Die Schattenseiten der Effizienz

Der Dokumentarfilm „alphabet“ kritisiert das heutige Bildungssystem, weil es Kreativität bestrafe – Alternativen fehlen. Von José García
Foto: Pandora | Die Hamburger Gymnasiastin Yakamoz Karakurt veröffentlichte im August 2011 auf „Zeit online“ einen offenen Brief, in dem sie das Bildungssystem kritisierte: „Was denken sich eigentlich diejenigen, ...
Foto: Pandora | Die Hamburger Gymnasiastin Yakamoz Karakurt veröffentlichte im August 2011 auf „Zeit online“ einen offenen Brief, in dem sie das Bildungssystem kritisierte: „Was denken sich eigentlich diejenigen, ...

„Wir zerstören die Kreativität in den Kindern systematisch.“ Mit dieser kategorischen Aussage des britischen Bildungsexperten und Erziehungswissenschaftlers Sir Ken Robinson zu Beginn des Dokumentarfilmes „alphabet“ fasst dessen Regisseur Erwin Wagenhofer sein Unbehagen im Hinblick auf die Lage des Erziehungswesens zusammen. Als Ausgangspunkt für die Dokumentation nennt Wagenhofer selbst eine Reihe von Fragen, etwa „Warum geraten Kulturen und Gesellschaften, die sich hoch entwickelt haben, in den Strudel von gewaltigen Krisen?“

In „alphabet“ lässt Erwin Wagenhofer Experten aus verschiedenen Ländern zu Wort kommen, die mit Ken Robinson die Meinung teilen, unser heutiges Bildungssystem sei einfach überholt. Denn es stamme aus der Frühzeit der Industrialisierung, „als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden.“ Deutlich werden die Schattenseiten eines unerbittlich auf Effizienz zielenden Bildungssystems insbesondere in China. Erwin Wagenhofer trifft im Reich der Mitte auf Yang Dongping, Professor am Beijing Institute of Technologie und Mitherausgeber des Jahrbuchs „China Educational Development“. Yang macht seine Kritik an den chinesischen Bildungsstandards an den „Mathematik-Olympiaden“ fest, deren Ziel darin bestehe, Leistungsdruck, Erfolgszwang und Konkurrenzkampf zu fördern.

Zuviel Lerndruck kann zum Selbstmord führen

Dass der Bildungssektor inzwischen zu einem boomenden Wirtschaftszweig geworden ist, beweisen 14 auf Schülernachhilfe spezialisierte chinesische Unternehmen, die an amerikanischen Börsen notiert sind. Die Kehrseite des Leistungsdrucks wird in einer traurigen Statistik sichtbar: Seit Jahren ist Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Chinesen. Dass dieses Schulsystem, das Schüler zu unerbittlichen Konkurrenten werden lässt, auch in anderen asiatischen Ländern zu inhumanen Folgen führt, macht auf eindrückliche Weise etwa auch der Spielfilm „Pluto“ (DT vom 07. Februar) des koreanischen Regisseurs Shin Su-won deutlich, der am „Generation 14plus“-Wettbewerb der diesjährigen Berlinale teilnahm.

Dass die Chinesen an der Spitze bei den PISA-Studien unangefochten stehen, beweist hingegen für den deutschen Andreas Schleicher, den „Vater“ der PISA-Studie, dass Leistungsdruck und Effizienzmaximierung zu den Bildungsstandards des PISA-Programms gehören sollen. Dies konterkariert „alphabet“ nicht nur durch Yangs Ausführungen, sondern auch durch Bilder: Der müde-traurige Gesichtsausdruck des jungen Gewinners der chinesischen Mathematik-Olympiade spricht genauso Bände wie der abstoßende Auftritt der Teilnehmer am Wettbewerb „CEO of the Future“, bei dem sich die 20 „Besten der Besten“ messen. Ihre Aussagen über den Verzicht auf Familie und Privatleben zugunsten des Berufs („Kinder sollte man planen wie die eigene Karriere“) klingen hohl, ja zynisch: „Geld zu verdienen wird in 2030 noch wichtiger sein, als es jetzt schon ist“, sagt die Wettbewerbsgewinnerin.

Mit den auf Gewinnmaximierung gedrillten, als Manager-Klone wirkenden „Geschäftsführern der Zukunft“ kontrastiert „alphabet“ die Hamburger Gymnasiastin Yakamoz Karakurt, die im August 2011 als 15-Jährige auf „Zeit online“ einen offenen Brief mit dem Titel „Mein Kopf ist voll“ veröffentlichte. Filmemacher Wagenhofer lässt sie den Brief vor einer Schulklasse vorlesen, in dem es unter anderem heißt: „Jeder weiß, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heißt, dass da etwas falsch gelaufen sein muss. Ich komme um 16 Uhr aus der Schule und gehe nicht vor 23 Uhr ins Bett. Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spaß habe.“

Was da falsch gelaufen sein kann, erläutert im Film der Hirnforscher Gerald Hüther: 98 Prozent der Menschen kämen als Hochbegabte auf die Welt, aber nach der Schulbildung können lediglich 2 Prozent als solche bezeichnet werden. Deshalb plädiert Hüther für die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potenziale. Als Beispiel für die Förderung der Kreativität bei Kindern führt „alphabet“ den „Mal-Ort“ von Arno Stern bei Paris an, den der aus Hitler-Deutschland geflüchtete Stern seit 60 Jahren leitet. Arno Sterns Sohn André besuchte nie eine Schule. Heute arbeitet er als Gitarrenbauer, ist aber auch als Autor und Referent für „Freibildung“ international gefragt. Als Gegenpol zu André Stern kommt in Wagenhofers Film Pablo Pineda zu Wort, der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss machen konnte und heute als Lehrer arbeitet.

Erwin Wagenhofers „alphabet“ zeigt sowohl Gewinner als auch Verlierer des Bildungssystems. Auch wenn die Aufeinanderfolge verschiedener Einstellungen manchmal willkürlich wirkt, bleiben einige Aussagen nicht ohne Wirkung, etwa wenn der bis Mai 2012 amtierende Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger, feststellt: „Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit.“ Trotz unterschiedlicher Ansichten überwiegt die kritische Haltung gegenüber dem heutigen Bildungssystem. Weder Filmemacher Erwin Wagenhofer noch seine zu Wort kommenden Mitstreiter gelangen jedoch über Allgemeinplätze wie „Förderung der Kreativität und der individuellen Talente“ hinaus.

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