Die Religion amerikanischer Patrioten

Der Wahlkampf um das Weiße Haus geht auf die Zielgerade, und in besonderer Weise wird die außergewöhnliche Rolle deutlich, die die Religion dabei spielt. Obwohl Religion und Staat in den USA verfassungsrechtlich fein säuberlich getrennt sind, wäre ein religionsloser Präsidentschaftskandidat undenkbar und unwählbar, sei er Republikaner wie John McCain oder Demokrat wie Barack Obama. Letzterer nutzt seine öffentlichen Auftritte, beispielsweise in Berlin, um quasi-prophetisch ein Amerika der Zukunft an die Wand zu malen, das weder Not noch Armut, weder Gewalt noch Unfriede zu fürchten braucht und dem jeder Bürger gleich viel wert ist. Auch wichtige Debatten werden im Umfeld der Religion, beispielsweise in protestantischen „Mega Churches“, abgehalten. Doch welche Rolle spielt die Religion tatsächlich in der amerikanischen Öffentlichkeit? Wie kam es zur Entwicklung einer so eigentümlichen, oft auch widersprüchlichen Form der Religion in den USA, die ganz treffend mit „civil religion“ zu charakterisieren ist?

„Die Auswanderer nach Amerika erfuhren ihre Geschichte als einen neuen Exodus in ein neues gelobtes Land“

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau entwirft in seinem Buch „Du contrat social“ 1762 ein Konzept öffentlicher Religion. Sie hat die Aufgabe, die Staatsverfassung gleichzeitig zu untermauern und transzendent zu überhöhen. Rousseau spricht hier von „religion civile“. Im 20. Jahrhundert haben unter anderem Robert Neelly Bellah, Hermann Lübbe und Niklas Luhmann der Rousseauschen Konzeption ähnliche Modelle einer Zivilreligion entworfen beziehungsweise unterstützt. Bellah spiegelt die Debatte um die Zivilreligion in den Vereinigten Staaten wider. Er weist angesichts einer wachsenden Säkularisierung des öffentlich-politischen Lebens auf die religiöse Tragweite der politischen Kultur in den USA hin und spricht in diesem Zusammenhang von einer amerikanischen „civil religion“, die jedoch nicht mit einer christlichen Konfession oder der jüdischen Religion gleichzusetzen ist und von einer privaten Sphäre der Frömmigkeit, die jedem freisteht, zu trennen ist. Die amerikanische „civil religion“ ist gewissermaßen das Gegenkonzept zum Modell der Staatskirche in Europa. Sie beruht auf der verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche. Aber auch von Rousseaus Zivilreligion hebt sich die amerikanische „civil religion“ ab. Ausgehend von den ersten protestantischen Einwanderern calvinistischer und puritanischer Prägung, den „founding fathers“, wurde ein spezielles Bewusstsein, durch Gottes Gnade gesandt zu sein, entwickelt. Sie sahen sich in einem neuen Bund mit Gott stehen, der das politische Denken fortan beeinflusste. Die vorherrschende Gottesvorstellung der „civil religion“ in Amerika ist jedoch keine protestantische, sondern eher eine deistische: „a Nation under God“. Gerade in den Antrittsreden amerikanischer Präsidenten ist deshalb oft von Gott die Rede, jedoch ohne konfessionellen Bezug. Der Grundsatz der amerikanischen Nation „In God We Trust“, „auf Gott vertrauen wir“, drückt diese Tradition des Bundes bis heute aus. Die amerikanische Verfassung sollte der Welt eine neue Ordnung geben, einen „Novus Ordo Seclorum“, wie es im Großen Siegel der USA seit 1776 heißt.

Diese Grundvorstellungen des öffentlichen Lebens genießen in den Vereinigten Staaten hohes Ansehen gemäß dem zum Motto gewordenen Beginn des zweiten Satzes der Unabhängigkeitserklärung von 1776: „We Hold These Truths [to be self-evident]“, „wir halten diese Wahrheiten [für evident]“. Amerika wurde gewissermaßen als das „Gelobte Land“ gesehen, Europa als Ägypten und die Auswanderung als ein „neuer Exodus“, wie Wolfhart Pannenberg in seinem Aufsatz „Reich Gottes in Amerika“ (1977) meint: „Wie schon die englischen Puritaner ihr Land als das neue Israel gedeutet hatten, das Gott vor der spanischen Armada gerettet habe wie einst das Volk Israel vor den ägyptischen Verfolgern, so erfuhren die Auswanderer nach Amerika ihre Geschichte als einen neuen Exodus in ein neues gelobtes Land.“ Diese Grundhaltung bekräftigt auch Michael Hochgeschwender in seinem aktuellen Buch „Amerikanische Religion“ (2007). Sie prägt die religiöse Grundfärbung der amerikanischen politischen Kultur. Ein gutes Beispiel dieser Grundfärbung ist die Antrittsrede des ersten katholischen Präsidenten der USA, John F. Kennedy, vom 20. Januar 1961: Sie proklamiert regelrecht den Anbruch einer neuen Epoche, wobei die religiöse Dimension eine starke Rolle spielt. Gemeinsame Träger der „civil religion“ in den USA sind alle Kirchen, die in viele kleine kirchliche Bewegungen zersplittert sind, genauso wie die gesamte, vielschichtige und bunte amerikanische Öffentlichkeit. Die „civil religion“ ist gewissermaßen ein einendes Band und führt von Vielheit zu Einheit: „e pluribus unum“, aus vielen wird eines.

Die Erfüllung des

Willens Gottes als

leuchtendes Beispiel

für alle Nationen

Dies hat vor allem zwei Entwicklungen zur Folge: Erstens öffnen sich dadurch neben der protestantischen Konfession auch die anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften der amerikanischen Gesellschaft, besonders die katholische und die jüdische. Der Grund dafür ist eine gemeinsame Grundintention, ausgehend von der Verfassung der USA, und ein gemeinsames Sendungsbewusstsein, das Freiheit und Demokratie in alle Welt tragen soll. Zweitens werden die einzelnen Kirchen in den USA zu reinen Institutionen und verlieren den je eigenen konfessionellen Charakter. Das amerikanische Sendungsbewusstsein, das auf der anderen Seite auch zur oft unmenschlichen Verfolgung der Indianer führte, hat besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch den Vietnamkrieg genauso wie durch die Watergate-Affäre immer wieder Rückschläge erhalten. Ganz zu schweigen von den Entwicklungen der letzten Jahre in Afghanistan und dem Irak. Durch das Bewusstmachen solcher Schattenseiten entgeht die Konzeption von „civil religion“ bei Bellah weitgehend der drohenden „Gefahr einer Vergötzung der Nation“, wie es Pannenberg nennt, da Bellah an einer transzendenten Wirklichkeit festhält. Folgt man den Religionssoziologen Will Herbert oder Herbert Richardson, bleibt diese Gefahr allerdings bestehen.

Bellah charakterisiert die „civil religion“ zum Abschluss seines Aufsatzes „Zivilreligion in Amerika“ (1967) wie folgt: „Hinter jedem Gesichtspunkt der Zivilreligion liegen biblische Archetypen: Exodus, erwähltes Volk, gelobtes Land, neues Jerusalem, Opfertod und Wiedergeburt. Aber sie ist auch ursprünglich amerikanisch und ursprünglich neu. Sie hat ihre eigenen Propheten und ihre eigenen Märtyrer, ihre eigenen heiligen Anlässe und heiligen Orte, ihre eigenen feierlichen Rituale und Symbole. Sie ist darauf bedacht, dass Amerika eine Gesellschaft sein möge, die so vollendet in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ist, wie es den Menschen nur möglich ist als ein leuchtendes Beispiel für alle Nationen.“

Direkt im Anschluss macht Bellah klar, dass die amerikanische Zivilreligion auch für moralisch verwerfliche Ansichten und Interessen ausgenutzt wurde und wird und sich ständig aus sich erneuern muss, dass sie aber dennoch sehr hilfreich bei der Bewältigung der Herausforderungen heutiger Zeit sein kann. Inwiefern jedoch die „civil religion“ eine eigenständige Religion ist oder nur eine gesellschaftliche Erscheinung, wird nicht ganz geklärt. Feste wie „Memorial Day“ und „Thanksgiving Day“ feiern und stabilisieren die Identität der amerikanischen Nation in der Formsprache der jüdischen und christlichen Traditionen. Sie stehen dabei klar in politischem Dienst.

Hermann Lübbe, Niklas Luhmann und Thomas Luckmann prägten und prägen die Debatte über die Zivilreligion in Deutschland zwischen 1960 und 1990. Für Lübbe und Luckmann basiert die Zivilreligion auf einem wenig greifbaren, öffentlichen Minimalkonsens. Nach Luhmann ist die Zivilreligion insbesondere durch das Zusammenziehen von einander entgegengesetzten sakralen und profanen Elementen als eine „säkulare Religion“ anzusehen, beispielsweise Vereidigungen oder die Zivileheschließung. Sie ist ein von der Vielheit der Konfessionen zu unterscheidendes Minimum an religiöser Orientierung, wodurch Institutionen und Werthorizonte des Staates gestützt und legitimiert werden. In der Folge wird bei Luhmann die Religion als System gesehen, welches sich in andere Systeme, die Gesellschaft oder die Kultur, eingliedert beziehungsweise daran angliedert. Jürgen Moltmann und Eberhard Jüngel kritisieren diese Konzeption von Zivilreligion. Jüngel bezeichnet sie sogar in Adornoschem Anklang als „minima religiosa“, als „ein Ensemble von Restbeständen einer religiösen Kultur“. Unbestritten ist, dass die Religion einen Platz im Gefüge eines Verfassungsstaats einnimmt und einnehmen muss. Die Begründung dafür liefert Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem berühmt gewordenen Diktum von 1964, erstmals 1967 veröffentlicht: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

„Die Zivilreligion kann das Christentum verdrängen, sie kann sich aber auch mit seiner Tradition verbinden“

So soll sich die Religion in ihrer Gestaltungskraft positiv auf Gesellschaft und Politik auswirken. Oft sieht sie sich aber gerade hier bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts starken Säkularisierungstendenzen im Dienste der öffentlichen Ordnung ausgesetzt. Wolfhart Pannenberg bewertet das Konzept der Zivilreligion generell als zu schwach. Er sieht im Gegensatz zu den USA in Europa eine nur geringe Ausprägung der Zivilreligion, besonders in Deutschland, aufgrund der beiden Weltkriege. Die Zivilreligion „schillert“, so Hans Maier, „zwischen einer antiken ,Politischen Religion‘ mit kultischen Elementen und allgemeiner Verbindlichkeit (wie sie noch Rousseau als Modell vorschwebte) und der Vorstellung eines symbolischen Raumes von ,Sinnhorizonten‘ und ,Letztbegründungen‘, in dem sich das Handeln demokratischer Gesellschaften abspielen soll.“

Das Verhältnis des Christentums zur Zivilreligion bleibt jedoch ambivalent: Die Zivilreligion kann das Christentum verdrängen, sie kann sich aber auch mit christlicher Tradition und Lehre verbinden. Die Kirche muss sich jedoch stets in kritischer Weise von der Zivilreligion in ihren Erscheinungsformen absetzen. Im Endeffekt bleibt die Zivilreligion in Anlehnung an Rousseau eine nicht-konfessionelle, wenig transzendente „Religion für den Staatsbürger“.

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