Die Suche nach dem wahren Vater

„Wintertochter“: Der Kinofilm von Johannes Schmid handelt von Vergangenheitsbewältigung, aber auch von einer Freundschaft über Generationen hinweg. Von José García
Foto: Zorro Film | Kattaka (Nina Monka, links) will unbedingt ihren leiblichen Vater kennenlernen, der in Polen mit einem Schiff vor Anker liegt.
Foto: Zorro Film | Kattaka (Nina Monka, links) will unbedingt ihren leiblichen Vater kennenlernen, der in Polen mit einem Schiff vor Anker liegt.

In seinem Spielfilmdebüt „Blöde Mütze!“ (DT vom 24.04.2008) gelang Johannes Schmid eine reizvolle Verknüpfung der Gefühlswelt von Jugendlichen im Pubertätsalter mit der Erwachsenenwelt aus eben dieser Sicht der Pubertierenden. Mit dem nun anlaufenden „Wintertochter“ geht Schmid sogar noch einen Schritt weiter, weil er in seinem neuen Spielfilm die Nebenhandlung wesentlich ausbaut und in der Verflechtung der beiden Handlungsstränge eine generationsübergreifende Freundschaft zum eigentlichen Sujet von „Wintertochter“ macht.

Nach einem Drehbuch von Michaela Hinnenthal und Thomas Schmid beginnt „Wintertochter“ mit einem vermeintlichen Familienidyll: Die zwölfjährige Kattaka (Nina Monka) freut sich auf Weihnachten in ihrer Heimatstadt Berlin. Der Weihnachtsbaum, den sie zusammen mit der 75-jährigen, zurückhaltenden aber liebenswürdigen Nachbarin Lene (Ursula Werner) und ihrem besten Freund Knäcke (Leon Seidel) besorgt hat, steht bereits geschmückt im Wohnzimmer.

Mit ihrer hochschwangeren Mutter Margarete (Katharina Maria Schubert) und ihrem Vater Daniel (Maxim Mehmet) wartet Kattaka schon auf den Selbstauslöser für das Familienfoto, als ein Anruf die Familienidylle nachhaltig zerstört. Denn die Zwölfjährige erfährt, dass nicht Daniel, sondern eben der fremde Anrufer mit russischem Akzent ihr leiblicher Vater ist.

Nach dem ersten Schock fasst das zielstrebige Mädchen einen Entschluss: Sie will unbedingt nach Stettin. Denn dort soll das russische Schiff, auf dem ihr bislang unbekannter Vater Alexej (Merab Ninidze) als Matrose arbeitet, vor Anker liegen. Lene bietet sich an, das Mädchen in ihrem klapprigen DDR-Kleinbus nach Stettin zu bringen. Am Abend seien sie zurück, verspricht die beherzte Nachbarin Kattakas Eltern. Aus der Tagestour wird allerdings für die beiden und den „blinden Passagier“ Knäcke eine einwöchige Reise. Denn von Stettin müssen sie ihre Fahrt nach Danzig und später sogar nach Masuren fortsetzen – je tiefer nach Osten der Kleinbus fährt, umso nervöser wird Lene, und umso unmissverständlicher wird es, dass sie sich einer lange verdrängten Vergangenheit stellen muss.

Obwohl sich die Einführung von „Wintertochter“, etwa in der Entstehung des Familienkonflikts, alles andere als geschickt ausnimmt, entwickelt sich Johannes Schmids Film nach und nach, insbesondere ab dem Beginn des „Road Movie“, dramaturgisch stimmig. Zur Dramaturgie passend setzt Kameramann Michael Bertl teilweise sehr eindringliche Bilder ein, die in der zurückgenommenen, fast monochromen Farbigkeit der polnischen Winterlandschaft genauso die Handlung voranbringen wie die unaufdringliche Musik von Michael Heilrath und Katrin Mickiewicz.

Zwar stellen sich beide Erzählstränge als vorhersehbar heraus. Sehenswert ist es allerdings, wie Johannes Schmid die beiden Handlungen miteinander verbindet. Denn trotz des Altersunterschieds eint Kattaka und Lene das Bemühen, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, den Platz zu finden, wohin sie gehören. Darüber hinaus stellt „Wintertochter“ mitteleuropäische Geschichte in einer für heutige Generationen anschaulichen Weise dar, so etwa als Lene den Jugendlichen erklärt: „Manches Polnische und manches Russische war mal deutsch, und manches Russische war mal polnisch. Irgendwann war fast alles etwas anderes.“

Dennoch werden die traumatischen Erfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung kindgerecht beziehungsweise der Zielgruppe der Jugendlichen gemäß erläutert. Dies gilt etwa auch für die Vorurteile gegenüber „den Polen“, die insbesondere Knäcke hegt. Ohne erhobenen Zeigefinger werden diese Klischees zerlegt, insbesondere durch die Hilfsbereitschaft, auf die Lene und die Jugendlichen in Polen immer wieder stoßen. Besonders eindrücklich wird dies dem Zuschauer vor Augen geführt, als die nach einem Missgeschick Liegengebliebenen von Bauern, die in der Nazizeit als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden, entscheidende Hilfe bekommen.

Weil die 12-jährige Kattaka und die 75-jährige Lene im Laufe ihrer Reise, die den Gesetzen des „Road Movie“ folgend auch und besonders eine innere Reise darstellt, die jeweilige eigene Vergangenheit durch die wechselseitige Hilfe aufarbeiten, schildert Schmids Film schließlich eine wunderbare Freundschaft über Generationen hinweg.

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