Radikaler Islam

Die Wiege der Taliban steht in Indien

Die Ursprünge der islamistischen Terrororganisation liegen in Deoband, einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh – auch dort ging es schon um den Kampf gegen „Ungläubige“.
Konflikt in Afghanistan
Foto: dpa | Radikalislamische Terroristen der Taliban verbreiten ihr Weltbild nicht nur durch Glaubensunterweisung, sondern auch mit Zwang und Waffengewalt.

1866 entstand in Deoband in Britisch Indien eine radikalislamische Rechtsschule, als die Briten gerade zum zweiten Mal erfolglos versucht hatten, auch Afghanistan ihrem Empire einzugliedern und ein letzter Aufstand indischer Muslime gegen ihre direkte Herrschaft gescheitert war. Die Paschtunen, in deren Milieu die Taliban entstanden sind, lebten damals wie heute auf beiden Seiten der britisch/pakistanisch und afghanischen Grenze, der Durand Linie, die 1893 gezogen wurde und nach einem britischen Diplomaten benannt ist. Mit dem rigorosen Scharia-Islam, der in der Deoband-Schule entwickelt wurde, wollten die muslimischen Gelehrten eine religiöse Erweckungs- und Säuberungsbewegung starten, um dem Islam zu neuer Stärke zu verhelfen und die Ungläubigen (Briten) aus dem Land zu jagen.

Der Einfluss der Deobandis war während der Kolonialepoche vor allem in den pakistanischen Paschtunengebieten sehr groß, von dort kam er durch die Intervention der Sowjets in Afghanistan ab 1979 und der damit verbundenen Fluchtbewegung der Mudschahidin in die pakistanischen Paschtunengebiete auch wieder nach Afghanistan. Die Taliban, die seit 1994 aus den Mudschahidin hervorgegangen sind, entstammen der Deoband-Schule des Islam, die eigentlich ganz Britisch-Indien islamisieren wollte.

„Die Deobandis, das sieht man an diesen Zahlen,
gelten in der islamischen Welt keineswegs als Außenseiter“

Die Stadt Deoband liegt nur 140 km von der einstigen Mogulhauptstadt Dehli entfernt, die heute als New Dehli Hauptstadt Indiens ist. Die von den Mongolen abstammenden Mogulherrscher hatten ihr erstes Machtzentrum im 16. Jahrhundert im Paschtunengebiet, von dort gelang es ihnen, durch Allianzen fast das ganze mehrheitlich hinduistische Indien zu beherrschen. Der Untergang des eigentlich toleranten aber zerstrittenen Mogulreiches 1858 wirkte auf viele führende muslimische Clans im Machtzentrum Dehli wie ein Schock. Sie legten den Grundstock für den radikalen Islam von Deoband, mit dem sie ein islamisches Reich politisch wiedererrichten wollten. Das Darul Ulam in Deoband ist bis heute seine wichtigste Institution geblieben. Die Deobandi-Bewegung wurde unter den Paschtunen auf beiden Seiten der Durand-Linie zur populärsten Schule des islamischen Denkens.

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Nachdem die Briten ihren Einfluss auf das Emirat Afghanistan fallenließen, mit der Anerkennung der Durand Linie, halfen die Deobandis das letzte nichtmuslimische Volk Afghanistans, die Nuristanis, ab 1893 mit Zwang zu islamisieren. Die Nuristanis lebten in einer Region, die bis heute „Kafiristan“ (Land der Ungläubigen) heißt. Es war die letzte Massenzwangskonversion der Neuzeit. Die Deobandi Schule stimmt in vielen Teilen mit der wahhabitisch/salafistischen Schule der Saudis überein, beide bezogen ihre Stärke aus einer Rückbesinnung angeblicher Werte aus dem Islam der Gründerzeit. Afghanistan und Saudi Arabien waren die beiden einzigen muslimischen Länder, die nie Kolonialgebiete westlicher Mächte waren. Neben Pakistan, welches die eigentliche Schutzmacht der Taliban ist, gehörte Saudi-Arabien zu den drei Ländern, die die Taliban nach deren erster Machtübernahme 1996 anerkannt hatten.

Britischer Kolonialismus war Ursache für Fluchbewegungen

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Die radikalislamischen sunnitischen Deobandi Bruderschaften aus Nordindien expandierten aufgrund der großen Fluchtbewegung am Ende der britischen Kolonialherrschaft in den Jahren 1947/48, als die Bevölkerung des indischen Subkontinents nach den drei Religionen Hinduismus, Islam und Buddhismus in drei Staaten, Indien, Pakistan und Sri Lanka, aufgeteilt wurde. Die Deobandi Bruderschaften bildeten in allen drei Staaten, so auch in Sri Lanka, das nie zum Mogulreich gehörte, das Gros der radikalislamistischen Bewegung, aus der sich auch die Oster-Selbstmordattentäter von 2019 in Sri Lanka rekrutierten.

Als Indien und Pakistan 1947 durch die pazifistische Lehre von Mahatma Gandhi und seinem schiitisch pakistanischen Weggefährten Jinnah die Unabhängigkeit erreichten und nicht durch den Gewaltislam der Deobandis, wirkte dies wie ein Schock für die Anhänger des radikalen Islam. In den 1920er Jahren hatten die Deobandis noch versucht, den Herrschaftsislam des untergehenden osmanischen Kalifats noch zu unterstützen und sich Gandhis Kongresspartei anzubiedern. Im einstigen Zentrum des indischen Islams, in Uttar Pradesch, stellen Muslime nur noch 20 Prozent der 200 Mio. Einwohner. Der Bundesstaat ist das Zentrum des Hinduismus, mit seiner heiligsten Stadt Benares/Varanasi. Das Zentrum des Buddhismus war einst Afghanistan, die riesigen Buddhastatuen von Bamyan zeugten davon bis zur ihrer Zerstörung durch die Taliban 2001.

Allianz aus Religionsfanatismus und Stammeschauvinismus

 

Die Deobandis in Indien wollen heute keine „ungläubigen“ Inder mehr zwangskonvertieren, viele ihrer Kleriker lehnen sogar die Zulassung von Studenten aus Afghanistan und Pakistan strikt ab, da sie die indischen muslimischen Studenten radikalisieren könnten. Im heutigen Deoband liegt der Schwerpunkt der Ausbildung auf einer modernen kontextbezogenen Auslegung der religiösen Schriften und der friedlichen Koexistenz mit Nicht-Muslimen. Im gegenwärtigen Kontext könnte diese indische Deobandi-Gelehrsamkeit ein religiöses Instrument sein, um die Weltsicht der Taliban-Kleriker kreativ und phantasievoll zu erweitern. Allerdings, in den Deobandi Ablegerschulen, die noch vor der Trennung des Subkontinents in Pakistan entstanden, sind solche gemäßigten Tendenzen noch nicht angekommen. In Pakistans paschtunischen Stammesgebieten um das Swat Tal und Waziristan gelten heute noch die strengreligiösen Gesetze der Ur- Deobandis, Malala bekam das zu spüren.

In Afghanistan selbst haben sich, trotz einer religiösen Säuberungsagenda, die Deobandis politisch mit dem paschtunischen Nationalismus verbunden, zu dem auch ein antiquierter Stammes-Kodex gehört. Deshalb gibt es eine komplizierte Beziehung zwischen den Taliban und dem pakistanischen Staat. Die afghanischen Taliban erkennen die Durand-Linie, die heutige de facto Grenze zwischen beiden Staaten, nicht an, die für die pakistanische Punjabi-Mehrheit, die auch die politische Elite des Landes stellt, nicht verhandelbar ist. Die engen Beziehungen zwischen den Tehreek-e-Taliban (TTP), den pakistanischen Taliban und den afghanischen Taliban bereiten der pakistanischen Regierungselite großes Kopfzerbrechen, weshalb der pakistanische Geheimdienst die Taliban auf beiden Seiten der Grenze zu kontrollieren versucht.

Deoband ist eine der wichtigen Religionsschulen der Sunniten

Die Schule von Deoband, in der der politische Islam entstand, lange bevor die ägyptische Muslimbruderschaft die arabischen Massen erreichte, gilt heute nach der Kairoer Al-Azhar als zweitwichtigste Lehrstätte des sunnitischen Islam. In Pakistan werden rund zwei Drittel der Koranschulen bereits von Deobandis geleitet, auch in Großbritannien, Südafrika oder Malaysia kontrollieren die pakistanischen Deobandis einen Großteil der Moscheen. Die Deobandis, das sieht man an diesen Zahlen, gelten in der islamischen Welt keineswegs als Außenseiter.

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