Die Seele Mexikos spiegelt sich in Bildern wider

Mexikanische Kunst und Politik von den Tagen der Revolution bis zum aktuellen Machtwechsel. Von Anja Kordik
Foto: IN | Installation des mexikanischen Künstlers Carlos Amorales mit tausenden schwarzen Schmetterlingen.
Foto: IN | Installation des mexikanischen Künstlers Carlos Amorales mit tausenden schwarzen Schmetterlingen.

Einem „gemalten Geschichtsbuch“ gleichen die großdimensionierten murales, Wandgemälde, des Malers Diego Rivera (1886–1957) im Nationalpalast von Mexiko-Stadt. „Mexiko durch die Jahrhunderte“ („México através de los Siglos“) lautet der Titel von Riveras berühmtem Bilderzyklus, der den Besucher sogleich in den Bann zieht – und vielleicht auch dem neuen Präsidenten Enrique Peòa Nieto Anstöße gibt für ein Nachdenken über Vergangenheit und mögliche Zukunftsperspektiven seines Landes.

Der Amtsantritt von Peòa Nieto Anfang Dezember markiert zugleich einen neuen historisch-politischen Wendepunkt für das Land. Denn mit ihm kehrte nach zwölfjähriger Unterbrechung die alte Staatspartei PRI („Partei der Institutionalisierten Revolution“) in den Nationalpalast zurück. Sie hat das Schicksal des mittelamerikanischen Landes im 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmt, bleibt auch im noch jungen 21. Jahrhundert bisher die prägende gesellschaftlich-politische und nicht zuletzt mentalitäts- und kulturbildende Kraft.

Die Kunst Mexikos war vor allem im 20. Jahrhundert Spiegel sozialer und politischer Entwicklungen, der Suche nach nationaler Identität und eines ausgeprägter werdenden historischen Bewusstseins. Der Bilderzyklus von Diego Rivera im Amtssitz des Präsidenten schildert die mexikanische Geschichte, beginnend mit der prähispanischen Epoche bis zur Ankunft der Spanier und Eroberung der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, dann über die Kolonialzeit und Christianisierung des Landes über die Unabhängigkeitskämpfe der Jahre 1810 bis 1821 bis zur Mexikanischen Revolution (1910–1917).

Die Kunst des muralismo (wurzelnd im spanischen Wort „el mural“ für die „Wand“) hat erste Ursprünge in den vorspanischen Wandmalereien der Tempelstätten von Teotihuacán, Tlaxcala und Bonampak, ist teilweise auch von europäischen Vorbildern, etwa der italienischen Fresco-Technik, beeinflusst. Zu den bedeutendsten Vertretern des muralismo gehören neben Diego Rivera die Maler José Clemente Orozco (1883–1949), der in seiner Heimatstadt Guadalajara bedeutende Werke hinterließ, und David Alfaro Siqueros (1896–1975), der mit seinem futuristisch anmutenden „Marsch der Menschheit“ an der Fassade des Kulturzentrums Polyforum Cultural in Mexiko-Stadt das bis heute größte Gemälde der Welt schuf. Die drei Maler bilden zusammen die „Tres Grandes“, das „große Dreigestirn“ in der modernen Kunst Mexikos.

Impulsgeber für den muralismo war der Jurist, Philosoph und Schriftsteller José Vasconcelos, Erziehungsminister in den Jahren 1920 bis 1924. Ausgestattet mit großzügigen Finanzmitteln aus einem staatlichen Förderprogramm, begann Vasconcelos eine in Mexiko bis dahin einzigartige Bildungs- und Kulturinitiative. Sein philosophisch-kulturelles Konzept einer „kosmischen Rasse“ (so auch der Titel eines seiner Hauptwerke), in der Merkmale der unterschiedlichen Rassen zusammenfließen und deren Ausdruck die mestizische Kultur Mexikos ist, hat die kulturelle Identität des Landes bis heute geprägt. Außerdem förderte Vasconcelos die Schönen Künste und gab monumentale Wandbilder zu historischen und nationalen Themen an öffentlichen Gebäuden in Auftrag – etwa an der Zentralbibliothek der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), einer der ältesten und größten Universitäten des amerikanischen Kontinents.

Die Kunstszene Mexikos in den Jahrzehnten nach der Revolution vollzog sich vor allem innerhalb des von der Partei der Institutionalisierten Revolution vorgegebenen Rahmens. Das änderte sich ein Stück weit mit der Bewegung von 1968, die auch in Mexiko Arbeiter und vor allem Studenten auf die Straße rief und durch das berüchtigte „Massaker am Platz von Tlaltelolco“ vom 2. Oktober 1968, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, beendet wurde. In der nachfolgenden politischen Krise des Landes bildeten sich außerhalb des institutionellen und staatlich legitimierten Rahmens der Kunstakademien eine Vielzahl künstlerischer Kollektive teilweise um einzelne Stadtteile herum. Sie wurden als „Los Grupos“ („Die Gruppen“) bezeichnet, und gemeinsam war ihnen, dass sie ein neues, offeneres Verhältnis von Kunst und Politik anstrebten und den vorgegebenen, staatlich propagierten Rahmen der Kunstakademien aufzubrechen suchten. Die neu entstehenden Künstlergruppen setzten auch Formen der konzeptionellen Kunst um, in Lateinamerika mit dem Begriff der „arte no-objetual“, der „nicht-objekthaften“ Kunst bezeichnet, und öffneten damit die mexikanische Kunstszene für Installationen und Performances, für einen Dialog zwischen Kunst und sozialer Umwelt. Kunst in Mexiko behielt somit einen deutlich politischen, im Sinne von öffentlichen Charakter, bei.

In vielen Werken zeitgenössischer Künstler, etwa des gebürtigen Belgiers Francis Alys (*1959) sowie von Carlos Amorales (*1970) und Teresa Margolles (*1963) werden aktuelle soziale und politische Entwicklungen thematisiert. Alys, der seit 1986 in Mexiko lebt, greift in seinen Videoarbeiten die Prozesse der Verstädterung und Wahrnehmung sozialer Härten in seiner zweiten Heimat auf, setzt sie um in eine mitunter bedrückend monotone und zugleich eigentümlich poetische Bildersprache. Carlos Amorales lässt Einflüsse der symbolischen Kunst erkennen, spielt bewusst mit den in Mexiko existierenden Klischees. Er bezieht sich dabei auf klassische Vorbilder wie José Guadalupe Posadas (um 1852–1913), der vor allem mit seinen Skelett-Karikaturen, den „calaveras“ – mehrheitlich sarkastische Anspielungen auf die mexikanische Oberschicht – Berühmtheit erlangte. Wenn Carlos Amorales heute einen Raben auf einem Berg von Totenschädeln darstellt, ist es Hommage an den bis populären Künstler und Zitat zugleich.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein zentrales Motiv der mexikanischen Kunst bis heute geblieben. Die im nördlichen Bundesstaat Sinaloa geborene Teresa Margolles, ursprünglich als Gerichtsmedizinerin ausgebildet, klagt in ihren oft großformatigen Bildern und filmischen Werken die Verdrängung von Tod und Gewalt durch den Drogenkrieg in Mexiko an. Mit zuweilen drastischen Mitteln zeigt sie die schier ausweglose Situation gerade in den Grenzstädten zu den USA: Leichen am Straßenrand wie weggeworfen, verschwendete Leben, vernichtete Hoffnungen – ein unüberhörbarer Schrei nach Veränderung, ein Appell nicht nur zu konsequenterem politischen Handeln. Sondern der Ruf nach einem humanen Bewusstsein in der mexikanischen Gesellschaft. Die sozialen Umstände mögen sich in den Jahrzehnten verändert haben; Regierungen mögen wechseln, die PRI den Nationalpalast verlassen, um zwölf Jahre später wiederzukehren – bestimmte Grundmotive und Ausdrucksformen in der Kunst Mexikos bleiben von solchen Entwicklungen unbeeinflusst.

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