Gottvertrauen

Wege zur christlichen Gelassenheit

Politik und Vorkommnisse in der Kirche zeigen und reißen tiefe Gräben auf. Wie damit umgehen? Extremismus - auch und gerade religiöser - in unruhigen Zeiten ist keine gute Antwort. Gibt es Wege zur christlichen Gelassenheit?
Sturmwetter
Foto: dpa | Stürmisches Wetter mit dunklen Wolken kann man derzeit nicht nur an den Küsten erleben. Auch in der Gesellschaft wirbelt es einiges durcheinander.

Pandemie, steigende Inzidenzen, Flutkatastrophe. Die Schreckensmeldungen kommen nicht „nur” aus fernen Ländern (auch die gehen uns an, internationale Solidarität ist nicht nur Slogan menschenfeindlicher Ideologien), sondern aus der Nachbarschaft. Die Hilfsbereitschaft ist groß bei der sicht- und greifbaren Not durch Überschwemmung, während gegenüber dem unsichtbaren Virus die disziplinierte Vorsicht schon wieder nachlässt.

Hinzu kommen alltägliche Unzulänglichkeiten und persönliche Katastrophen, teils durch eigene oder fremde Schuld oder Dummheit, teils ganz unverschuldet und unbegreiflich – damit leben wir als gefallene Menschheit. Auch damit, dass das Wirtschaftswunder vorbei ist und dass wir, ob uns das passt oder nicht, in materieller Hinsicht bescheidener werden müssen.

Die Gräben vertiefen sich auch in der Kirche

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Leider wird materielle Bescheidenheit von immer mehr Menschen erzwungen, während andere sich immer weniger dazu bequemen. Die sozialen Klüfte werden überall größer. In der Kirche, zu deren Aufgaben doch das Trösten und Heilen, Leiten und Führen gehört, werden ebenfalls Gräben vertieft. Ich merke mit Schrecken, dass Menschen, die ich als Mitchristen schätze, zu Extremisten der einen oder anderen Seite werden. Aber „Ich trete aus der Kirche aus, wenn sie sich nicht meinen Vorstellungen angleicht” ist immer falsch, gleich ob die Vorstellungen in der Ächtung irgendeines zugelassenen Ritus bestehen oder im Abfeiern des Ungehorsams gegenüber kirchlichem Recht, kirchlichen Pflichten und Vorschriften.

Zu den Hügeln, auf denen Europa gebaut ist, gehört Golgotha, nicht Eden. Es mag ein Kreuz sein mit der Kirche, aber die Kirche ohne Kreuz ist auch nicht vorstellbar. Die Kirche lehrt uns, das Kreuz zu umarmen, und viele Heilige zeigen uns, wie das geht. Jesus hat uns versprochen, dass die Kirche nicht untergehen wird, und Er hat uns aufgetragen, unser Kreuz, welches auch immer, zu tragen mit dem sehr deutlichen Zusatz: Wer das nicht tut, ist Seiner nicht würdig. Das gilt auch, wenn das Kreuz, das wir tragen, die Kirche ist – Er trägt sie ja schon lange.

„Gottvertrauen –
das Vertrauen darauf,
dass Gott immer stärker ist als alle Probleme der Welt –
muss zur Grundhaltung werden“

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Und sie trägt uns, sie ist Seine Braut. Wir sind Teil von ihr, tragen einander und sollen einander in Liebe ertragen! Als Gemeinschaft der Gläubigen durch die Zeiten sind wir der Leib der Kirche – als Heilige bei Gott, als Arme Seelen im Fegefeuer und als streitende (bitte nicht: zankende) Christenheit auf Erden. Das allein sollte schon beruhigen, nicht als gemütliches Zurücklehnen, sondern mit Gottvertrauen und Herzensfrieden.

Gottvertrauen – das Vertrauen darauf, dass Gott immer stärker ist als alle Probleme der Welt – muss zur Grundhaltung werden, wenn wir in der Zeit bestehen wollen. „Alle Sorgen auf Gott werfen” ist die Handlung der Stunde. Das bedeutet nicht, bequem und naiv zu werden; Gott will, dass wir vernünftig handeln. Aber Gottvertrauen schützt vor Mutlosigkeit ebenso wie vor wilder Hektik.

Alles vom Herrn erwarten

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Leider neigen wir dazu, solches Vertrauen für weltfremd und kindisch zu halten. Tatsächlich ist es auch der „Welt” (der von Gott abgewandten Gesellschaft) fremd und eher bei kleinen Kindern anzutreffen. Psalm 131 drückt dies Gottvertrauen so aus: „Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind, so ist meine Seele in mir. Israel, warte auf den HERRN von nun an bis in Ewigkeit!” Die Beterin (man nimmt an, dass diese Verse von einer Frau stammen) vergleicht ihren Seelenzustand mit der seligen Bedürfnislosigkeit eines eben gestillten Babys, das sich in den Arm der Mutter kuschelt, und empfiehlt dem ganzen Gottesvolk, alles vom Herrn zu erwarten. So paradox es klingt, mit dieser Grundhaltung können wir weit produktiver und hilfreicher sein als in der Haltung eines getriebenen, bedrohten Menschen.

Wie aber finden wir Ruhe in den Stürmen, die uns – teilweise ganz wörtlich – umgeben? Wie findet man mit einem unruhigen Herz zur Ruhe in Gott? Spazierengehen, Radfahren, in einem Park oder Wald sitzen, Wandern, Musik hören oder machen kann helfen, in einen wohltuenden Ruhemodus zu kommen. Aber die Gelassenheit, die sich einstellt, wenn man sich in Christus geborgen weiß, geht weit über diese Ruhe hinaus. Diese christliche Gelassenheit, die Ruhe in Gott, wird sich erst einstellen, wenn man Gott zum Mittelpunkt seines Lebens machen will.

Regelmäßige Struktur im Gebet hilft 

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Zuerst ist regelmäßiges Gebet nötig. Das bedeutet nicht notwendig, in klösterlicher Regelmäßigkeit zu bestimmten Stunden bestimmte Gebete zu sprechen; das ist nicht jedem möglich. Rosenkranz und Stundengebet, und soweit es unter Coronabedingungen möglich ist, Lobpreis und Taizé-Gesänge sind gute Gebetsschulen, und es wäre zu wünschen, dass sich in jeder Gemeinde hierzu Gruppen zusammenfinden. Noch wichtiger ist es, jeden Tag mit einem Gebet zu beginnen und zu beenden, auch wenn es nicht mehr ist als ein Dank für die vergangenen Stunden und die Bitte um Schutz und Segen für die kommenden.

Das Stoßgebet zwischendurch, „Gott, bitte hilf” oder „Dank sei Gott”, ist immer möglich. Eindrucksvoll hat das der Baggerführer Hubert Schilles bewiesen, der den zugeschwemmten Abfluss der Steinbachtalsperre in Euskirchen unter Lebensgefahr freibaggerte – und sich davor bekreuzigte, sich in Gottes Hand gab. Auch vor und nach weniger dramatischen Arbeiten sollten wir uns Zeit nehmen, uns und unser Handeln Gott anzuvertrauen. Zeit für ein stilles kurzes Gebet ist vor jedem Arbeitsbeginn. Auch das Tischgebet gibt Gelegenheit zum bewussten Innehalten und Danken. Es gibt am Tag genug Möglichkeiten, sich durch Dank und Bitte neu auf Gott auszurichten. Wenn man sich das zur Gewohnheit macht, wird sich eine größere Gelassenheit einstellen.

Dienende Aufgaben schulen Gelassenheit

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In einer dankbaren Haltung kann man Arbeiten wie Putzen oder Unkraut Jäten als eine Schule der Gelassenheit sehen, man kann dabei beten, vielleicht staunen über die Schönheit der Natur, sich freuen über die Schönheit einer frisch geputzten Wohnung (es muss nicht die eigene sein). Zu meinen schönsten Erfahrungen als Putzfrau in einer Kirche gehörte, daß ich den fast schwarz gewordenen Travertin-Fußboden Stück für Stück wieder zum originalen gelblichen Farbton brachte.

Eine weitere Schule der Gelassenheit ist der häufige Empfang der Sakramente. Die Eucharistie ist Seelennahrung, Begegnung mit dem Herrn. In der Beichte breiten wir die Unordnung unserer Seele vor Gott und lassen zu, dass Er Ordnung in uns schafft. Auch die Eucharistische Anbetung, das Verweilen vor dem Herrn, ist stärkend und beruhigend, ebenso die stille Anbetung vor dem Tabernakel. (Das ist ja nichts wesentlich anderes als die Eucharistische Anbetung, auch wenn jene intensiver empfunden wird.)

Haltet die Kirchen geöffnet zum Gebet und zur Ruhe!

In diesem Zusammenhang bitte ich die Priester und Diakone: Sorgt für offene Kirchen, sorgt für Eucharistische Anbetung! Gebt den Menschen Gelegenheit, zwischen Arbeit und Einkauf spontan in eine Kirche zu gehen, zu beten oder einfach zu ein wenig auszuruhen, die Stille auf sich wirken zu lassen. Gebt den Gläubigen Gelegenheit, wenigstens einmal in der Woche vor dem Eucharistischen Herrn zu knien.

Gott zeigt uns mitten in der Not Wege, zur Ruhe und zum Frieden mit Ihm zu kommen. Wir müssen sie nur gehen.

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