Die Revolte des Unheils

Die Sorge um die eigene Seele und die Seelen der anderen treibt den Menschen schon lange nicht mehr um. Andere Projekte scheinen wichtiger zu sein. Welcher Geist steckt nur dahinter? Von Ingo Langner
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Foto: dpa | Im Zoo mag sie einen interessanten Anblick liefern, in der Bibel tritt sie negativ auf: Die alttestamentarische Schlange ist ein Sinnbild für die gefährliche Macht des Bösen.

Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der Herr, gemacht hatte.“ („Sed et serpens erat callidior cunctis animantibus terrae quae fecerat Dominus Deus.“) So beginnt das dritte Kapitel der Genesis. Bibelkundige wissen, dass wir dort über den „Fall des Menschen“ aufgeklärt werden. Die alttestamentarische Schlange ist ein Sinnbild für die gefährliche Macht des Bösen. Darum liegt es nahe anzunehmen, dass der gefallene Engel Luzifer sich der Schlangengestalt bedient hat, um das erste Menschenpaar mit Hilfe der Frucht vom Baum der Erkenntnis gegen ihren Schöpfer in Stellung zu bringen. Fortan konnten die aus dem Paradies Vertriebenen zwar den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennen, waren jedoch nunmehr der Macht der Todes anheimgegeben. Erst mit dem Opfertod Christi am Kreuz hat sich diese fatale Ausgangsposition grundlegend geändert. Zwar ist der Mensch immer noch sterblich. Doch wer an Christus glaubt und ihm nachfolgt, wird das ewige Leben erlangen.

Denn Jesus Christus ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Was „den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen die Welt durchschweifen“ (wie es im Gebet zum Heiligen Erzengel Michael zutreffend heißt) jedoch nicht daran hindert, weiterhin alles zu unternehmen, um, wie einst Adam und Eva, die Menschen zum Bösen zu verführen. Seine Mittel dazu sind die sieben Hauptsünden Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Überdruss. Auch der Baum der Erkenntnis wird von ihm immer wieder gern ins Spiel gebracht.

Nach dem Sieg Christi über das heidnische Rom war der Weg frei für ein christliches Europa. Die Menschen des Mittelalters zweifelten nicht daran, Geschöpfe Gottes zu sein. Erst in der Renaissance gelang es der alten Schlange erneut, eine Bresche in ein in tausend Jahren festgefügtes Gebäude zu schlagen. Wie sich in der Kunst und Kultur jenes Zeitalters gut beobachten lässt, rückte nun nämlich der Mensch selbst in Zentrum. Wo in den mittelalterlichen Fresken noch prototypische Menschengesichter zu sehen gewesen waren, sah man jetzt Individuen. Das wurde und wird als „Fortschritt“ gefeiert. Doch waren das keine Schritte näher zu Gott, sondern im Gegenteil: Die Selbstermächtigungslust des Menschen trieb ihn in die entgegengesetzte Richtung. Jetzt zielte sein Streben nicht mehr danach, Gott zu erkennen, sondern allein sich selbst. Scheitelpunkt dieser im Kern narzisstischen Introspektion war (nach der Spaltung der Christenheit durch die lutherische Reformation) die Französische Revolution von 1789. Anders als die amerikanischen Revolutionäre von 1776, die noch von der Wahrheit ausgingen, dass alle Menschen „von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden“, erklärt die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 ihre „Menschen- und Bürgerrechte“ „in Gegenwart und unter dem Schutz des höchsten Wesens“.

Womit der gerade kreierte „Kult des höchsten Wesens“ (Culte de l'Etre supreme) gemeint war, der an die Stelle der katholischen Religion treten sollte. Am 21. Januar 1793 fällt der Kopf des Königs. Doch die Enthauptung Ludwigs XVI. war bloß das Mittel. Worauf der Vernichtungsfuror der Jakobiner eigentlich zielte, war das königliche Gottesgnadentum. Das sollte fallen, und die Kirche Christi gleich mit. Die Franzosen wurden aufgefordert, jetzt nicht mehr den dreifaltigen Gott anzubeten, sondern die Göttin der Vernunft. In deren Reich darf der Mensch auch nicht mehr Ebenbild Gottes sein. Als Ersatz für den Dekalog Gottes dienen die „Menschen- und Bürgerrechte“. Ab jetzt entschieden Menschen darüber, wem Würde zukommt und wem nicht. Was das konkret heißen konnte, ließe sich an den Rassegesetzen in den USA (oder in der NS-Diktatur) exemplifizieren. Wie ja auch in den französischen Kolonien die Parole „Freiheit–Gleichheit–Brüderlichkeit“ nur für die dort lebenden Weißen galt.

Unter der Fahne der Vernunft versammeln sich schließlich auch die Naturwissenschaften. Charles Darwin ersetzt Gott durch „die Evolution“. Der gebürtige Engländer kann sich seine Gesetze des Lebens nur in Kaufmannskategorien vorstellen. Wie auf den Märkten setzt sich im Konkurrenzkampf des Lebens schlussendlich immer der Stärkere durch. Auch Karl Marx und Friedrich Engels begründeten ihre Ideen „wissenschaftlich“. „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ nennt Friedrich Engels seine Schrift, in der er für den Kommunismus den Anspruch erhebt, das unabänderliche finale Ziel der Geschichte zu sein. Das Heil der Welt liegt fortan in den Händen der Kommunisten. Ihre Ideologie wird zum definitiven Religionsersatz in einem immer gottferner werdenden Europa. Statt Kirchenlieder singen die Kommunisten fortan: „Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, und wie fromme Christen glauben auch sie mit derselben Intensität an ihre weltliche Heilslehre.

„So wäre es möglich zu zeigen, dass es für den Geist des Menschen nur zwei mögliche Welten geben kann: diejenige des Heiligen (oder um in der Sprache der Christen zu sprechen: der Gnade), oder diejenige der Revolte. Verschwindet die eine, kommt das dem Antritt der anderen gleich, obwohl letztere mit bestürzenden Formen zutagetreten kann. Auch hier stehen wir vor dem Alles oder Nichts“, schreibt Albert Camus in seinem Essay „Der Mensch in der Revolte“, und Camus hat Recht damit. Vom kommunistischen Religionssurrogat Infizierte waren sogar bereit, für ihren Glauben zu sterben. Manche von ihnen wankten nicht einmal im stalinistischen KZ, wie uns Alexander Solschenizyn glaubwürdig im „Archipel GULag“ übermittelt hat. Solschenizyn zitiert dort einen Mann, der ein halbes Jahr in der Todeszelle und danach fünfzehn Jahre im Lager saß so: „Der Glauben an die Partei hat mir geholfen – und daran, dass das Böse nicht von Partei und Regierung ausgeht, sondern vom bösen Willen irgendwelcher Menschen, welche kommen und gehen, während alles andere bleibt.“

Auch nach dem Ende der Sowjetunion lebt der „Geist der Revolte“ weiter. Dieser Geist wiederholt immer aufs Neue jene Revolte, die der Erzengel Luzifer gegen Gott unternahm und die mit seinem Höllensturz scheiterte. Auch in der Ideologie der „Grünen“ ist der „Geist der Revolte“ immer noch präsent. Ob wie einst beim „Waldsterben“ oder wie heute beim „Klimawandel“, stets geht es den „Grünen“ um das „Heil der Welt“. Es hat die Sorge um das eigene Seelenheil nach dem Ende des irdischen Daseins ersetzt.

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