Rechristianisierung

Die Stunde der „Instaurativen“?

Wenn das Haus in Trümmern liegt, ist nicht mehr „konservatives“ Handeln gefragt. Mit Christus im Mittelpunkt kann ein neuer Aufbau gelingen.
Hausruine
Foto: Foto: | Alles hat seine Zeit: Nach einem Einsturz folgen Trümmerbeseitigung und Neubau.

Am Anfang – so berichtet es die jüdische Tradition – war die Erde wüst und wirr. Ein echtes Tohuwabohu, das erst durch die schöpferische Kraft von Gottes Wort Gestalt annimmt: Die Erschaffung der Erde. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson weist auf die tiefgründige Tatsache hin, dass es das Wort ist, welches dem allumfassenden Chaos eine Ordnung gibt. Wörter bergen das Potenzial die Welt zu erfassen, dem Chaos einen Namen zu geben. Begriffe lassen begreifen und Wörter reduzieren die unfassbare Vielfalt unserer Existenz auf ein verständliches Maß.

Doch nicht nur die Welt ist kompliziert, jeder Mensch mit seinen unsichtbaren Gedanken ist ein hochkomplexes Wesen, ein Schimpanse voll mit Schlangen, wie Peterson sagt. Wir sind aber als „soziale Wesen“ (Aristoteles) darauf angewiesen miteinander zu kommunizieren um zu kooperieren. Deswegen müssen wir die Komplexität unseres Seins verständlich machen. Und genau das tun wir durch Worte, die uns auf erträgliche Weise vereinfachen und somit befähigen einzuordnen. Darum bezeichnen sich Menschen mit Schlagwörtern wie liberal, konservativ, progressiv, sozialistisch, traditionell und so weiter.

Konservativ ist negativ konnotiert

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Durch diese Wörter unternehmen wir den Versuch die Vielzahl unserer Einstellungen, Ideale und Meinungen auf einen simplen Begriff zu bringen. Natürlich ist es dann einfacher, Gleichgesinnte zu finden und für die gemeinsame Sache zu arbeiten.

Nun fällt es vielen Menschen im christlichen Milieu schwer, für sich und viele Nicht-Christen mit ähnlichen kulturellen und politischen Vorstellungen einen identitätsstiftenden und beschreibenden Begriff zu finden. Viele wählen die Bezeichnung konservativ als Beschreibung für ihre Haltung, doch ich glaube, dass der Rekurs auf das Konservative keinesfalls hilfreich ist. Der Begriff ist so schwammig, unklar und relativistisch, weil er von dem abhängt was konserviert werden soll. Also kann sich inzwischen jeder als Konservativer begreifen. Trotzdem ist der Begriff negativ konnotiert, weil die Verbindung von konservativ, passiv, pessimistisch eine nur zu häufige Einstellung ist. Insbesondere die selbstmitleidige Inaktivität von selbsternannten Konservativen ist vielen fremd. Weil es nichts bringt zu bewahren, wenn das Haus in Trümmern liegt, müssten wir viel eher einen Begriff benutzen, der das Aufbauende, Lebendige und Aktive betont.

„Denn nur durch Christus kann wahrhaft erneuert werden.
‚Wenn nicht der Herr das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.‘“

Erstaunlich viele Leute merken, dass etwas mit unserer Kultur und Gesellschaft im Argen liegt. Gescheiterte Ehen, zersplitterte Familien, psychische Erkrankungen, Ausbeutung der Umwelt, moralische Gleichgültigkeit und Restriktionen des öffentlichen Lebens, you name it. Aber wo liegt der Ausgangspunkt dieser gesellschaftlichen Probleme? Ein nicht unerheblicher Anteil sieht das Kernproblem in einer aktiven Bekämpfung unserer kulturellen Wurzeln. Oft wird dann das klassische Diktum wiederholt, unsere Kultur speise sich aus den Quellen des Judentums, der Griechen und der Römer. Je nach Umgebung wird dann noch das Christentum in der Rolle als zusammenführende und veredelnde Kraft genannt. Ein Neuanfang muss also her in Besinnung auf die kulturellen Wurzeln. Jemand der auf diese Art unsere Kultur aktiv erneuern, also renovieren möchte, könnte renovativ genannt werden. Doch so richtig die kulturelle Analyse vieler Menschen ist, so bleibt sie oft theoretisch und philosophisch, ohne direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben zu haben. Außerdem wird dem Christentum zwar häufig eine kulturprägende Kraft eingeräumt, aber der geistliche Aspekt einer wahren Erneuerung unterschätzt.

Deswegen braucht es einen anderen Begriff der deutlich macht, dass angesichts des Zustands unserer Kultur eine konstruktive Aktivität nottut, die mit Zuversicht eigenständig im persönlichen Umfeld anfängt Ideale zu leben.

Paulus ermuntert zur Erneuerung

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Auf der Suche nach einem neuen Begriff lohnt sich ein Blick in ein Schriftstück, welches vor gut 2 000 Jahren von einem Mann verfasst wurde, der Jude war, Griechisch sprach und das römische Bürgerrecht besaß. Sozusagen die Personifikation der Ursprünge unserer Kultur. Dieser Mann, ein gewisser Paulus, schreibt einen Satz, der kurze Zeit später auf lateinisch, der Muttersprache Europas so wiedergegeben wurde: Instaurare omnia in Christo. (Alles in Christus erneuern.) Paulus fordert also die Menschen auf – erstens: alles, zweitens: in Christus, drittens: zu erneuern.

Die Gemeinden, in denen dieser Brief zirkuliert, werden damit beauftragt eine christliche Kultur aufzubauen, indem sie Christus in den Mittelpunkt stellen. Im ersten Jahrhundert war von einer christlichen Kultur natürlich noch nichts vorhanden. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung bekannte sich zu Christus. Politisch war das Christentum entweder irrelevant oder wurde verfolgt und Christen hatten die Aufgabe einen modus vivendi in einer ihnen tendenziell feindlich geprägten Umgebung zu finden.

Christus soll im Mittelpunkt stehen

Gleicht unsere Zeit nicht in vielem dieser geschichtlichen Periode? Wir können nicht mehr wie im vergangenen Jahrhundert behaupten, die christliche Kultur sei im Niedergang. Sondern es bleibt vielmehr die Anerkennung, dass ihre Gesellschaftsprägung so gut wie verschwunden sei und vieles in Trümmern liegt. Deswegen müssen wir alles in Christus erneuern.

Das Wörtchen Alles zeigt, dass es wirklich ums Ganze geht. Große Denker haben die christliche Kultur danach definiert, ob tatsächlich alles Christus im Mittelpunkt hat. Privates Leben und öffentliches Leben. Innerste Herzensverbundenheit und äußere Darstellung. Leben in der Familie und Leben im Beruf. Bei der Familienerziehung genauso wie in der Wahlkabine. Vor allem aber gehört auch dazu, die Armen und Kranken so ernst zu nehmen und zu versorgen, wie man es mit Christus täte. Instaurare, das kann man auch mit „aufrichten“ übersetzen, und wie viele Einsame, Alte und Verbitterte haben es nötig, dass jemand, der durch seine Christusbeziehung gestärkt ist, sie aufrichtet.

Angesichts der Trümmer nicht resignieren

Weil diese Aufgabe alles in Christus zu erneuern so wichtig ist und wir uns mit Feuereifer daran machen sollten, ist auch ein neuer Begriff vonnöten. Und hier finden wir ihn: Instaurativ. In diesem Wort findet sich sowohl die nötige Aktivität und Zuversicht, die nötig ist angesichts des Trümmerfelds und erkennt gleichzeitig die Passivität an, die dem Menschen zukommt. Denn nur durch Christus kann wahrhaft erneuert werden. „Wenn nicht der Herr das Haus baut, mühen sich umsonst, die daran bauen.“ (Psalm 127)

Also ist das Wort instaurativ wirklich beschreibend und hat eine klare Aussage: Sei es im Hinblick auf die vielen Alleingelassenen unserer Zeit, oder mit Blick auf unsere dekadente Kultur: Wir haben eine Erneuerung und Aufrichtung bitter nötig und fangen am besten sofort damit an.

Was also ist zu tun? Erneuern wir alles in Christus und beschreiben wir uns als instaurativ!

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