Die Rede vom 17. Januar fällt aus

Vor zehn Jahren sollte Papst Benedikt XVI. an der römischen Universität "La Sapienza" sprechen doch dazu kam es nicht. Eine Rückschau nach vorn. Von Stefan Ahrens
Papst-Besuch in römischer Universität nach Protesten abgesagt
Foto: epa ansa Schiavella (ANSA) | Students from La Sapienza university display banners reading 'If Benedict doesn't come to La Sapienza, La Sapienza goes to Benedict' and 'Students with the Pope' during Pope Benedict XVI's weekly general audience in ...

Es gibt Reden und Ansprachen, die sich fest ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt haben. Egal ob es sich hierbei um literarisch-fiktive (Mark Antons Rede in Shakespeares "Julius Caesar"), berührende ("I have a Dream" von Martin Luther King) oder auch unrühmliche (Joseph Goebbels  Sportpalastrede von 1943) handelt: Bei manchen Reden reichen bereits wenige zentrale Stichworte, um den gesamten Inhalt einer Rede ins Gedächtnis zu rufen.
Ob die Rede, die Papst Benedikt XVI. vor genau zehn Jahren am 17. Januar 2008 an der römischen La Sapienza-Universität ursprünglich halten sollte, letztendlich aber nicht halten durfte (dazu unten mehr), heute ebenfalls in einem Atemzug mit obengenannten Reden erwähnt werden würde, wird für immer unbeantwortet bleiben müssen. Wer jedoch auf das von 2005 bis Anfang 2013 dauernde Pontifikat des bayerischen Papstes zurückblickt, der wird wohl aus dem Stehgreif heraus eine Handvoll Reden, Vorträge und Ansprachen nennen können, die bis in die unmittelbare Gegenwart einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: Sei es die gleichermaßen prophetische wie umstrittene "Regensburger Vorlesung" von 2006, die bewegende Rede vor Holocaust-Überlebenden im NS-Vernichtungslager Auschwitz aus demselben Jahr, seine Ansprache vor beiden Kammern des britischen Parlaments in Westminster Hall 2010 und natürlich die Bundestagsrede von 2011. All diese Reden und Ansprachen zeigten einen hochgelehrten und reflektierten Pontifex, dem auch eine kirchenferne Zuhörerschaft ihren Respekt nicht versagen konnte, ohne jedoch diesem in allen Punkten zustimmen zu müssen. Freie Meinungsäußerung und Dialog unter Andersdenkenden im besten Sinne des Wortes.
Im Januar 2008 war jedoch alles anders. Bereits Monate zuvor war Papst Benedikt XVI. für den 17. Januar vom Rektorat der römischen La Sapienza-Universität eingeladen worden, eine Rede zur Eröffnung des neuen akademischen Jahres an der größten Universität Europas zu halten. Trotzdem besetzten Vertreter linksradikaler Studentenvertretungen am 15. Januar das Rektorat mit dem Ziel, Benedikts geplante Rede zu verhindern. Auch einige Professoren solidarisierten sich mit den protestierenden Studenten   und sorgten dafür, dass Papst Benedikt (möglicherweise an die 1968er-Studentenproteste an seiner früheren Universität Tübingen erinnert) absagte   und die laut Meinung nicht weniger Ratzinger-Kenner beste Rede seines Pontifikates ungehalten blieb.
Denn welche Worte und Gedanken Benedikt XVI. den Studenten und Dozenten an deren eigener Wirkungsstätte mit auf den Weg gegeben hätte ist bekannt   bereits kurz nach der Absage seines Besuches ließ Benedikt sein Redemanuskript für jedermann sichtbar ins Internet stellen. Und wer sich daraufhin die Mühe machte, auf die Internetseite des Vatikans zu klicken, der dürfte wohl überrascht gewesen sein über das, was er da lesen konnte.
Denn zum einen konnte man nicht nur definitive Aussagen des Papstes  zu ihm wichtigen Themen wie Glaube und Vernunft, Theologie und Philosophie oder Kirche und Universität nachlesen   sondern auch gleich zu Beginn seiner Rede Benedikts Antwort auf eine Frage, finden die ihm auch seine Gegner an der La Sapienza-Universität vorgehalten hatten: Ob ein Papst überhaupt an einer säkularen Universität das Wort ergreifen dürfe und sollte. Die Antwort des Papstes darauf lautet: Ja, weil Kirche und Universität natürliche Verbündete seien. "(Der Papst) darf gewiss nicht versuchen", so Benedikt, "andere in autoritärer Weise zum Glauben zu nötigen, der nur in Freiheit geschenkt werden kann." Vielmehr hätten Kirche und Universität eine gemeinsame Aufgabe zu erfüllen: Die Wahrheit und die Vernunft zu stärken.

Eine "Instanz für die
öffentliche Vernunft"
Dieses unterstreicht Benedikt, indem er die aufrichtige Wahrheitssuche der abendländischen Universität und ihrer im Mittelalter aufeinander bezogenen Fakultäten bemerkenswert skizziert und an diese erinnert und auch das seit dem heiligen Thomas von Aquin nachwirkende jahrhundertelange Neben- und Miteinander der philosophischen und der theologischen Fakultät resümiert: "Man könnte geradezu sagen, dass dies der bleibende, wahre Sinn beider Fakultäten ist: Hüter der Sensibilität für die Wahrheit zu sein, den Menschen nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen zu lassen." Gestärkt worden sei die Philosophie laut Benedikt  nicht erst durch die Aufklärung, sondern durch die mittelalterliche Theologie. Es sei ein bleibendes Verdienst des Thomas von Aquin, dass er, im Lichte der notwendigen Auseinandersetzung sowohl mit dem jüdischen als auch mit dem islamischen Vernunftverständnis sowie aufgrund der damals im Abendland wiederentdeckten aristotelischen Philosophie "die Eigenständigkeit der Philosophie und mit ihr das Eigenrecht und die Eigenverantwortung der von ihren Kräften her fragenden Vernunft herausgestellt hat". Eine geistesgeschichtliche Entwicklung, die übrigens im östlichen Christentum nicht vollzogen wurde, wie Benedikt XVI. im Redemanuskript betont.
Genauso wie die Universität liefere die Kirche laut Benedikt (in Nähe zu den bedeutendsten liberalen politischen Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, John Rawls und Jürgen Habermas) einen unverzichtbaren Beitrag zum allgemeinen moralischen Diskurs, und zwar wegen ihrer einzigartigen "Sinnressourcen" (Jürgen Habermas): "Der Papst spricht", so Benedikt, "als Vertreter einer Gemeinschaft, die zumindest einen Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung in sich verwahrt, der für die ganze Menschheit von Bedeutung ist: Er spricht in diesem Sinne als Vertreter moralischer Vernunft." Trotz intellektueller Irrtümer und historischer Fehlschläge sei das Christentum (im Sinne John Rawls) aufgrund ihrer jahrhundertelangen zivilisatorischen Wirkungsgeschichte und im Lichte ihrer bedeutendsten Heiligen und moralischen Vorbilder auch als eine "Instanz für die öffentliche Vernunft" zu betrachten.

"Hüterin der Sensibilität für die Wahrheit"
Auch die Universität müsse sich, so Benedikt,  immer stärker als eine solche Instanz betrachten und sich den "Mut zur Wahrheit" bewahren. Kirche und Universität, die "Hüter der Sensibilität für die Wahrheit" dürfen nicht müde werden und müssten dafür Sorge tragen, dass ganze Gesellschaften sich   wie bereits erwähnt    "nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen (...) lassen" und stattdessen "mit dieser Frage unterwegs (...) bleiben   unterwegs mit den großen Ringenden und Suchenden der ganzen Geschichte". Denn der Mensch, so der Pontifex,  strebe nach Wahrheit und Erkenntnis und müsse, kaum habe er einmal pures Wissen gefunden, erfahren, dass (im Sinne des hl. Augustinus) "wer nur alles ansieht und erfährt, was in der Welt geschieht, traurig werden wird. Aber Wahrheit meint mehr als Wissen. Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten. Das ist auch der Sinn des sokratischen Fragens: Was ist das Gute, das uns wahr macht? Die Wahrheit macht uns gut, und das Gute ist wahr: Dies ist der Optimismus, der im christlichen Glauben lebt, weil er des Logos, der schöpferischen Vernunft ansichtig geworden ist, die sich in der Menschwerdung Gottes zugleich als das Gute, als die Güte selbst gezeigt hat." Eine Ermutigung für Kirche und Universität, verstärkt für die Wahrheit einzutreten, sei im 21. Jahrhundert nötig wie vielleicht noch nie   da laut Benedikt es die Gefahr der westlichen Welt sei "dass der Mensch gerade angesichts der Größe seines Wissens und Könnens vor der Wahrheitsfrage kapituliert. Und das bedeutet zugleich, dass die Vernunft sich dann letztlich dem Druck der Interessen und der Frage der Nützlichkeit beugt, sie als letztes Kriterium anerkennen muss." Und er, der Papst, biete der akademischen Wissenschaft "eine Einladung, mit dieser Frage unterwegs zu bleiben".

Mit dem eigenen
Wahrheitsanspruch
sorgsam umgehen
Gerade der Kirche als einem Teilnehmer an diesem gesamtgesellschaftlichen Ringen um die Sichtbarmachung von Wahrheit, Erkenntnis und Vernunft ist es deshalb laut Benedikt aufgegeben, in ihrem eigenen Denken besonders sorgsam mit dem eigenen Wahrheitsanspruch umzugehen. Sonst laufe sie Gefahr, die Spur desjenigen zu verlassen, der sich selbst als den "Weg, die Wahrheit und das Leben" bezeichnete. Ergo darf selbst der Papst sich nicht scheuen, wie es Benedikt in seinem Redemanuskript tut, historisch verbürgte kirchengeschichtliche Irrtümer selbstkritisch zu bedauern: "Manches, was von Theologen im Laufe der Geschichte gesagt oder auch von kirchlicher Autorität praktiziert wurde, ist von der Geschichte falsifiziert worden und beschämt uns heute", gestand Benedikt. Die christliche Botschaft müsse innergesellschaftlich und auch innerkirchlich "von ihrem Ursprung her immer Ermutigung zur Wahrheit und so eine Kraft gegen den Druck von Macht und Interessen sein".
Aussagen, die vermutlich einige der radikalsäkularen Kritiker des Papstes, dem sie im Vorfeld seines später abgesagten Besuchs Intoleranz und einen geistigen Machtanspruch vorwarfen, ebenso tief beschämt hätten, wie Benedikt das Verhalten mancher Kirchenmänner der vergangenen Jahrhunderte. Denn die selbsternannten Vertreter von Meinungsfreiheit und Toleranz gerierten sich rund um den abgesagten Papstbesuch an ihrer Universität selber als die Redeverbote erteilenden und intoleranten Großinquisitoren. Kein Verhalten hätte schlagender die Notwendigkeit des von Benedikt eingeforderten Dialogs von Glaube und Vernunft belegen können als dieses unrühmliche Spektakel. In seiner La Sapienza-Rede bringt er all das, was ihm diesbezüglich auf dem Herzen liegt, auf den Punkt. Zeit, die beste Rede seines Pontifikates endlich einmal nachzulesen und neu ins Gespräch zu bringen.

 

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