mehr und mehr dem anspruchsvollen Leser in Lehre und Forschung gewichen.

Wie stellen Sie sich auf die veränderten Studien- und damit Wissensbedingungen ein?

Damit hätten wir angesichts des deutschen Reformeifers viel zu tun, und so belassen wir es lieber bei dem Versuch, „erste Adresse“ für zentrale philosophische Werke aller Richtungen und so unserem Ruf und Programm treu zu bleiben. Die philosophischen Wissenschaften und das Büchermachen funktionieren ja auch nicht wie das Brötchenbacken, bei dem man sich leicht und locker dem gerade herrschenden Zeitgeschmack anpassen kann.

Wie schätzen Sie die Veröffentlichung von Büchern im Internet ein, etwa durch Google Books? Begrüßen Sie diese Entwicklung?

Besonders froh bin ich darüber, dass vor wenigen Tagen, nicht zuletzt durch deutsche Intervention, das sogenannte „Google settlement“ durch amerikanischen Gerichtsbeschluss verhindert werden konnte, was für den Erhalt eines starken Urheberrechtes von großer Bedeutung ist. Gegen eine Zusammenarbeit mit Google auf solider Basis habe ich hingegen keine Einwände, und so beteiligen wir uns seit Jahren an „Google Books“. Zum Thema elektronische Publikationen wissenschaftlicher Bücher könnte ich Seiten füllen. Fakt ist, wir wollen und müssen damit leben; welche Folgelasten sich daraus ergeben, ist jedoch noch weitgehend unklar. Mit den etwa 150 E-books in unserem Programm erwirtschaften wir jedenfalls bislang Umsätze im Nano-Bereich.

Vor wenigen Tagen erklärte der Präfekt der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Zenon Kardinal Grocholewski, unser Zeitalter brauche die Philosophie. Wo sehen Sie heute noch die bildende Kraft des philosophischen Gedankens.

Nicht nur unser Zeitalter braucht(e) die Philosophie. Im Übrigen darin, die niemals veraltenden Fragen zu stellen und darauf immer neue Antworten zu suchen. Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was kann ich wissen? Was ist der Mensch? Immanuel Kant und andere bleiben überzeitlich.

Was wünschen Sie sich zum hundertsten Geburtstag des Verlags für die Zukunft?

Eine mehr an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen und ihrer akademischen Interessen orientierte, dazu ideologiebefreite, weniger zentralistisch organisierte und nicht so innovationssüchtige Wissenschaftpolitik und -verwaltung.

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