Die Sorge der Päpste um Taubstumme

Im Kirchenstaat legten Gregor XVI. und Pius IX. den Grundstock für eine Betreuung der „Sordomuti“

Der so oft als rückständig gescholtene Kirchenstaat hatte früh begonnen, sich in religiösen und sozialen Einrichtungen um Menschen zu kümmern, die an angeborenen Behinderungen litten. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Rom eine Schule, an der Taubstumme unterrichtet wurden. Papst Gregor XVI. (Bartolomeo Alberto Mauro Cappellari, 1831–1846) bemühte sich dann als einer der ersten Souveräne auf der appeninischen Halbinsel, die Betreuung und Unterweisung Taubstummer zu institutionalisieren. 1838 ordnete er an, in der Ewigen Stadt, in der Nähe der Ruinen der Thermen des Diokletian, eine Schule und ein Pensionat für Taubstumme beiderlei Geschlechts zu errichten. 1841 erhielt diese Einrichtung von der päpstlichen Regierung den Rang einer staatlichen Institution. Gregor XVI. forderte die Städte im Kirchenstaat dazu auf, ihre Taubstummen nach Rom zu schicken, da man sich hier ihrer am bestem annehmen könne.

Seit dem Beginn seines Pontifikates im Jahre 1846 hatte sich Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846-1878) der Sorge um die Taubstummen persönlich angenommen. Das Institut in der Ewigen Stadt konnte den Papst häufig in seinen Mauern willkommen heißen. Einer der Besuche des Heiligen Vaters fiel auf den 29. Januar. Der Papst fand die dortige Gemeinschaft in festlicher Stimmung vor. Als Grund nannte man ihm, dass es der Festtag des heiligen Bischofs von Genf, Franz von Sales (1567–1622), sei, des einzigen Heiligen, der Lehrer eines Taubstummen gewesen war. Der Papst reagierte unverzüglich und erklärte zur Überraschung aller: „Gut, so möchte ich von nun an, dass der heilige Franz von Sales der Schutzpatron aller Taubstummen und ihrer Erzieher sei.“

Am 14. August 1850 erließ die Regierung der Päpstlichen Staaten umfangreiche Gesetze, die den Taubstummen eine Ausbildung sowie die größtmögliche Eingliederung in die Gesellschaft erlauben sollten. Auch um Erleichterungen und Anpassungen im religiösen Bereich bemühte sich Pius IX. So bestimmte er am 15. März 1852, dass es zur Erlangung von Ablässen ausreiche, „wenn die mit der Zeichensprache ausgezeichneten Taubstummen ihren Geist zu Gott erheben“ – deren Beichtvätern erlaubte er, ihnen statt der vorgeschriebenen Gebete andere fromme Taten aufzugeben.

Das Taubstummeninstitut in Rom, das der Papst spirituell und materiell großzügig unterstützte, sollte nicht die einzige Einrichtung dieser Art sein, welcher der Papst sein besonderes Wohlwollen zeigte. 1857, während einer mehrmonatigen Reise durch die Päpstlichen Staaten und das Großherzogtum der Toskana, suchte er eine große Anzahl dieser Institute auf. Am 18. Juli besuchte er in Bologna die von den Priesterbrüdern Giuseppe und Cesare Gualandi neu gegründete Schule und Unterkunft für Hör- und Sprachbehinderte. Der Papst entsprach der Bitte von Don Cesare Gualandi, in dem Institut alle Taubstummen der eigenen Provinz und der Provinz Ferrara unterrichten zu dürfen, anstatt sie, wie es die Gesetze der päpstlichen Regierung verlangten, nach Rom zu schicken. Einen Monat später begab sich der Heilige Vater zu den beiden Taubstummeninstituten in Modena; den Gründer der Einrichtung ernannte er spontan zu seinem Ehrengeheimkämmerer. Noch im gleichen Monat besuchte der Papst Schule und Pensionat der Taubstummen in Siena.

Auch außerhalb des Kirchenstaates bemühte sich der Papst, Unternehmungen und Gemeinschaften zu unterstützen, die sich der Taubstummen annahmen. Priester und Laien, die in dieser Richtung hinwirkten, konnten sich der uneingeschränkten Hilfe Pius IX. sicher sein. In Bertinoro hatten sich die Gräfinnen Ranuzzi der religiösen Erziehung dieser Behinderten aufgeopfert; durch sie konnten viele Taubstumme nun ohne Schwierigkeiten zur heiligen Kommunion zugelassen werden. In Mailand widmete Graf Paolo Taverna sein Leben der Betreuung armer Taubstumme vom Lande; sein gesamtes Vermögen hatte er in den Bau eines für sie vorgesehenen Institutes einfließen lassen. So manchen Bischof konnte der Papst dann höchstpersönlich von der Notwendigkeit überzeugen, längst überfällige Initiativen zu ergreifen.

In Verona hatten zwei Geistliche, Antonio Provolo und Luigi Maestrelli, im Pontifikat Pius' IX. eine neue Kongregation gegründet, die „Compagnia di Maria per l'educazione dei sordomuti“ (Gemeinschaft Mariens für die Erziehung der Taubstummen). An den Oberen schrieb der Papst: „Die Kirche hat mit ihren religiösen Orden die Kranken, die Waisen versorgt und die Unwissenden mit Schulen und hat viele andere religiöse Bedürfnisse befriedigt. Doch nun bin ich zufrieden, denn ich sehe auch eine Maßnahme, die sich um die Erziehung der Taubstummen sorgt.“

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer