Die Vergangenheit einer Mutter

Ein teils atmosphärisch dichtes Drama, das durch dramaturgische Schwächen Aussagekraft einbüßt: Hans Steinbichlers „Das Blaue vom Himmel“. Von José García

Ein deutsches Landgut im Baltikum stand zuletzt im Mittelpunkt des Spielfilmes von Chris Kraus „Poll“ (DT vom 05. Februar), der bei der diesjährigen Verleihung des deutschen Filmpreises mit vier „Lolas“ ausgezeichnet wurde. Erzählt „Poll“ eine Geschichte von Baltendeutschen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, so beginnt Hans Steinbichlers „Das Blaue vom Himmel“ mit Bildern aus Lettland im Jahre 1933. Die junge Deutsche Marga (Karoline Herfurth) und der Lette Juris Baumanis (Niklas Kohrt) scheinen ineinander verliebt zu sein. Am Strand schenkt er ihr einen Bernstein mit einer eingeschlossenen Fliege. Ein scharfer Schnitt, und der Zuschauer sieht denselben Bernstein im Jahre 1991. Marga (Hannelore Elsner) fährt in einem Taxi zu einer Wuppertaler Villa, wo sie nach Juris sucht – die etwa 70-jährige Marga findet jedoch nur den 20-jährigen Juris. Dies und das sonstige eigenartige Verhalten Margas verdeutlichen, dass sie an Alzheimer leidet.

Margas Tochter Sofia (Juliane Köhler), die in Berlin als Journalistin arbeitet, beschäftigt sich gerade mit einer Reportage über die Wende in Lettland, als sie einen Anruf aus der Psychiatrie erhält. Von ihrem Mann Lorenz (Matthias Brandt) dazu ermuntert, macht sie sich eher widerwillig auf den Weg nach Wuppertal. Ihre Mutter zeigt ein Bedürfnis nach Nähe und Liebe, die Sofia völlig fremd ist, wahrte Marga zeitlebens doch eine kühle Distanz zu ihr. Die alte Frau durchlebt in ihren Erinnerungen ihre Jugend in Riga erneut, so etwa ihre Hochzeit mit Juris und dessen Arbeit als Fotograf zusammen mit Osvalds (David Kross), aber auch düstere Passagen. Aus den unzusammenhängenden Erzählungen ihrer Mutter und einem alten Fotoalbum erkennt Sofie, dass über Margas Vergangenheit irgendein Geheimnis liegt. Weil sie eine Vorahnung davon hat, dass dieses Familiengeheimnis auch sie betrifft, beschließt Sofie, zusammen mit ihrer Mutter nach Riga zu fahren.

Die zwei Zeitebenen, auf denen sich „Das Blaue vom Himmel“ ständig abspielt, werden durch eine kluge Montage zusammengehalten. Neben den unterschiedlichen Schauspielern (der ältere Osvalds wird von Rüdiger Vogler dargestellt) hilft insbesondere die Ausstattung, beide Handlungsstränge eindeutig auseinanderzuhalten. Die Kamera von Bella Halben bringt wunderbare Bilder hervor, ganz besonders im in den dreißiger Jahren angesiedelten Handlungsstrang, wozu etwa die sonnendurchfluteten Einstellungen im Wald und am Strand zu Filmbeginn gehören.

Dramaturgisch wird die Handlung von der Enthüllung des Familiengeheimnisses vorangetrieben. Weil aber der Regisseur in der Parallelhandlung die Details nach und nach enthüllt, hat der Zuschauer immer einen Wissensvorsprung gegenüber Sofie, was sich als der damit verbundenen Spannung abträglich erweist. Damit korrespondiert außerdem ein Hang zur Überdeutlichkeit, die „Das Blaue vom Himmel“ trotz ansprechender Bilder und großartiger Ausstattung in die Nähe eines Fernsehfilmes rückt. Dies beginnt bereits mit den Texttafeln, die am Filmanfang die jeweilige Zeit ankündigen, in denen sich die zwei Parallelstränge abspielen. Darüber hinaus legt das Drehbuch von Josephin und Robert Thayentahl Sofie Dialoge in den Mund, die lediglich das ausdrücken, was der Zuschauer längst erfahren hat, so etwa als ihre Mutter Marga Verworrenes aus ihrer Zeit in Lettland redet und sich die Tochter von einer Krankenschwester erklären lassen muss, es handele sich um Erinnerungen aus dem Krieg.

Juliane Köhler bleibt deshalb für die Darstellung der Tochter kaum Entfaltungsraum. Ähnlich klischeehaft gestaltet Hannelore Elsner ihre Rolle einer an Alzheimer Erkrankten, die in ihrer Vergangenheit lebt und davon nur Unzusammenhängendes von sich gibt. Wie anders, weil zurückgenommener, eine solche Rolle gestaltet werden kann, davon zeugt etwa Julie Christie in Sarah Polleys „An ihrer Seite“ (DT vom 06.12.2007), die allein mit ihren Blicken einen verwirrten Zustand glaubwürdiger darstellt als Hannelore Elsner mit all ihren Manierismen, die eher unfreiwillige Komik als Mitgefühl auslösen. Überzeugen kann aus dem Damen-Trio eigentlich nur Karoline Herfurth als jugendliche Marga, die die unterschiedlichen Gefühle von Unbeschwertheit bis zur Verzweiflung in der jeweiligen Tonlage trifft.

Zur übertriebenen Melodramatik der Tochter-Mutter-Beziehung, die im Mittelpunkt von Hans Steinbichlers Film steht, trägt auch Niki Reisers Filmmusik wesentlich bei. Der Schweizer Komponist, der wunderbare Filmmusiken zu den Spielfilmen von Caroline Links von „Jenseits der Stille“ (1996) bis „Im Winter ein Jahr“ (2008) geschaffen hat, gestaltet die Musik für „Das Blaue vom Himmel“ mit ausgiebigem Klavier- und Streichereinsatz eine Spur zu melodramatisch. Durch solche Schwächen verliert das atmosphärisch dichte Drama, das Regisseur Steinbichler teilweise schafft, sichtlich an Aussagekraft.

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