Die verlorene Dimension christlicher Ganzheitlichkeit

Welche Tradition ist richtig? Die allumfassende oder doch die partikulare Ausrichtung? Fest steht nur: Humanitaristische Sentimentalitäten ersetzen nicht einen universalistischen Ansatz. Von Felix Dirsch
Foto: IN | „Der Samariter im Evangelium vermeidet offensichtlich persönliche Überforderung.“ Auch Vincent van Gogh bewegte das Thema.

Das Verhältnis zum Universalismus spielte von Anfang an für das Christentum eine nicht unerhebliche Rolle. Die Bibel ist in dieser Frage durchaus nicht eindeutig. Der Missions- und Taufbefehl bringt eine universalistische Seite zum Ausdruck. Er findet sich bei den Synoptikern in unterschiedlichen Varianten, etwa bei Matthäus 28, 19: „Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Mit dem Pfingstereignis, der Geburtsstunde der Kirche, scheinen nicht nur die durch die Unterschiede der Sprachen bedingten Verständigungsschwierigkeiten überwunden; denn alle verstanden nunmehr die Apostel und ihre Predigt, unabhängig von ihrer Herkunft.

Weiter existieren Gleichnisse, die im Nachhinein eine universalistische Ausrichtung offenbaren. Der barmherzige Samariter ist bis heute ein Beleg für die völkerübergreifende Pflicht zur Nächstenliebe. Schließlich ist es ein „Volksfremder“ gewesen, der dem überfallenen jüdischen Kaufmann geholfen und ihn verpflegt hat, während die Angehörigen seines eigenen Stammes (Priester, Levit) vorübergegangen sind, ohne Hilfe zu leisten. Bis heute ist allerdings fraglich, wem in der Gegenwart diese Aufgabe zukommt. Dem Staat? Der hat nach Thomas von Aquin für das Gemeinwohl zu sorgen – ein Ziel, das nicht mit reiner Nächstenliebe zu erreichen ist. Ihm fehlt die persönliche Dimension bei der Erledigung dieses Auftrages, weswegen dem Subsidiaritätsprinzip gerade in modernen anonymen Gesellschaften ein besonderer Auftrag zukommt. Die christliche Caritas verkörpert heute am ehesten das, was der Samariter vorlebte. Häufig wird dieses vom Evangelisten Lukas überlieferte Schlüsselgleichnis freilich für gesinnungsethischen Aktionismus missbraucht, was der protestantische Sozialethiker Ulrich H.J. Körtner kritisch hervorhebt. Der Samariter im Evangelium vermeidet offensichtlich persönliche Überforderung. Er unterstützt nur einen Bedürftigen, für dessen Genesung er (auch finanziell) problemlos bürgen kann. Eine selbstruinöse Haltung ist dadurch ausgeschlossen. Schon Thomas von Aquin trennte gefühlte Barmherzigkeit von rationaler Gerechtigkeit. Erstere wird öfters nur zum Schein von christlicher Motivation geleitet.

Daneben kannte das Urchristentum durchaus partikulare Traditionen. Jesus bezeugte, dass er nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt wurde (Matthäus 15, 24). In der christlichen Auslegungstradition führten solche Hinweise lange Zeit ein Schattendasein. Erst die mitunter tragische Beziehung des Christentums zum Judentum schärfte langsam das Bewusstsein für solche Stellen. Das Apostelkonzil im Jahre 44 brachte einen Kompromiss: Während Paulus zum Völkerapostel mutierte und für die Freiheit vom jüdischen Gesetz warb, bildete sich in Jerusalem ein Kreis um den Herrenbruder Jakobus und anderen, die auf der Beschneidung als Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum Christentum bestanden. Letztlich setzte sich die Ablösung von der Synagoge durch.

Bis heute wird das Christentum von einem unvermeidlichen Dualismus durchzogen: einerseits von allumfassender Ausrichtung, vornehmlich im Postulat der Nächstenliebe, andererseits von exklusiver Glaubenslehre, die notwendigerweise abgrenzende Implikationen erkennen lässt.

Die schrittweise „Entethnisierung im Christentum“ (Arnold Angenendt) darf als Fortschritt gelten. Religion ist demnach nicht mehr an ein Volk oder einen Stamm gebunden, wie es in der Antike üblich war. Die Taufe, die jedem gespendet werden kann, tritt an die Stelle des Blutes, das nur in begrenztem Zusammenhang bedeutsam ist. Im Verlaufe der Geschichte gab es jedoch immer wieder (kaum zu vermeidende) Rückfälle: Christliche Konfessionen identifizierten sich in bestimmten Regionen öfters mit bestimmten Ethnien (Nordirland, Polen, Balkan und so fort). Die kulturelle Prägung des Glaubens infolge der nationalen Herkunft ist nicht zu unterschätzen. In der unmittelbaren Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen machte sich unlängst eine charakteristische Spaltung bemerkbar: Die Bischöfe in den individualistischen Wohlstandsländern der Europäischen Union (EU) erhoben ihre Stimme fast unisono für weitere Zuwanderung. Einige ihrer Kollegen in den östlichen EU-Mitgliedsländern, in denen derzeit verstärkt Konzepte kollektiver Identitäten eine Stärkung erfahren, ließen einen dazu verschiedenen Blick erkennen. So beklagten etwa László Kiss-Rigó, Bischof von Szegedin-Tschanad, und der Erzbischof von Veszprém, Gyula Márfi, das partiell destruktive Verhalten nicht weniger Emigranten an der ungarischen Grenze 2015 und verteidigten das Handeln ihres Ministerpräsidenten.

Mit einigen Mitbrüdern warnten sie vor der Invasion des Islam und einem weiteren Verlust christlicher Identität. Im diametralen Gegensatz dazu präferierte der Erzbischof von Köln, Kardinal Wölki, ein sinnliches Symbol für liturgisch-politische Inszenierungen: Er ließ ein maltesisches Flüchtlingsboot herbeischaffen und funktionierte es zum Altar für die Fronleichnamsmesse um. Ziel der Aktion war es wohl, auf die Situation Hilfsbedürftiger aufmerksam zu machen. Der Bezug zur Heiligen Schrift ist sicherlich nicht zufällig. Zu reflektieren bleibt indessen, wer in dem Boot gesessen haben könnte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Wirtschaftsflüchtlinge, kriminelle Schlepper, IS-Kämpfer und andere, die Aufnahmeländer potenziell gefährdende Personen auf diese Weise nach Europa übergesetzt sind.

Vom religiösen Universalismus, der den transzendenten Glauben an alle Menschen adressiert, ist der philosophische zu unterscheiden. Die Alte Kirche und ihre Apologeten betrachteten die Kulte der spätantiken Welt nicht als mögliche Bündnispartner; vielmehr sah man in der Verkündigung der Wahrheit früh Affinitäten zur griechischen Philosophie. Clemens von Alexandrien, Irenäus von Lyon, Origenes, Augustinus, der christliche Platoniker schlechthin, und andere Denker betonten die enge wechselseitige Bezogenheit von Christentum und Philosophie, Glaube und Vernunft. Irenäus, um ein Beispiel herauszugreifen, thematisierte schon im dritten Jahrhundert die umfassende Kirche aller Menschen guten Willens, die weit über die Grenzen der sichtbaren hinausgeht. Ein Theologe wie Karl Rahner konnte im 20. Jahrhundert mit seiner Sicht des anonymen Christentums, das niemanden ausschließt, der gemäß seines Gewissens handelt, an derartige Überlegungen anknüpfen. Der Konnex von Christentum und Philosophie sorgte in eminenter Weise für die Zukunftsfähigkeit der Kirche. Nicht von ungefähr fand bereits der junge Theologieprofessor Joseph Ratzinger in diesem Zusammenhang ein Lebensthema. Als Papst zog er diese Linien weiter aus. Von diesen „hellenistischen“ Tendenzen in den drei ersten Jahrhunderten des Christentums führte ein direkter Weg zur mittelalterlichen Scholastik. In der Frühscholastik, repräsentiert vor allem von Anselm von Canterbury, war die Wirklichkeit von Allgemeinbegriffen, der Universalien, unstrittig. Hier zeigte sich noch die Mächtigkeit von Platons (Ideen-)Realismus. Im hohen Mittelalter setzte sich der Konzeptualismus auf der Basis der aristotelischen Philosophie durch. Zwar galten nur die Einzeldinge als wirklich, aber sie mussten durch Begriffe notwendigerweise verallgemeinert und somit festgehalten werden. Den Universalien kam, etwa bei Thomas von Aquin, noch Wirklichkeitsbezug zu. Erst im Nominalismus des späten Mittelalters machte sich ein dezidierter Bruch bemerkbar. Nur die Einzeldinge betrachtete man nunmehr als real. Die Allgemeinbegriffe hingegen mutierten, etwa bei Wilhelm von Ockham, zu bloßen äußeren Zeichen, letztlich zum Produkt des menschlichen Geistes, waren demnach also diskutabel. Eine solche Wende hatte für die Formulierung kirchlicher Dogmen einschneidende Konsequenzen. Diese Strömung nahm den modernen Liberalismus und die neuzeitliche Wissenschaft in philosophischer Hinsicht vorweg. Papst Benedikt XVI. machte im Rahmen seiner Regensburger Rede 2006 in dieser Zäsur die erste Stufe der Enthellenisierung aus.

Der philosophische Universalismus erfuhr in der Neuzeit einen tendenziellen Niedergang. Einer der Befürworter der Ganzheitlichkeit ist ob seines außerordentlich weitgespannten Wissens und seines zeitweiligen politischen Einflusses in Erinnerung zu rufen: Othmar Spann (1878–1950). Er erhitzte die Gemüter in einer Art und Weise, die heute unvorstellbar ist. In seinen Vorlesungen im Wien der 1920er Jahre kam es zu tumultartigen Erregungen im Hörsaal. Vor diesem Hintergrund entstand das bis heute lesenswerte Buch „Der wahre Staat“. Der „Kampf um Othmar Spann“ (Karl Dunkmann) wurde schnell zum geflügelten Wort.

Der heftig Angegriffene schlug in vielen Abhandlungen einen weiten Bogen von Platon und Aristoteles über Thomas von Aquin und die Ordo-Philosophie bis zu Hegel und den Romantikern. In diesem Rahmen wirkte er als einer der wichtigsten Vertreter der christlichen Soziallehren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass bekannte katholische Gesellschaftstheoretiker, von Oswald von Nell-Breuning bis Franz Messner, den Wiener Ökonomen und Philosophen nicht als einen der Ihren akzeptierten. Der Grund liegt auf der Hand: Spann setzte bei der Totalität, beim System, an, dem seiner Meinung nach zeitliche wie sachliche Priorität zukommt. Die einzelnen Teile der Gesellschaft sind als Individuen dem Ganzen verpflichtet, wie die Glieder im Dienst des Körpers stehen. Eine Nähe zu kollektivistischen Ausprägungen bestand zumindest näherungsweise. Spann verstand sich als Liberalismus- und Demokratie-Kritiker. Er hat dennoch in wohlbestimmter Hinsicht die Eigenrechte des Singulären verteidigt. Weiter legte er die theoretischen Grundlagen des von 1934 bis 1938 bestehenden „Ständestaates“ der Christlich-Sozialen Partei von Engelbert Dollfuß und Kurt Edler von Schuschnigg. Welche Impulse dieses politische Gebilde durch die Enzyklika „Quadragesimo anno“ von 1931, die in einigen Passagen eindeutig von Spann beeinflusst ist, erfahren hat, ist bis heute ungeklärt. Spanns Ziel bestand darin, im Gegensatz zur atomistischen Demokratie und zum Totalitarismus die mittelalterlich-antiken Stände und die althergebrachten Lehren vom sozialen Organismus zeitgemäß zu erneuern. Er machte die Korporationen, die Berufsgenossenschaften, stark, die noch heute in der österreichischen Politik eine Rolle spielen. Die Romantik-Renaissance der 1920er Jahre ist maßgeblich auf ihn und seine Schüler zurückzuführen. Spann hat den Konservatismus der Zwischenkriegszeit, auch mit Hilfe ihm nahestehender Zeitschriften, nachhaltig geprägt. Man hat ihn als „Ideengeber der Konservativen Revolution“ (Sebastian Maaß) und des dritten Weges bezeichnet.

Die noch heute zum Teil unerträgliche Polemik gegen diesen immens produktiven Wissenschaftler, unabhängig von einigen berechtigten Einwänden, ist überaus oberflächlich: Spann war erklärter Gegner der Nationalsozialisten, die ihn für kurze Zeit sogar in München inhaftierten und durch die Bayerische Politische Polizei verhören ließen. Er war seit dieser Zeit gesundheitlich angeschlagen. Ab 1938 bestand ein Lehrverbot. Zurückgezogen ist er 1950 verstorben. Nur wenigen Denkern war es vergönnt, dass ihr Entwurf in der politischen Sphäre umgesetzt wurde. Wenngleich Spann über die praktische Verwirklichung seiner Gedankenwelt nicht glücklich war und auf diverse Schwächen von „Ständestaat“ und „Austrofaschismus“ mehrfach aufmerksam gemacht hat, darf er doch als einer der wirkmächtigsten Sozial- und Wirtschaftstheoretiker des gesamten 20. Jahrhunderts gelten.

Groß angelegte universalistische Theorien, die das Christentum in einen breiteren Strom der menschlichen Geistesüberlieferung einordnen, sind seit Spann nicht mehr entwickelt worden. Auch Hans Küngs viel beachtetes Projekt „Weltethos“, das mehr einen Synkretismus als einen Universalismus verkörpert, kann diesem Mangel nicht abhelfen. Was in der politisch-sozialen Praxis beobachtet werden kann, ist höchstens ein humanitaristisches Gebaren, das über symbolträchtige Sentimentalitäten nicht hinauskommt. Solche Unterfangen, die man im Rahmen der Flüchtlingskrise 2015 öfters erkennen konnte, hinterlassen keinen kraftvollen Eindruck.

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