Die Vielfalt der Zeitungen vor Ort erhalten

Wachsende Medienkonzentration: Diskussion über die Zukunft des Lokaljournalismus in Dortmund. Von Anja Kordik
Foto: dpa | Titel wie früher, Inhalt von der Konkurrenz. Traurige Zeitungszeiten in Dortmund.
Foto: dpa | Titel wie früher, Inhalt von der Konkurrenz. Traurige Zeitungszeiten in Dortmund.

„Mogelpackung“, „Hybrid-Zeitung“ – drastische Worte fielen über das künftige Modell des WAZ-Konzerns, die Redaktion der Westfälischen Rundschau in Dortmund komplett zu schließen. Künftig wird die Rundschau als Zeitung ohne eigene Redaktion in der Ruhrgebietsstadt erscheinen. Texte und Fotos werden von den bisher konkurrierenden Ruhrnachrichten übernommen. Ein Paradox, das zur medialen Wirklichkeit gehört. Doch: Welche Folgen hat die wachsende Medienkonzentration auch im Lokaljournalismus für die politische Meinungsbildung vor Ort? Wie wichtig ist es heute, dass weiterhin mehrere Zeitungen präsent sind? Nicht zuletzt: Welchen Preis hat qualitativ hochwertiger Lokaljournalismus – und sind die Leser wirklich bereit, diesen zu zahlen? Fragen, die bei einem Podium im Dortmunder Harenberg-Center im Vordergrund standen. Teilnehmer waren der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider und der renommierte Medienwissenschaftler Ulrich Pätzold, emerierter Professor für Journalistik an der TU Dortmund, ferner der Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, Christian Nienhaus und die ehemalige Leser-Beirätin Inés Maria Jiménez. Eingeladen hatte der Westdeutsche Rundfunk im Rahmen seiner Sendereihe „WDR-Stadtgespräche“. Rund 200 Interessierte, in erster Linie Leser und ehemalige Leser der Westfälischen Rundschau aber auch einige Journalisten, nahmen an der Diskussion teil.

Die Entscheidung des WAZ-Konzerns zur Schließung der Dortmunder Rundschau-Redaktion löste Anfang Februar ein bundesweites Echo aus. Sie passte in die seit Jahren fortschreitende Medienkonzentration in Nordrhein-Westfalen, aber auch auf dem überregionalen Zeitungsmarkt – Hinweise auf jüngste Beispiele wie die Financial Times und die Frankfurter Rundschau fehlten nicht in der Diskussion im Harenberg-Center. Immer wieder wurde betont, wie wesentlich die Pluralität im Lokaljournalismus in einer Großstadt wie Dortmund ist. NRW-Minister Schneider verwies darauf, dass es in der Ruhrgebietsstadt einmal drei Zeitungen gab, „die Ratsentscheidungen jeweils unterschiedlich kommentierten“. Mit der Schließung der Westfälischen Rundschau sei Dortmund mit seinen fast 600 000 Einwohnern zu einer Ein-Zeitungs-Stadt geworden. Das könne nicht ohne Folgen für die politische Meinungsbildung bleiben.

WAZ-Geschäftsführer Nienhaus brachte unternehmenspolitische Argumente ins Spiel, etwa das seit Jahren schwindende Anzeigen-Volumen der Westfälischen Rundschau. Kein Widerspruch sei vom SPD-Mitgesellschafter gekommen. Auch in anderen Fällen wie der überregionalen Frankfurter Rundschau sei der SPD-Gesellschafter irgendwann nicht mehr bereit gewesen, die seit Jahren kumulierenden Verluste zu finanzieren. „Insgesamt“, so Nienhaus, „sind wir als Verlag bemüht, die Vielfalt im Lokalen zu erhalten. Wir beschäftigen als WAZ-Konzern noch immer eine große Zahl von Lokaljournalisten. Wir betreiben Lokalradio nach dem Verlegerprinzip. Wir tun, was wir können für die Sicherstellung der lokalen Vielfalt.“ Allerdings würden diese Bemühungen teilweise auch durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk konterkariert, die gebührenfinanzierte lokale Angebote ins Netz stellen würden. „Solche Maßnahmen untergraben die Stellung der Zeitungsverlage.“

Deutlich wurde zudem, dass zwar die Empörung und Klagen vieler Leser bei Einstellung einer Redaktion groß sind, gleichzeitig aber das Bewusstsein für den Preis von qualitativ gutem Lokaljournalismus wenig vorhanden ist. Dies spiegelt sich in immer weiter abnehmenden Abonnentenzahlen wider. Eine spontane Umfrage beim WDR-Stadtgespräch zeigte denn auch, dass die Mehrheit gerade jüngerer Menschen nicht mehr bereit ist, Geld für ein Zeitungsabonnement auszugeben, da sie die meisten Informationen gratis aus dem Netz holen. Verlage starten bereits Versuche mit Vor-Ort-Informationen auf dem Tablet-PC. Das lässt sich aber nur wirtschaftlich gestalten, wenn Empfänger dafür zahlen. Medienforscher fordern daher das Ende der „Alles-für-Lau-Mentalität“ im Internet. Der Medienwissenschaftler Pätzold stellte fest, dass „die strukturelle Vielfalt in der Zeitungslandschaft – ob lokal oder überregional – in den vergangenen Jahren erheblich zurückgegangen ist. Immer mehr Medienprodukte werden in den Händen von immer weniger Anbietern gebündelt.“ Zwar, so Pätzold, Mitbegründer des Studiengangs für Journalistik in Dortmund, gebe es keine exakte Definition etwa des Bundesverfassungsgerichts, wie die Meinungsvielfalt zu definieren sei. Es ergebe sich jedoch von selbst, dass die fortschreitende Reduzierung der strukturellen Vielfalt auch eine Abnahme der inhaltlichen Vielfalt nach sich ziehe.

Bei den Medienunternehmen fehlt es an Transparenz

Muss die Politik eingreifen, um die Pluralität im Journalismus, gerade auch im lokalen Journalismus zu schützen? NRW-Minister Guntram Schneider plädierte eher für politische Zurückhaltung, da die Presse per se privatwirtschaftlich organisiert sei. Er verlangte jedoch von Medienunternehmen, auch von dem eigentlich „kerngesunden“ WAZ-Konzern, eine Quersubventionierung für die Produkte, die durch „Anzeigenschwund“ und elektronische Konkurrenz unter Druck geraten seien.

Ulrich Pätzold prognostizierte, dass es auch künftig ein Nebeneinander von gedruckten und elektronischen Medien geben werde. Gerade kleinere Verlage mit Auflagen von bis zu 30 000 hätten eine Chance. Sie seien oft wirtschaftlich gesünder als große Konzerne. Mit Blick auf die Zukunft des Zeitungsmarktes forderte der Medienwissenschaftler mehr Transparenz der Medienunternehmen, die ähnlich wie Aktiengesellschaften kontrolliert werden sollten, und außerdem Medienunternehmer, „die mit Journalisten zusammenarbeiten und nicht gegen sie.“ Offen bleibt, wie realistisch solche Wunschträume sind.

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