Die Schlacht von Castelfidardo lebt auf

Vor 150 Jahren versuchten in Italien katholische Freiwillige den Kirchenstaat vor der Zerstückelung zu bewahren Von Ulrich Nersinger

Die Bar in der Via Manzini im Zentrum von Castelfidardo (Provinz Ancona, Italien) ist in den frühen Morgenstunden gut besucht. Der Besitzer hat soeben den Lautstärkeregler des nicht mehr ganz so neuen Radioapparats in die Höhe geschoben, fast bis zum Anschlag. Aus dem Gerät dringt die hektische Stimme eines Reporters. Er berichtet von blutigen Gefechten. Man hört, dass er sich auf einem Schlachtfeld befindet. Immer wieder werden seine Worte von heftigem Kanonendonner und schnellen Gewehrsalven übertönt. Die Gäste in der Bar lauschen gespannt den Schilderungen des Kriegskorrespondenten. An so manchem Tisch wird der Espresso an diesem Morgen kalt und bleibt die Tages- oder Sportzeitung unaufgeschlagen, so sehr fesselt die Reportage die Zuhörer. Nach knapp einer Stunde endet die Übertragung. Von den Tischen kommt der Ruf nach neuem, frischen Espresso. Der Padrone der Bar bringt den Lautstärkeregler des Radios wieder in seine übliche Position und nimmt die Bestellungen auf.

Die dramatischen Ereignisse, von denen aus dem Radio berichtet wurde und die eine aufmerksame Zuhörerschaft fanden, stammten nicht von einem Einsatz italienischer Nato-Truppen in Afghanistan, sondern spielten sich nur wenige hundert Meter vom Ortsrand Castelfidardos ab – vor hundertfünfzig Jahren, am 18. September 1860. An diesem Tag versuchten die Soldaten des Papstes eine Einverleibung großer Teile des Kirchenstaates in das künftige Königreich Italien zu verhindern. Bei zwei Gehöften an dem kleinen Fluss Musone trafen Einheiten des päpstlichen Heeres auf die Invasionsarmee Viktor Emanuels II. Die Truppen Pius' IX. (1846–1878), die sich einer gewaltigen Übermacht gegenübersahen, wurden in einer blutigen Schlacht aufgerieben und mussten sich dem Feind ergeben. Einigen Verbänden des päpstlichen Heeres gelang der Rückzug in die Seefestung Ancona, die jedoch elf Tage später nach einem Dauerbeschuss gezwungen war zu kapitulieren.

1859 war die Romagna von Aufständen gegen die weltliche Herrschaft der Päpste erschüttert worden. Als sich die österreichischen Truppen, die dort seit Jahren stationiert waren und die Autorität Roms zu wahren halfen, zurückzogen, ging diese bedeutende und reiche Provinz für den Kirchenstaat verloren. Als im darauffolgenden Jahr eine Annektierung der Marken und Umbriens durch das savoyische Königreich drohte, hatte sich der Papst entschlossen, sein kleines und für Kriegseinsätze schlecht gerüstetes Heer neu zu organisieren. Für den militärischen Oberbefehl gewann er den ehemaligen französischen General Louis-Christophe-Léon Juchault de Lamoriciere (1806–1865). Der erfahrene Militär war maßgeblich an der Eroberung Algeriens im Jahre 1847 beteiligt gewesen und hatte in der Zweiten Republik das Amt des Kriegsministers innegehabt, als Anhänger des legitimistischen Lagers gehörte er zu den erbittertsten Gegnern Napoleons III.

Mit den einheimischen Truppenteilen und den schon bestehenden Fremdenregimentern, die sich überwiegend aus Schweizern zusammensetzten, sollten aus aller Welt angeworbene katholische Freiwillige die „neue“ Armee des Papstes stellen. Im Spätsommer 1860 konnten dem Papst Einheiten wie die „Compagnie des Tirailleurs Franco-Belges“ und das von Iren gebildete „Bataillon of St. Patrick“ präsentiert werden. Aber schon am 11. September marschierten italienische Truppen in den Kirchenstaat ein, und die gerade erst begonnene Ausbildung der neuen Verbände fand ein vorzeitiges Ende. Den oberflächlich rekrutierten, kaum instruierten und unzureichend bewaffneten Streitern für die Rechte des Papstes standen die professionell ausgebildeten Soldaten des Königs gegenüber.

Bei Castelfidardo kam es zum militärischen Desaster der päpstlichen Armee. Dem Kampf gegen einen übermächtigen Feind waren aus den schon genannten Gründen Grenzen gesetzt. Es kam zu nicht wenigen Desertionen, besonders in den von Schweizern dominierten Fremdenregimentern. Im Gegensatz hierzu bewiesen die neu angeworbenen Truppen außergewöhnlichen Mut. Die mit Todesverachtung kämpfenden französisch-belgischen Schützen und irischen Freiwilligen verschafften sich auf dem Schlachtfeld von Castelfidardo den Respekt und die Bewunderung ihrer Gegner. Aus der „Compagnie des Tirailleurs Franco-Belges“ entstanden Anfang 1861 die „Päpstlichen Zuaven“, ein „corps d'elite“, das noch neun Jahre mithalf, den Bestand des Kirchenstaates zu sichern.

„Castelfidardo hat eine große Bedeutung für die Geschichte unseres Landes“, betont Eugenio Paoloni mit großem Nachdruck. Für den Vorsitzenden der „Fondazione Duca Roberto Ferretti“ besitzt die Schlacht am 18. September Symbolcharakter: „Mit ihr wird das letzte Kapitel des Risorgimento eingeleitet, sie steht mit erbarmungsloser Härte für den Fall der weltlichen Herrschaft der Päpste.“ Die Stiftung mit Sitz in Castelfidardo befasst sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit den Ereignissen des Jahres 1860 und versucht, sie einer objektiven Sicht zuzuführen. „Über viele Jahrzehnte hinweg wurden die päpstlichen Soldaten, die in den Marken und Umbrien kämpften, als Söldner und Mietlinge tituliert; heute sehen wir in ihnen Menschen, die sich aus ihrem Glauben und ihrer Überzeugung heraus aufgerufen sahen, für die ihrer Überzeugung nach unabdingbaren Rechte des Papstes zu streiten und sogar ihr Leben zu geben“, merkt Paoloni an, „die Zeiten des ,Papa-Re‘ (Papstkönig) gehören der Vergangenheit an, die Päpste der Gegenwart sind hochgeachtete geistliche Oberhäupter, die nicht mehr auf eine weltliche Herrschaft hinzielen“.

Alljährlich wird am 18. September der Gefallenen der Schlacht gedacht, und zwar der Gefallenen beider Seiten. „Die Barrieren von einst haben wir heute überwunden“, definiert der Präsident der Ferretti-Stiftung das Verhältnis zu den „nemici di allora“, den Feinden von einst. Immer öfter kommen aus Frankreich und Belgien Nachfahren päpstlicher Soldaten nach Castelfidardo. Sie werden dort herzlich empfangen. „Wir heißen sie als Freunde willkommen, informieren sie über die neusten Forschungen und begleiten sie zu den Orten der Schlacht“, erklärt Eugenio Paoloni.

Die „Fondazione Duca Roberto Ferretti“, die Gemeinde Castelfidardo und die Provinz Ancona gedenken der Schlacht vor 150 Jahren mit zahlreichen Initiativen. Zu ihnen gehört die „Reportage aus der Vergangenheit“. Der Lokalsender „Radio Castelfidardo Uno“ hat mit großem Aufwand das Geschehen auf dem Schlachtfeld als aktuelle Rundfunkübertragung in Szene gesetzt (auf „www.comune.castelfidardo.an.it“ steht unter dem Link „Pillole di Storia Fidardense“ Interessierten ein Download der Sendung zur Verfügung). „Il combattimento di Loreto detto di Castelfidardo 18 settembre 1860“ ist eine detaillierte Studie zu den Gefechten tituliert, die Massimo Coltrinari, Brigadegeneral der italienischen Streitkräfte und Militärhistoriker von internationalen Ruf, vorlegt. Unter dem Thema „Le scuole e la battaglia di Castelfidardo“ präsentieren die Schulen der Gemeinde ihren Beitrag zum Jubiläum. Bereits zu Beginn des Jahres hatten Design-Studenten des „Centro Sperimentale Poliarte“ (Ancona) Entwürfe für das Logo und die Plakate der 150-Jahr-Feier vorgestellt. Neben Gedenkveranstaltungen, Vorträgen und Ausstellungen wollen „Animationen“, Kostümgruppen und Militärkapellen anschaulich und hörbar in das Jahr 1860 zurückführen.

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