Die pränatale Psychologie: Wie die Entdeckung des Feuers

Die vorgeburtliche Psychologie fristet noch immer ein Nischendasein. Der neueste Stand einer verkannten Forschungsdisziplin und was von ihr zu erwarten ist. Von Ludwig Janus und Jürgen Liminski
Pränatale Forschung zeigt, dass Bindung und Bindungsfähigkeit quasi mit der Empfängnis beginnen
Foto: IN | Die pränatale Forschung zeigt, dass Bindung und Bindungsfähigkeit quasi mit der Empfängnis beginnen. Steht uns ein Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit bevor, wenn wir lernen, die Energien der Liebe ...

Bindung umfasst das ganze Leben, angefangen bei der Empfängnis bis zum Tod. Es ist eine Chiffre für Liebe. In den letzten Jahren ist mit der Pränatalen Psychologie ein interdisziplinäres Forschungsgebiet entstanden, das von großer praktischer Bedeutung für die Psychotherapie, die Psychosomatik, die Geburtshilfe, die Geburtsvorbereitung und die Gesundheits- und Kulturwissenschaften ist. Nach ersten Anfängen in den zwanziger Jahren hat sich das Forschungsgebiet ab den siebziger Jahren systematisch entwickelt. Es ist aber hierzulande noch verkannt.

Ein Problem für die praktische Anwendung der wissenschaftlichen Ergebnisse besteht darin, dass wir einen (überholten) Commonsense haben, wonach seelisches Erleben und Beziehung frühestens nach der Geburt beginnen. Das stimmt zwar nicht, betrifft aber folgende Praxisfelder:

Geburtsvorbereitung: Die Aufmerksamkeit richtet sich heute vor allem auf nachgeburtliche und frühkindliche Bedingungen. Und in der etablierten Geburtsvorbereitung konzentriert man sich ganz auf die körperlichen Aspekte. Die ebenso wichtigen Aspekte der psychologischen Bedingungen des Elternpaares und speziell der vorgeburtlichen Beziehung zwischen Mutter und Kind liegen häufig außerhalb der Beachtung. Dabei ist sie für die Entwicklung der Bindungsfähigkeit von erheblicher Bedeutung.

Geburtshilfe: Die Geburtshelfer konzentrieren sich so sehr auf ihre Aufgabe, die Geburt in Bezug auf das Überleben „sicher“ zu machen, dass die psychologischen Zusammenhänge und die ureigenen Kräfte des Gebärens der Frau als zweitrangig gegenüber den medizinischen und auch finanziellen Aspekten erachtet werden. Das zeigt die steigende Indikation zum Kaiserschnitt (über 30 Prozent). Dabei bleibt die Realität, dass die medizinischen Interventionen auch immer tiefe seelische Bedeutung haben können, meist außerhalb der Wahrnehmung. Das hat Folgen. So führt die renommierte Professorin für Frauengesundheit Beate Schücking, Direktorin der Universität Leipzig, den Geburtenrückgang in Deutschland zu einem Teil darauf zurück, dass die medizinisch-technische Orientierung der Geburtshilfe in den Kliniken von vielen Frauen als so traumatisch erlebt wird, dass es oft bei einem Kind bleibt.

Es gibt Ausnahmen. So vertritt der Dresdner Frauenarzt und Geburtshelfer Sven Hildebrandt in seinen Publikationen und Vorträgen eine „beziehungsorientierte Geburtshilfe“. Oder: Durch eine Kooperation zwischen Neonatologie und Pränataler Psychologie in Heidelberg konnte in den 90er Jahren der einfühlsame Umgang mit den frühgeborenen Kindern mit initiiert und unterstützt werden, wie er sich dann allgemein durchsetzte. Und auf dem Hintergrund der Doppelkompetenz in Frauenheilkunde und Psychotherapie konnte der Pforzheimer Frauenarzt, Geburtshelfer und Psychotherapeut Rupert Linder in seiner Praxis ein Konzept der „Ermutigenden Mutterschaftsvorsorge“ entwickeln – ein Modell für ärztlich-psychologische Geburtsvorbereitung.

Aufgrund solcher Erkenntnisse und Beobachtungen zu den Folgen belastender vorgeburtlicher Bedingungen haben die ungarischen Analytiker György Hidas und Jenö Raffai eine Methode entwickelt, die die Beziehung zwischen Mutter und Kind vor der Geburt fördert und die sie mit dem bezeichnenden Namen „Bindungsanalyse“ in ihrem Buch „Nabelschnur der Seele“ versehen und beschrieben haben. Durch den Kontakt mit dem Kind während der Schwangerschaft kommt die Mutter von Anfang an mit ihren urmütterlichen Potenzialen in eine innere Beziehung zum Kind. Erste empirische Pilotstudien haben ergeben, dass nach einer solchen Förderung der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Beziehung keine nachgeburtlichen Depressionen beobachtet wurden, wie sie sonst bei bis zu 20 Prozent der jungen Mütter vorkommen. Eine noch unveröffentlichte Auswertung von 188 Bindungsanalysen ergab ferner eine geringere Notwendigkeit von medizinischen Interventionen und geringeres Weinen der Kinder und es wurden keine Schreikinder beobachtet. Die Kinder erscheinen wacher und emotional balancierter zu sein als Kinder, die diese vorgeburtliche Unterstützung der Bindungsentwicklung nicht hatten.

Konsequenzen für die Kultur

Eigentlich sollten wir von der Evolution her wie die Elefanten mit 21 Monaten als „Nestflüchter“ zur Welt kommen. Wegen des aufrechten Ganges, der einen stabilen Beckenring erfordert, und des Hirnwachstums werden Menschenbabys unter Verkürzung der Tragezeit aber schon mit neun Monaten als „sekundäre Nesthocker“ geboren, um eine Geburt überhaupt zu ermöglichen. Das ist auch ein Grund dafür, dass menschliche Geburten zu etwa 10 Prozent ärztlichen Beistand benötigen. Die psychologischen Implikationen der Tatsache, dass wir gewissermaßen unfertig zur Welt kommen, haben die Konsequenz, dass Menschen von jeher einen Bezug auf zwei Welten haben, eine reale und eine imaginäre Jenseitswelt. Gleichzeitig aber ist diese „Unfertigkeit“ ein elementarer Impuls, die Welt so umzugestalten, dass sie der zu früh verlorenen Mutterleibswelt immer ähnlicher werde, was wir mit der heutigen Befriedigungswelt auch ein beträchtliches Stück erreicht haben. Viele Aspekte der kulturellen Gestaltung können durch die Einbeziehung der vorgeburtlichen und geburtlichen Lebenswirklichkeit tiefer verstanden werden. Hierzu nur einige Beispiele:

Musik: Das Hören ist in besonderer Weise der Sinn, der beide Welten, die vorgeburtliche und die nachgeburtliche, überbrückt, was wohl ein Grund für die besondere Faszination der Musik sein dürfte, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk in der Frage ausdrückte: „Wo sind wir, wenn wir Musik hören?“, um die besondere Befindlichkeit beim Hören von Musik deutlich zu machen. Beiträge zu den pränatalen Aspekten des Musikerlebens haben besonders die Musikpsychologen Bernd Oberhoff und Richard Parncutt geleistet.

Mythologie: Dass die Inhalte mythologischer Erzählungen wesentlich auch durch vorgeburtliche und geburtliche „Erinnerungen“ bestimmt sind, ist eine alte Einsicht aus den Anfängen der Psychoanalyse. So beschrieb der Freud-Schüler Otto Rank schon in seinem Buch „Der Mythos von der Geburt des Helden“ (1909) die mythischen Geschichten von den Geburten der Helden als Widerspiegelungen von perinatalen Reminiszenzen, was er dann in seinem späteren Buch „Das Trauma der Geburt“ von 1924 weiter konkretisierte. Spätere Autoren haben diese Gesichtspunkte weiter ausgearbeitet. So konnte etwa Terence Dowling am Beispiel der Lebensbäume, wie sie in allen Mythologien vorkommen, zeigen, dass dieses wichtige Element der Mythen auf die vorgeburtliche Erfahrung der Plazenta zurückzuführen ist.

Initiationsriten: In den Stammeskulturen wird der Übergang von der Kindheit und Jugend in das Erwachsenenalter von dem Übergangsritus der Initiationsriten begleitet und vermittelt, die in symbolischer Weise eine Regression in eine Mutterleibswelt und eine Wiedergeburt zum Inhalt haben. Die Rückkehr zum Ursprung soll den Wechsel in die neue Welt der Erwachsenen seelisch ermöglichen.

Märchen: Wie der berühmte russische Märchenforscher Vladimir Propp formulierte, erzählen die Märchen das, was in den Initiationsriten szenisch gestaltet war und rituell aufgeführt wurde. Auch hier geht es in der Krise des Erwachsenwerdens um eine symbolische Rückkehr zum Lebensursprung, zum Wasser des Lebens und zum Baum des Lebens, aus all dem heraus der Wechsel in die Welt der Erwachsenen möglich ist.

Heilige Räume, Tempel und Kirchen: Otto Rank hatte in seinem Buch „Kunst und Künstler“ (1932) darauf hingewiesen, dass heilige Räume, Tempel und Kirchen gewissermaßen so gestaltet sind, dass sie den inneren Kontakt zu vorgeburtlichen existenziellen Gefühlen ermöglichen, was er an Bildern von frühen Tempeln erläuterte, die unmittelbar in uterinen Formen gestaltet sind. Der Kölner Künstler und Kulturwissenschaftler Klaus Evertz (2014) hat hierzu weitere Ausführungen gemacht.

Philosophie: Auch die moderne Philosophie befasst sich mit der Zeit des Menschen vor der Geburt. Erste Entwürfe für eine philosophische Erschließung der existenziellen Dimension der Schwangerschaft mit Integration der Befunde der Pränatalen Psychologie hat Peter Sloterdijk mit seiner „Sphärentrilogie“ (1998, 1999, 2004) gegeben und für die Geburt Artur Boelderl (2007) mit seinem Buch „Von Geburts wegen – unterwegs zu einer philosophischen Neonatologie“, ebenso Christina Schües: „Philosophie der Geburt“ (2012).

Energien der Liebe nutzbar machen

Die genannten Aspekte der Folgen von prä- und perinatalen Erkenntnissen sind natürlich unvollständig. Aber sie zeigen auf, wie potenzialreich diese Erkenntnisse sind, vor allem für die Geburtshilfe, die Gesundheitswissenschaften, die Psychotherapie und für die Kulturwissenschaften. Und sie zeigen, dass Bindung und Bindungsfähigkeit quasi mit der Empfängnis beginnen, mithin Frucht der Liebe sind. Teilhard de Chardin hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts vorhergesagt, dass die Menschen eines Tages lernen würden, die Energien der Liebe nutzbar zu machen und dass dies ein ebenso entscheidender Entwicklungsschritt in der Geschichte der Menschheit sein werde wie die Entdeckung des Feuers. Die Bindungswissenschaft und die Erkenntnisse der vorgeburtlichen Forschung vermitteln eine erste Ahnung. Ihre praktische und theoretische Bedeutung sind insofern auch eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft.

Professor Ludwig Janus ist Facharzt für Pränatalpsychologie und Psychohistoriker. Er war viele Jahre Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin.

Weitere Artikel
Die Pränatale Psychologie ist im Kommen - auch in Deutschland

Raus aus der Nische Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Die vorgeburtliche Psychologie fristet noch immer ein Nischendasein. Völlig zu Unrecht wird diese Forschungsdisziplin hierzulande noch verkannt. Doch es gibt nennenswerte Ausnahmen.
31.12.2018, 16  Uhr
Themen & Autoren
Beate Schücking Entdeckungen Feuer Geburtshelfer Geburtshilfe Geburtsvorbereitung Gynäkologinnen und Gynäkologen Interdisziplinarität und interdisziplinäre Wissenschaften Klaus Evertz Neonatologie Peter Sloterdijk Psychosomatik Psychotherapie Universität Leipzig

Kirche