Die unsinnige Suche nach dem Selbst

Wie kann der Mann von der Frau das Dienen lernen, wenn diese ihr Wesen aufgibt? Eine kurze Reflexion zum Weltfrauentag. Von Beile Ratut
Frauen an die Macht?
Foto: Adobe Stock | Frauen an die Macht?

Schaut man in historische Dokumente so drängt sich der Eindruck auf, dass wir in einer vom Mann beherrschten Welt leben und erst die heutige Gesellschaft es vermag, diese Vormachtstellung ratenweise zu durchbrechen. Seit nicht allzu langer Zeit erlangt die Frau zunehmend Rechte und Freiheiten – das Recht auf Bildung, das Wahlrecht, sie kann nun Pilotin oder Kanzlerin werden, sie kann Verträge unterzeichnen oder die Scheidung einreichen, über ihr Leben selbst bestimmen und in alle Bereiche der Gesellschaft drängen, in die es sie treibt. Daneben helfen ihr mediale Einflüsterungen, sich bei Gardinenauswahl, Kuchenrezepten und Verführung selbst zu übertreffen. Letzte Bastionen müssen noch genommen werden, mehr Frauen in Führungspositionen, mindestens fifty-fifty allerorts, weniger Männerbünde, mehr Würdigung, mehr „Aufschrei“ und „metoo“.

Die Notwendigkeit zur feministischen Wende leitet man ab aus der aufgezeichneten Dominanz des Mannes in einer Vielzahl von gesellschaftlichen Zusammenhängen, seinen Fehlgriffen dabei und der scheinbaren Unsichtbarkeit und Ohnmacht der Frau. Ist es nicht der Mann, der die Kriege anzettelt? Ist er es nicht, der die Frau daran hindert, sich zu Wort zu melden? Tut er ihr nicht Gewalt an, indem er sie kontrolliert, über sie herrscht, sie züchtigt und steinigt?

Dabei setzt man den Rang eines Menschen bei der Nennung in Geschichtsbüchern, sein Prägen öffentlicher Wahrnehmung und die Freiheit von Zwängen mit dem Leben an sich gleich. Natürlich, Wahlmöglichkeiten können eine gute Sache sein. Kann man aber wirklich von männlicher Vormachtstellung oder gar „Patriarchat“ sprechen? Mann und Frau sind, ob man es nun wahrhaben will oder nicht, aufeinander angewiesen. Eine Gesellschaft voller Vorzüge, Bequemlichkeit und Autonomien vernebelt dieses Angewiesensein, aber es ist dennoch immer da. Nach Ansicht des Philosophen Romano Amerio (1905–1997) ist der entscheidende Punkt des Feminismus, dass man versucht, Grundsätzliches, nämlich das Prinzip der Abhängigkeit, „zu schwächen, um das zu emanzipieren und von der Gebundenheit zu lösen, was sowohl in der Natur als auch in der Offenbarung als abhängig und gebunden vorgegeben ist“ (Iota Unum, 2011, S. 213–214). Wie soll man aber auch anders leben als in Bezug auf sein Gegenüber? Und ist unsere Fähigkeit zu leben und zu lieben tatsächlich eingeschränkt, sobald Umstände oder die rechtliche Stellung uns einschränken oder die persönlichen Möglichkeiten begrenzt sind? Natürlich erscheint es schnell unglaubwürdig, wenn gerade ein Mann der Frau ihre Selbstentfaltung verwehrt. Oft liegen die Motive im Argen, oft geht es ums Niederdrücken, das Ausreizen der Überlegenheit oder das Ausleben von Begierde; und oft begründet man die Notwendigkeit zur „Gleichstellung“ eben mit dieser Unfähigkeit des Mannes, die ihm verliehene „Macht“ zum Guten zu nutzen. Wo hört man schon Argumente für das Angewiesensein der Frau auf den Mann – sprich: ihre Abhängigkeit von ihm –, die nicht sofort den Verdacht aufkommen ließen, dass der Mann sich da unliebsame Konkurrenz vom Hals schaffen wollte?

Und wie will man noch auf das Angewiesensein bestehen und scheinbare Beschränkungen rechtfertigen, wenn der Mensch sein Leben nur noch in sich selber findet, wenn alles ins Innere verlegt und subjektiv bestimmt ist? Konsequenterweise erscheint dann das als rückständig, was den Menschen an der Verwirklichung seiner Wünsche hindert. Auch Geschlecht ist in einer Welt, die das persönliche Empfinden und Wollen zum Höchsten erklärt, nur noch ein überflüssiges, äußerliches Attribut, das man behände aus dem Weg schafft, indem man es umdefiniert, aus jedwedem Angewiesensein herauslöst und der Selbstentfaltung unterwirft. Die Einflüsterungen der Frauenzeitschriften wie „Lebe, wie es dir gefällt“ und „Entfalte dein Potenzial“ gelten dann nicht nur für den uneingeschränkten Sexualverkehr, das Auswechseln von Intimi und Lebenszielen, sondern auch für die innerlich erlebte Wirklichkeit. Heute empfindet man bisexuell, morgen ist man Weltverbesserer, übermorgen Seiltänzer. Dann muss die Frau natürlich auch Vorstandsvorsitzende („Vorständin“) oder geweihte Priesterin sein können. Wer wollte ihr das heute noch verwehren?

Der Mensch findet seine Identität aber mitnichten in sich selbst – Identität, das ist der zeitgemäße Fliegenleim für die Unterwerfung, der Mensch wird dann zum Sklaven seines „Selbst“. Die heutige Gesellschaft predigt an jeder Ecke diese Suche nach Identität und dem „wahren Selbst“, und auch die christlichen Gemeinden reden viel vom Glück, Erleben und Sinn. Dabei hat Christus selbst es ja vorgelebt, er hat seinen Sinn eben nicht in der „Entfaltung seines Potenzials“ gesucht, nicht in Behaglichkeit, Machtausbau, Anerkennung oder der Beantwortung der Frage: „Wer bin ich wirklich?“. Christus dient, er bleibt in der Liebe und geht darin bis zum Äußersten; uns fordert er auf, in ihm zu bleiben, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nachzufolgen. Kann das Leben einer christlichen Frau also im Einfordern und Beharren auf Selbsterfüllung bestehen? Natürlich nicht.

Im Bestreben, die Priesterweihe auch für die Frau zu öffnen, zeigt sich in besonderer Weise die Schlagseite emanzipatorischen Denkens. Der Priester ist doch ein Diener, der Mann legt hier jedweden Herrschaftsanspruch radikal ab und dient der Frau! Was tut die Frau, wenn sie dem Mann diese Möglichkeit nimmt, in dieser radikalen Weise zu dienen? Und hat sie nicht selbst seit jeher die Möglichkeit zu dienen, als Ehefrau und insbesondere in der Mutterschaft, aber auch überall sonst, wo sie lebt, durch ihr ganz anderes Wesen, das sich durch Neudefinition oder das Beharren auf irgendeinem „wahren Selbst“ nicht aus dem Weg räumen lässt? Denn Gott hat Mann und Frau erschaffen, nicht der Mensch. Im Leben der Frau könnte der Mann, der doch dominieren und regieren will, bereits ganz natürlich, in Ehe und Mutterschaft, ein Bild der Hingabe und Aufopferung sehen; lieben könnte die Frau doch in welchen Umständen auch immer … Der Mann, der so versessen darauf ist, der Erste zu sein und nicht der Letzte, könnte in der Frau sehen, dass der Letzte dann doch der Erste ist. Natürlich: Die Welt ist anders, sie ruft wie der Teufel: „Lebe, wie es dir gefällt!“ Und dann gibt man sich natürlich nicht mit dem Katzentisch zufrieden, nicht mit Aufopferung und Dienen, dann genügt auch die Mutterschaft nicht.

Der Feminismus ist nach Amerio „letztendlich keine Aufwertung der Frau, sondern die Entwertung weiblicher Art und damit ihre völlige Schmälerung zum Männlichen“ (ebd. S. 214). Dann muss man sich an eine Freiheit klammern, die doch immer Illusion bleibt, denn letztlich kann der Mensch sich nur zwischen den wenigen Alternativen entscheiden, die sich ihm tatsächlich auch öffnen. So stellt sich die Frau selbst mittels feministischer Bestrebungen heraus aus der Freiheit des Lebens in Christus in allen Umständen, heraus aus der Liebe, die nie das ihre sucht, und verwehrt dem Mann die Möglichkeit, an ihr Liebe und Dienen zu lernen; sie macht sich zum Konkurrenten des Mannes, zum Spielball menschlicher, subjektiver Bestrebungen und zu einem gesichtslosen Wesen, das glaubt, in der Suche nach seinem „wahren Selbst“ den Sinn des Lebens zu finden, während sie ihn darin gerade verliert.

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