Die Schöpferkraft bewahren: Über den Film

Drehbuchautorin Rodica Döhnert und Louis Adlon-Darsteller Heino Ferch über den Fernseh-Dreiteiler im ZDF „Das Adlon. Eine Familiensaga“. Von José García
Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach | Die Adlon-Erben: Louis Adlon (Heino Ferch) mit Ehefrau Hedda Adlon (Marie Bäumer) in den zwanziger Jahren.
Foto: ZDF/ Stephanie Kulbach | Die Adlon-Erben: Louis Adlon (Heino Ferch) mit Ehefrau Hedda Adlon (Marie Bäumer) in den zwanziger Jahren.
Der Dreiteiler verknüpft die Geschichte der Familie Adlon mit einem halben Jahrhundert deutscher Geschichte (1904–1952). Was steht im Mittelpunkt?

Rodica Döhnert: Die Familiensaga. Als Autorin muss und will ich mich an die historischen Fakten der Familie Adlon halten. Deshalb habe ich als Katalysator der Geschichte die Familie Schadt erfunden. Ähnlich der Ratte in „Ratatouille“, aus deren Perspektive wir den Film erleben, wollte ich eine Figur ins Hotel setzen, die dort nicht mehr herauskommt. Die Frage lautete: Wie bekomme ich Sonja Schadt ins Hotel, wie baue ich die Drehpunkte, dass sich die Türen immer wieder hinter ihr schließen? Alles, was ich über die Familie Adlon berichte, ist historisch verbürgt. Im Mittelpunkt der Familie Schadt steht der große Verrat der Mutter an ihrer Tochter, der sich in einem Schlüsselsatz ausdrückt: „Die Frauen in unserer Familie taugen nichts.“ Dieses Paradigma lässt Sonja Schadt immer wieder um ihre Selbstbestimmung ringen. Ein Angriff auf die Weiblichkeit hat etwas mit der Abwertung des Schöpferischen zu tun. In Deutschland haben wir ein Problem damit: Sobald sich Schöpferkraft entfaltet, wollen wir sie zerstören. Die Gründerväter hatten nichts Eiligeres zu tun, als 1914 zu zerstören, was sie geschaffen hatten. In den zwanziger Jahren reißt der Nationalsozialismus der erblühenden Kunst und Kultur den Boden weg. Kaum ist der Zweite Weltkrieg zu Ende – das Adlon steht im Ostteil Berlins – wird die Schöpferkraft durch den Kommunismus ideologisiert. Erst mit dem Mauerfall, mit der Auflösung der beiden Systeme, haben wir die große Chance, uns wieder zu entfalten.

Sie selbst, Herr Ferch, verkörpern Louis Adlon, eine historische Figur. Eine besondere Herausforderung für Sie?

Heino Ferch: Ich habe oft historische Figuren gespielt, etwa Albert Speer (in „Der Untergang“, A.d.R.). Ich mag sie ganz gerne, weil dies eine Beschäftigung mit einer Zeit, mit einer Epoche bedeutet, was ich sehr bereichernd finde. Weil aber die Familie Adlon nicht so prominent ist wie etwa Albert Speer, war es sehr hilfreich, einerseits eine Perlenkette von Fakten zu haben, an denen ich mich orientieren konnte. Andererseits bietet Louis Adlon einen großen Freiraum, weil die Menschen kein so genaues Bild von ihm haben.

Sie stellen ihn fast ein halbes Jahrhundert lang dar.

Heino Ferch: Etwa vierzig Jahre lang: von Anfang Dreißig im Jahr 1904 bis 73, als er 1947 stirbt. Dafür standen mir beispielsweise fünf Perücken für den ganzen Film zur Verfügung, von ganz blond zunächst bis sehr weiß mit Anfang Siebzig. Für einen Schauspieler ist dies besonders spannend, weil die meisten von uns ja diese Illusion mögen. Mit Regisseur Uli Edel habe ich immer darauf geachtet, dass die jeweilige Veränderung richtig ist. Denn heute sind Siebzigjährige topfit, aber damals nach zwei Weltkriegen wirkten sie wesentlich älter.

Die Geschichte von Alma wiederholt sich in gewisser Weise bei Sonja. Dies erinnert an Tony Buddenbrook und ihre Tochter Erika.

Rodica Döhnert: Das ehrt mich natürlich sehr. Daran hatte ich aber nicht gedacht. Allerdings legt dies den Finger in die Wunde: Wenn in einer Familie ein Geheimnis schwelt, wirkt es solange, bis es geklärt wird. In meiner ursprünglichen Version wurde das Epos bis ins Hier und Heute weitergeführt und durch die Enkelin der Hauptfigur ein Heilungsimpuls gesetzt. Obwohl es in der endgültigen Fassung nicht mehr so ist, hoffe ich, dass durch die wenigen, in der Gegenwart spielenden Filmminuten der Frieden in der Familie deutlich wird. Übrigens: Ich bin mehrfach gefragt worden, ob ich die ganze Geschichte als Roman schreiben möchte.

Eigentlich liegt es nahe. So könnte die Geschichte bis in die Gegenwart fortgesetzt werden. Andererseits kann ein Roman viel ausführlicher erzählen.

Rodica Döhnert: Natürlich habe ich die Rechte abgetreten, aber ich kann es mir durchaus vorstellen. Denn ein erster Schritt war, dass ich mit diesem Dreiteiler das Genre des Fernsehromans kreiert habe. Da möchte ich weiter ansetzen, nach weniger plotorientierten, eher erzählerischen Mustern suchen, die mit dem Zuschauer stärker in den Dialog treten und vor allem auch die inneren Geschichten der Figuren erzählen.

In letzter Zeit sind hervorragende Fernsehproduktionen gedreht worden. Herr Ferch, Sie selbst haben etwa in „München 72“, „Deckname Luna“ oder „Die Spur des Bösen“ gespielt.

Heino Ferch: Ich finde auch, dass sich das Fernsehen verändert hat, dass es taffer geworden ist. „Hotel Adlon“ ist eine sehr romantische und dramatische Familiensaga, ein großes Epos. „Die Spur des Bösen“ ist sehr authentisch und intensiv, vielleicht beeinflusst von den schwedischen Krimis. Ich mag sie sehr, weil sie Schicksale von Menschen realitätsnah erzählen, anders als die auch sehr gut gemachten amerikanischen Serien. Es gibt viele Produktionen in Deutschland, die sich mit dem Tod beschäftigen und nicht immer ein Happy End brauchen.

Mutet das öffentlich-rechtliche Fernsehen dem Zuschauer mehr zu als früher?

Heino Ferch: Es sollte ihnen viel mehr zumuten. Gerade die Öffentlich-Rechtlichen müssten sich verpflichtet fühlen, das anspruchsvolle Publikum zu fordern. Es ist ein Trend zu erkennen und man sieht, dass man mit anspruchsvollen Stoffen die Menschen erreicht. Die ARD und das ZDF sollten diese „Auf Teufel kommt raus-Verjüngungskuren“ nicht mitmachen. Dafür können die Zuschauer andere Sender einschalten, ins Kino gehen oder im Internet unterwegs sein. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass die Journalisten, die Kritik, diese Stoffe mit hoher Qualität als solche erkennen und beschreiben.

Und für Sie als Autorin, spielt es eine Rolle, ob Sie ein Angebot für einen Fernseh- oder einen Kinofilm bekommen?

Rodica Döhnert: Dazu habe ich eine ganz klare Haltung. Ich bin in erster Linie Geschichtenerzählerin. Wenn ich diese Berufung über die Jahrhunderte hinweg betrachte, würde ich sagen: Ich bin Heilerin, ich heile durch meine Geschichten. Früher setzten sich die Menschen um das Feuer, um heilende Impulse zu erhalten. Das Geschichtenerzählen hilft, gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und sich zu verändern. Das Feuer kann im Fernsehen oder auch im Kino entfacht werden. Der Zuschauer soll durch die Geschichte angeregt werden, Aspekte seines Lebens neu zu betrachten.

„Das Adlon. Eine Familiensaga“, Sonntag, 6. Januar, Montag, 7. Januar, Mittwoch, 9. Januar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF, je 90 Minuten

Im dreiteiligen Epos „Das Adlon. Eine Familiensaga“ erzählt Regisseur Uli Edel nach einem Drehbuch von Rodica Döhnert über vier Generationen hinweg die dramatische Geschichte von zwei miteinander verbundenen Familien. Als roter Faden durch eine Geschichte, die 1904 beginnt und – mit einem Ausblick auf das Wiedereröffnungsjahr 1997 des Hotels Adlon – 1952 endet, dient die Lebensgeschichte der fiktiven Sonja Schadt (Josefine Preuß). Vom Hotelbau durch Lorenz Adlon (Burghart Klaußner) über die turbulenten zwanziger Jahre, die NS-Diktatur und den Krieg bis zur Enteignung durch die Sowjetadministration erlebt Sonja im Adlon goldene Zeiten unter der Führung von Lorenz' Sohn Louis (Heino Ferch) und Hedda (Marie Bäumer) Adlon, aber auch den Niedergang des Hotels.

Mit einer erlesenen Ausstattung, einer hervorragenden Kameraführung (Hanno Lentz) und ausgezeichneten Schauspielern schildert der Ensemble-Film darüber hinaus ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte und erzählt von vielen damit verknüpften persönlichen Schicksalen, von Opportunisten und Verfolgten. JG

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