Die soziale Papst-Lotterie

Darf man es als Katholik oder darf man es nicht? Der Umgang mit Lotto und anderen Glücksspielen war in der Kirche stets etwas kontrovers. Doch für einen guten Zweck geht die Sache schon in Ordnung. Das findet man jetzt auch im Vatikan. Von Ulrich Nersinger
Foto: dpa | Schönes Zeichen, schöne Hilfe: Ab sofort dienen Geschenke an den Papst karitativen Aufgaben.
Foto: dpa | Schönes Zeichen, schöne Hilfe: Ab sofort dienen Geschenke an den Papst karitativen Aufgaben.

Die Mitteilung aus dem Vatikan klingt neu und sensationell, aber sie wurzelt in einer alten Tradition. Bei einer Lotterie sollen demnächst Gegenstände verlost werden, die der Papst in den vergangenen Monaten als Geschenk erhalten hat. Der erste Preis ist ein weißer Fiat Panda, Preise zwei bis vier je ein Fahrrad, der nächste Preis ein Tandem. Ferner kommen eine Videokamera, Uhren, Silberrahmen, Brieftaschen, eine Kaffeemaschine und ein weißer Panama-Hut zur Verlosung. Als Trostpreise winken Schirme, Bücher, Gürtel und noch vieles mehr. Ab sofort sind im Vatikan für zehn Euro die entsprechenden Lose erhältlich. Die Auslosung erfolgt am 8. Januar des kommenden Jahres unter der Aufsicht von Kardinal Giuseppe Bertello, dem Gouverneur des Vatikanstaates, und einem Notar.

Seit dem 18. Jahrhundert waren Lotterien in vielen Ländern der Erde zu einer nicht unbeträchtlichen Einnahmequelle für die jeweiligen Regierungen geworden. Das Glücksspiel füllte wie selbstverständlich die Portefeuilles der Finanzminister. Man nahm das Geld in freudiger Erwartung, gab sich aber nach außen hin den Anschein, dies nur mit großem Widerwillen zu tun, denn in bestimmten Kreisen der Gesellschaft blieb das Spiel, und damit auch der Gewinn daraus, moralisch anrüchig. Scheinheilig sprach man staatlicherseits – nachdem man bereits auf dem Geldtopf saß – von „einem Zugeständnis an gewisse soziale Schichten und der Duldung menschlicher Schwäche“.

Im Herrschaftsgebiet des Papstes fand man zu einer anderen Ansicht. „Die päpstliche Regierung duldet nicht bloß die Lotterie, nein, sie genehmigt, ermutigt, ja, was sage ich, sie heiligt sie“, spottete Santo Domingo in seinem antikirchlichen Romführer. In Rom hatte das Lotto-Spiel, aus Genua kommend, mit Beginn des 17. Jahrhunderts seinen Einzug gefunden. Es beschränkte sich jedoch zunächst auf private Zirkel und erweckte daher auch nicht das unmittelbare Interesse der Päpste. Es war König Philipp IV. von Spanien gewesen, der den Heiligen Stuhl auf die Gefahren des Spiels aufmerksam machte und von Papst Alexander VII. (Fabio Chigi, 1635–1667) eine Verurteilung erbat. Der Papst ließ sich in einer Vielzahl von Audienzen über das Spiel unterrichten. Die unterschiedliche Ansicht der Theologen abwägend, kam er zu der Entscheidung, das giuoco del lotto zu verbieten. Ausschlaggebend für den Entschluss des Heiligen Vaters soll die Tatsache gewesen sein, dass sich gerade bei Klerikern und Ordensleuten ein übermäßiges Interesse an dem Spiel gezeigt hatte.

Auch die Nachfolger des Chigi-Papstes gingen gegen das Lottospiel vor, aber ohne allzu großes Engagement. Erst Klemens XI. (Gian Francesco Albani, 1700–1721) bemühte sich mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit, diese Form des Glückspiels in Rom und in den Päpstlichen Staaten zu unterbinden. Am 11. Januar 1704 wählte er sogar die Form einer Enzyklika, um das Spiel zu verbieten. Aber trotz aller oberhirtlichen Anstrengungen ließ sich das „giuoco del lotto“ (Lottospiel) nicht ausrotten; es ging in die Illegalität und gedieh dort prächtig – wie aus Berichten der päpstlichen Polizei ersichtlich auch wieder vor allem in klerikalen Kreisen. Die Unkontrollierbarkeit führte dazu, dass viele Menschen skrupellos betrogen und in die Armut getrieben wurden. Zudem kam es zu einer nicht unerheblichen Kapitalabwanderung ins Ausland, in jene fremde Staaten, in denen das Lottospiel erlaubt war. Der Papst, dem das Dilemma, in dem er sich befand, nicht verborgen blieb, berief eine Kongregation von Theologen und Kirchenrechtlern ein. Unter dem Vorsitz des Kardinals Tolomei sollte sie sich mit der Problematik beschäftigen und zu Lösungen kommen. Die Experten debattierten jedoch noch, als der Pontifex am 19. März des Jahres 1721 verstarb.

Innozenz XIII. (Michelangelo dei Conti, 1721–1724) beriet sich unmittelbar nach seiner Thronbesteigung mit Kardinal Tolomei und den Mitgliedern der Kommission. Das Urteil der Experten war nicht einhellig. Über die Moralität des Spiels gab es kontroverse Ansichten; einig schien man sich jedoch darüber zu sein, das ein Verbot letztlich mehr Negatives bewirken würde als eine Duldung. Der Papst erklärte sich daher zur Freigabe des Lottospiels bereit. Mit einem Dekret vom 19. Juli 1721 gab Monsignore Falconieri, der Gouverneur der Ewigen Stadt und Vizekämmerer der Heiligen Römischen Kirche, die päpstliche Entscheidung und die entsprechenden Ausführungsbestimmungen bekannt; der Prälat betonte, dass das Verbot, an auswärtigen Lottospielen teilzunehmen, jedoch weiterhin bestehen bleibe.

In Benedikt XIII. (Pietro Francesco Orsini, 1724–1730) bekam das Lottospiel wieder einen entschiedenen Gegner. Er verbot es unter Androhung weltlicher und kirchlicher Zensuren, die Strafe der Exkommunikation nicht ausgenommen. Unterstützung bekam der Papst von Theologen und Juristen; ein beredtes Beispiel hierfür ist die 1728 erschienene Abhandlung „Del giuoco del lotto“ (Über das Lottospiel) des berühmten Advokaten Girolamo Ercoli. Sein Nachfolger, Klemens XII. (Lorenzo Corsini, 1730-1740), bestätigte zunächst die Verbote seines Vorgängers, wie es ein Erlass vom 7. Juli 1730 bezeugt. Dann entschloss sich der Papst jedoch, einen anderen Weg zu beschreiten. Er gab dem Lottospiel einen Sinn, der es auch moralisch auf eine neue Stufe stellte. Die aus Genua übernommenen neunzig Spielfelder ließ er mit der entsprechenden Zahl von „zitelle“, unverheirateten, kein eigenes Vermögen besitzenden Frauen der Ewigen Stadt, gleichsetzen. Nach der Ziehung der fünf Gewinnzahlen wurde dann fünf Frauen aus dem Erlös des Spiels die Aussteuer (das Brautkleid und die Summe von fünfzig Scudi) gezahlt. So erschloss man mittellosen Frauen aus Rom, später auch aus dem gesamten päpstlichen Herrschaftsgebiet, die Möglichkeit zur Heirat.

Der Karneval des Jahres 1732 brachte dann das langersehnte Ereignis: die offizielle, vor Publikum stattfindende Einführung des Lottospiels. Der Chronist des Diario di Roma schrieb: „Die erste Ziehung fand am 14. Februar statt, dem Donnerstag vor dem ersten Samstag im Karneval. Das Ganze war als große Festlichkeit aufgezogen. Auf dem Platz vor dem römischen Rathaus hatte man eine Bühne aufgebaut, ausgelegt mit Samt. Darauf nahm der Kommissar Platz, zusammen mit den Klerikern der Apostolischen Kammer. Auf dem Tisch stand, allem Volke sichtbar, eine schöne Urne aus versilbertem Kupfer für die Lose. Da hinein legte ein Mann mit langem violettem Rock die Kugeln, deren Nummern er mit lauter Stimme dem Volke verkündete. Die zu dem Ereignis herbeigeströmte Menge war so groß, dass nicht nur der Rathausplatz und die Treppe dicht besetzt waren, sondern auch noch der untere Platz bis zum Palazzo Astalli. Ein Waisenkind nahm dann fünf Kugeln aus der Urne und zeigte sie dem Volke. Es waren die Nummern 56, 11, 54, 18 und 6.“ Die Ziehung der Zahlen wurde ein Vorrecht der Kinder aus dem Waisenheim von Santa Maria in Aquiro. Die Lotterie fand zunächst zweimal im Monat statt, zumeist an einem Donnerstag. Die Lokalitäten waren der Platz vor dem Kapitol, die Loggia der Curia Innocenziana im Palazzo Montecitorio und die Piazza Navona – während der napoleonischen Besatzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Lotto in die profanierte Kirche Santa Maria in Campo Marzio verlegt. Die Aufsicht über das Lottospiel oblag der Apostolischen Kammer, die Auswahl der zitelle und die Auszahlung des Brautgeldes wurde der Arciconfraternita di Girolamo di Carita, einer vom heiligen Philipp Neri begründeten Erzbruderschaft, anvertraut. Den Gewinn, der nach Abzug der Kosten für die Aussteuer der zitelle und der Anlegung eines Sicherheitsdepots (falls bei Spielen die Einnahmen die Ausgaben nicht deckten) übrig blieb, nutzte man hauptsächlich für die Werke der Caritas, zur Waisenfürsorge, Armenspeisung, Ausgabe kostenloser Arzneien an Bedürftige und ähnlichem; der Gewinn diente aber auch dazu, notwendige öffentliche Arbeiten im Kirchenstaat durchzuführen.

Die päpstliche Regierung hatte die Lotterie zwar nicht – wie Santo Domingo spottete – „geheiligt“, aber im übertragenen Sinne „getauft“, Einsatz und Gewinn in ein vernünftiges Maß gesetzt, den Großteil des Erlöses den Werken der Barmherzigkeit zugeführt. Aus der Ewigen Stadt war seit dem 14. Februar des Jahres 1732 das Lottospiel nicht mehr wegzudenken. Es fand bald in allen Provinzen der römischen Staaten, in jeder kleinen Stadt des päpstlichen Herrschaftsgebietes, seine Heimstatt – „unerbittlich wie eine Epidemie“, wie ein Gegner der Lotterie in einem Protestschreiben an den Papst anmerkte. Da die Apostolische Kammer und die Erzbruderschaft mit der Durchführung der Lotterien in den Päpstlichen Staaten überfordert waren, wurde schon 1750 die erste Konzession an eine Privatperson, an Giuseppe Viscardi, erteilt. Auch die privaten Veranstalter mussten nach Abzug eines vereinbarten Betrags, den sie behalten durften, den Gewinn an den Staat abführen, der diesen den schon genannten Zwecken zukommen ließ. Die Kontrolle über das Lottospiel behielten sich die Apostolische Kammer und die päpstliche Regierung weiterhin vor; ihrer Aufsichtspflicht kamen sie mit Akribie und Strenge nach, so dass Missbräuche kaum entstehen konnten.

In Notzeiten, bei Naturkatastrophen oder Epidemien, gestattete die päpstliche Regierung außerordentliche Ziehungen; so fand im Pontifikat Gregors XVI. (Bartolomeo Alberto Cappellari, 1831–1846) in der Villa Borghese eine von einer unüberschaubaren Menschenmenge aufgesuchte Lotterie zugunsten der vielen Waisenkinder statt, deren Eltern durch die Choleraepidemie des Jahres 1837 hinweggerafft worden waren. Die 1732 erfolgte Freigabe des „giuoco del lotto“ für die Päpstlichen Staaten hatte auch in den anderen geistlichen Territorien Europas dem Lottospiel den Weg geebnet. Kurfürst Clemens August von Köln führte es 1750 in seinem Herrschaftsgebiet ein; andere deutsche geistliche Landesherren folgten diesem Schritt ihres Kollegen binnen weniger Jahre. In katholischen Ländern erfreuten sich die in Kirchenregie durchgeführten Lottospiele großer Beliebtheit – in England und den USA schufen die Anglikaner eine eigene Variante: das Bingo-Spiel. Noch im 20. Jahrhundert waren Lotto und Tombola für so manche Pfarrgemeinde in ärmeren Ländern oder in den Staaten, in denen eine Kirchensteuer unserer Prägung nicht existierte, eine bedeutsame Einnahmequelle; viele Kirchen, Kapellen, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime wären ohne diese „getaufte“ Form des Glückspiels nicht so schnell entstanden. In Köln, im Schatten der Kathedrale, kann man noch heute Lose der Dom-Lotterie kaufen; seit 1864 dient sie mit Erfolg der Erhaltung des größten gotischen Gotteshauses der Welt. 2004 startete in Deutschland sogar eine „Weltjugendtags-Lotterie“. In vielen Pfarreien, Seminaren und geistlichen Häusern Italiens blieben Lotterien als Tombola bis zum heutigen Tag heimisch.

Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: „Glücksspiele oder Wetten verstoßen an und für sich nicht gegen die Gerechtigkeit. Sie werden nur dann sittlich unzulässig, wenn sie jemand um das bringen, was er zu seinem und anderer Menschen Lebensunterhalt braucht.“ Lotterien – wie die des Papstes – bewirken sogar das Gegenteil, sie können Werke der Nächstenliebe sein. Die „Wohltätigkeitslotterie für die karitativen Aufgaben des Papstes“ ist eine neue alte Form der Unterstützung Hilfsbedürftiger. Sie geht auf eine Idee des Almosenmeisters des Papstes zurück. Der aus Polen stammende Kurienbischof Konrad Krajewski hatte zu Beginn der kalten Jahreszeit nach neuen Einnahmequellen für das Almosenamt gesucht – und auch mit Papst Franziskus darüber gesprochen. Der Papst stimmte einer Lotterie zu und stellt spontan Geschenke, die er erhalten hat, als Preise zur Verfügung.

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