Die Sibyllen und die Botschaft des Weihnachtsfestes

„Sieh, es wanket und schwankt des Weltalls schweres Gewölbe...“ – Bereits Vergil hatte adventliche Hoffnung auf ein neues Zeitalter. Von Ulrich Nersinger
Foto: IN | Cumaeische Sibylle in der Sixtinischen Kapelle, wie Michelangelo sie sah.
Foto: IN | Cumaeische Sibylle in der Sixtinischen Kapelle, wie Michelangelo sie sah.

„Ausgehöhlt ist Cumaes Fels zur riesigen Grotte; breit ziehn hundert Schächte hinab, der Mündungen hundert, hundertfältigen Lauts dröhnt auf der Spruch der Sibylle. Kaum an der Schwelle, begann die Jungfrau: ,Zeit ist, zu flehn um Schicksalsspruch. Der Gott, o siehe, der Gott!‘ So rief sie, stand am Tor, jäh wechselt ihr Antlitz, wechselt die Farbe, hoch auf flattert ihr Haar, hart keucht ihre Brust, voller Wut schwillt wild ihr Herz, hoch wächst sie und wächst, kein sterbliches Wort mehr spricht sie, steht im Anhauch ganz des näher und näher waltenden Gottes“ (Vergil, Aeneis, Buch VI, 42–51).

Mit diesen Worten schildert der römische Dichter Vergil die Begegnung des Aeneas mit der Sibylle von Cumae (Süditalien). Die Sibyllen nahmen in der Geschichte der alten Welt eine beeindruckende Stellung ein. Diese hochgeschätzten Wahrsagerinnen der Antike zeichneten sich dadurch aus, dass sie den Willen der Götter oder Gottes machtvoll und oft auch unaufgefordert kundtaten. Ihr Ursprung liegt im Dunkel der Zeiten. Schon im Orient, in Kleinasien, standen sie im Dienst der Mysterienkulte und wiesen den Menschen in ekstatischer Prophetie den Weg. Der Historiker Varro erwähnt im 1. Jahrhundert vor Christus in einem seiner Werke zehn Sibyllen, die nach ihrer jeweiligen Wirkungsstätte benannt sind, so die cumaeische und tiburtinische Sybille. Im Jahre 40 vor Christus, inmitten einer Zeit, in der das Römische Reich nach dem Tode Cäsars in das Chaos eines furchtbaren Bürgerkrieges zu versinken drohte, verfasste der römische Dichter Vergil seine 4. Ekloge als „Adventslied“, das Hoffnung geben und ein neues Zeitalter verkünden sollte: „Schon zieht der Weltalter letztes herauf nach dem Wort der Sibylle… Schon kehrt wieder die Jungfrau, Saturn hat wieder die Herrschaft, schon wird neu ein Spross entsandt aus himmlischen Höhen… Schon reift die Zeit; tritt an die hohe Ehrenlaufbahn, Kind und Liebling der Götter, du Jupiters herrlicher Nachwuchs! Sieh, es wanket und schwankt des Weltalls schweres Gewölbe, Länder und Räume des Meeres ringsum und die Tiefen des Himmels. Sieh, wie alles sich freut des kommenden Weltenjahrhunderts!“

Später erfuhr die Prophezeiung der Sibylle von Tibur (Tivoli) eine christliche Deutung. Der Kirchenvater Lactantius, der Erzieher des Sohnes von Kaiser Konstantin, und der heilige Augustinus von Hippo sahen in den Wahrsagerinnen der Antike Vorboten der Heilsbotschaft. Bereits um 140 vor Christus war im Judentum der Text einer chaldäisch-jüdischen Sibylle bekannt. Ihre Worte und die anderer Sibyllen wurden im Mittelalter zu den Oracula Sibyllina zusammengefasst. Nach Erzählungen und Legenden des frühen Mittelalters geht die Gründung der Basilika Santa Maria in Aracoeli auf eine Weissagung der tiburtinischen Sibylle zurück. Sie soll den römischen Kaiser Augustus bewogen haben, an dieser Stelle einen Altar zu Ehren einer ihm unbekannten, die Welt rettenden Gottheit aufstellen zu lassen. Jacobus de Voragine greift in seiner berühmten Legenda aurea, einer Zusammenstellung von Heiligengeschichten, auf diese mittelalterliche Überlieferung zurück: „Kaiser Octavian (Augustus) stand, nachdem er den Erdkreis unter die Macht Roms gebracht hatte, bei den Senatoren in solcher Gunst, dass sie ihn als Gott verehren wollten. Da der Kaiser aber wusste, dass er sterblich war, wollte er in seiner Klugheit die Bezeichnung eines Unsterblichen nicht beanspruchen. Weil ihn aber jene drängten, rief er die Sibylle herbei – das war eine Prophetin – und wollte durch ihre Weissagung erfahren, ob einmal auf der Welt einer geboren werden sollte, der größer wäre als er selbst.

Als nun Augustus – gerade am Fest der Geburt unseres Herrn – eine Beratung über die Angelegenheit angeordnet hatte und die Sibylle allein in der Kammer des Kaisers ihrer Orakelgebung oblag, erschien mitten am Tag ein goldener Kreis um die Sonne und in der Mitte des Kreises eine allerschönste Jungfrau, die einen Knaben auf ihrem Schoß trug. Da wies die Sibylle auf die Erscheinung, und als der Kaiser darüber in großes Staunen geriet, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: ,Das ist der Altar des Himmels – ara Coeli‘, und die Sibylle sagte: ,Dieser Knabe ist größer als du, bete ihn daher an!‘ Der Raum ist später zu Ehren der heiligen Jungfrau geweiht worden und wird deshalb bis auf den heutigen Tag ,S. Maria in Aracoeli‘ genannt. Da der Kaiser also erkannte, dass dieser Knabe größer als er selber war, brachte er ihm Weihrauch dar, und lehnte es künftig ab, ,Gott‘ genannt zu werden.“

An einer anderen Stelle seiner Legendensammlung gibt Jacobus de Voraigne einen Bericht wieder, den er in den Schriften des Historiographen Timotheus von Byzanz fand: „Im fünfunddreißigsten Jahre seiner Herrschaft bestieg Oktavian das Kapitol und wollte von den Göttern in Erfahrung bringen, wer nach ihm den Staat leiten werde. Da hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: ,Ein himmlischer Knabe, außer der Zeit vom lebendigen Gott gezeugt, wird bald als Gott und Mensch ohne Makel aus einer reinen Jungfrau geboren werden‘. Als der Kaiser das vernommen hatte, ließ er einen Altar bauen und auf ihm die Inschrift anbringen: ,Das ist der Altar des Sohnes des lebendigen Gottes – ara Primogeniti Dei‘.“

Mit der Ankunft Christi auf Erden beginnt aus der Sicht der christlichen Interpreten der Heilsdienst der Sibyllen zu enden. Andere übernehmen es, Botschaften – die „Frohe Botschaft“ – den Menschen zu verkünden. So betritt der Apostel Paulus bei Pozzuoli, nur einen kleinen Fußmarsch vom Heiligtum der Sibylle von Cumae entfernt, den Boden Italiens. Doch das Christentum vergaß die Sibyllen nicht, verbannte sie nicht aus der Geschichte. In der Literatur und in der Kunst wird ihrer weiterhin ehrend gedacht. In der Cappella Nuova des Doms von Orvieto und auf dem Genter Altar erscheint die cumaeische Sybille, ebenso in einem Mosaik der Kathedrale von Siena – dort ist ihrer Abbildung eine ihrer christlich edierten Prophezeiungen beigefügt: „Et mortis fatum finiet, trium dierum somno suscepto, tunc a mortuis regressus in lucem veniet primum resurrectionis initium ostendens – Des Todes Schicksal wird er beenden, einen Schlaf von drei Tagen nimmt er auf sich, dann wird er von den Toten zurückkehren und an das Licht kommen und so den Beginn der Auferstehung anzeigen.“

Raffael verewigte sie in einem Fresco der Kirche Santa Maria della Pace in Rom, Pinturicchio in den Borgia-Gemächern des Vatikans. Die Decke der Sixtinischen Kapelle im Apostolischen Palast bei Sankt Peter stattete Michelangelo mit den Propheten und Sibyllen aus – „auf Marmorsitzen thronen sie, von alters her daran gewöhnt, durch göttliche Inspiration über die Grenzen menschlicher Einsicht qualvoll hinausgetrieben zu werden“ (Reinhard Raffalt). Den Kardinälen, die hier im Konklave zu einem neuen Oberhirten der Kirche finden müssen, und den Päpsten, die an dieser Stätte nach ihrer Erwählung die erste heilige Messe feiern, dienen sie noch heute zur Mahnung und zum Trost.

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