Die Tugendlehre ist unverzichtbar

Der Philosoph Horst Seidl fragt nach der Anwendung von Ethik. Von Heinz-Georg Kuttner

In der philosophischen Ethik gibt es heute verschiedene Ethiktheorien, die von unterschiedlichen moralischen Prinzipien ausgehen und die daher zu gegensätzlichen Auffassungen bezüglich bestimmter moralischer Fragen gelangen. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Handlungsprobleme, besonders auf bioethischem Gebiet, haben allerdings in der jüngsten Zeit das Bedürfnis geweckt, sich der aktuellen Problemlage unserer menschlichen Praxis anzupassen. Dies hat zum Konzept einer eigenen „angewandten Ethik“ geführt (Hans Friesen – Kersten Berr, Julian Nida-Rümelin), die gleichsam ergänzend zu den allgemeinen, um Begründung moralischer Prinzipien bemühten Ethik-Theorien hinzukommt. Zum Verhältnis beider Ethiken stellt sich jedoch die schwierige Frage, wie es einen Übergang von abstrakten Normen zum konkreten Handeln geben kann; wenn das abstrakte Allgemeine der Ethiktheorien zum konkreten Einzelnen in Gegensatz steht. Würde sich die Ethik nur noch mit Einzelfällen beschäftigen und nicht mehr mit allgemeinen moralischen Prinzipien, dann würde sie zu einer reinen Kasuistik werden.

Zur Lösung dieser Schwierigkeit nimmt Horst Seidl in seinem Buch „Traditionelle Tugendlehre als angewandte Ethik“ die traditionelle, auf Platon und Aristoteles zurückgehende Tugendlehre wieder auf; denn sie stellt einerseits die Tugenden als allgemeine moralische Prinzipien heraus und vermag sie, andererseits, auf die konkrete Praxis zu beziehen. Sie erweist sich selbst als „angewandte Ethik“, wenn auch in anderem Sinne als die gegenwärtig konzipierte. Die bezeichnete Schwierigkeit löst sich dadurch auf, dass die traditionelle Ethik, anders als die modernen Ethik-Theorien, keine theoretische, sondern eine „praktische Wissenschaft“ ist, die von vornherein auf menschliche Praxis bezogen ist. Wie der Autor im zweiten Hauptteil über die klassische (von Platon und Aristoteles begründete) Tugendlehre aufzeigt, werden die Tugenden, als allgemeine Normen, von konkret handelnden tugendhaften Menschen ausgehend definiert und können daher wieder auf das konkrete Handeln angewandt werden. Die allgemeinen Tugendnormen sind hier die Qualität der Seele oder des Lebens konkreter Individuen.

Dieser Aufweis beruht auf allgemeinen, im ersten Hauptteil dargelegten, Grundlagen, welche die Ethik als praktische Wissenschaft betreffen, deren Gegenstand das Gute ist, die ihre Stütze in der rationalen Natur des Menschen hat.

Im dritten Hauptteil geht Seidl zunächst auf das Konzept einer „angewandten Ethik“ ein und bespricht dann eine Reihe von Themen moderner Ethik-Theorien, wie die von Kant, für den das Gute keine a priori gegebene sittliche Norm sein kann, und das von Moore, der das Gute nur als Qualität unserer sittlichen Urteile versteht; ferner das Thema des traditionellen Naturrechts, das modernen Missverständnissen ausgesetzt ist, das Thema einer Ethik als Ethos, die Wertekrise heute, sowie das (seit der Antike bis heute aktuelle) Thema der Glückseligkeit.

Abschließend werden ethisch relevante, heute in der Öffentlichkeit diskutierte Fälle besprochen, auf die sich die Tugendethik anwenden lässt, wobei es um Fragen von Leben und Tod, Euthanasie oder Homosexualität geht. Dabei erweist sich die traditionelle Tugendethik als bemerkenswert aktuell; denn die schon seit der Antike erörterten sittlichen Fragen sind teilweise allgemein menschliche, die auch wir heute noch bedenken.

Dass die Tugenden entscheidende Kriterien an die Hand geben, um konkrete Probleme auf den verschiedenen Handlungsgebieten erfolgreich angehen zu können, dafür kann die vorliegende Abhandlung auch den Lesern heute eine wichtige Anregung geben.

Horst Seidl: Traditionelle Tugendlehre als angewandte Ethik. Von allgemeinen Normen zum konkreten Handeln. Olms Verlag, Hildesheim 2012, 234 Seiten, ISBN: 978-3-487-14763-5, EUR 39,80

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