Die Päpste und der Radrennsport

Radsportereignisse wie die „Tour de France“ und der „Giro d?Italia“ fanden und finden auch im Vatikan Beobachter und Fans. Von Ulrich Nersinger

Morgen wird die 104. „Tour de France“ ihren Weg durch die Kaiserstadt Aachen nehmen. Die Teilnehmer des Sportereignisses werden dabei auch einen Blick auf den Dom Karls des Großen werfen können. Radrennen wie die „Tour de France“ oder der „Giro d?Italia“ haben auch ihre besonderen Beziehungen zur Religion und zur Kirche. Besonders die Päpste haben ihnen ihre Aufmerksamkeit geschenkt; ihr Interesse brauchte jedoch einen gewissen Anlauf. In den ersten Jahren der „Tour de France“ befand man sich im Pontifikat des heiligen Pius? X. (Giuseppe Sarto, 1903-1914). Der Papst bejahte zwar sportliche Betätigungen und ließ im Vatikan sogar entsprechende Aufführungen zu, doch manche Disziplinen unterwarf er Beschränkungen. So war von höchster Stelle Geistlichen „aus Anstandsgründen und Achtung der priesterlichen Würde“ die Nutzung eines Fahrrades untersagt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der Radsport an sich in Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1939-1958) einen Bewunderer und Förderer.

Der Italiener Gino Bartali (1914-2000), einer der populärsten Radsportler der Geschichte und der beste Bergfahrer seiner Zeit, errang zweimal – in den Jahren 1938 und 1948 – den Sieg bei der „Tour de France“. 1948 machte er sein „Gelbes Trikot“ Papst Pius XII. zum Geschenk. Henri Desgrange, der Begründer des weltweit wichtigsten Radrennens, hatte 1919 das „Gelbe Trikot“ (frz. maillot jaune) für den Gesamtführenden der Tour eingeführt, damit die Zuschauer den Spitzenreiter besser erkennen konnten. Bartali war für seine Fairness im Sport, seine große Menschlichkeit und sein Bekenntnis zum katholischen Glauben bekannt – was ihm in Italien den Beinamen „il Pio – der Fromme“ eintrug. „Mein Vater hat seine Religiosität nie versteckt“, betonte sein Sohn Andrea. Der Sportler betete vor und nach einer Fahrt. Oft erhielten die Blumen, die er bei der Siegerehrung bekam, nicht seine zahlreichen Fans, sondern er legte sie einer Madonnenstatue zu Füßen. In den Jahren 1943 und 1944 hatte Gino Bartali zur Rettung von 800 Juden beigetragen; von der Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ in Israel wurde ihm in Dankbarkeit für sein Tun der Titel eines „Gerechten unter den Völkern“ verliehen.

Von Pius XII., Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli, 1958-1963) und Paul VI. (Giovanni Battista Montini, 1963-1978) ist bekannt, dass sie in der Zeitung und am Radio- beziehungsweise Fernsehapparat die „Tour de France“ eifrig mitverfolgten.

Mehr noch als der „Tour de France“ sahen sich die Päpste dem „Giro d?Italia“ verbunden. Am 26. Juni 1946 empfing Papst Pius XII. die Teilnehmer des ersten „Giro d?Italia“ nach dem Zweiten Weltkrieg im Damasushof des Apostolischen Palastes zu einer Audienz. Erstmals waren an diesem Tag Rennsportfahrer mit einem Oberhaupt der katholischen Kirche zusammengetroffen. Pius XII. sollte seinem überaus großen Interesse am Radsport treu bleiben. Mit einem Apostolischen Schreiben vom 3. Oktober 1949 benannte der Papst die Madonna von Ghisallo (Provinz Como) zur himmlischen Schutzpatronin der Radfahrer. Im Heiligen Jahr 1950 gewann ein Fahrer aus der Schweiz den „Giro d?Italia“. Es war das erste Mal, dass ein Nicht-Italiener das renommierte Radrennen für sich entschied. Der Züricher Hugo Koblet, ein Protestant calvinistischer Prägung, wurde am Tag nach seiner Ankunft in der Ewigen Stadt von Pius XII. in Audienz empfangen. Noch mehrfach in seinem Pontifikat empfing der Papst Radsportgruppen im Vatikan.

Auch der heilige Papst Johannes XXIII. interessierte sich lebhaft für den Radrennsport, obwohl er selber des Radfahrens nicht kundig war. Mit dem von Pius XII. hochgeschätzten Sportidol Gino Bartali traf der Papst bei einer Audienz .zusammen. Der Pontifex unterhielt sich ungewöhnlich lange mit Bartali. Der italienische Vorzeigesportler berichtete später, Johannes XXIII. habe im Scherz darum gebeten, ihm in den Vatikanischen Gärten das Radfahren beizubringen. Als am 3. Juni 1963 die Teilnehmer des „Giro d?Italia“ in Treviso vom Tode des Papstes erfuhren, brachte Franco Balaminon, der Träger der „maglia rosa“ (beim Giro kennzeichnete ein rosa Hemd den Gesamtführenden), an seinem Trikot ein schwarzes Trauerband an.

Im Fotoarchiv des „Osservatore Romano“, der Zeitung des Papstes, können Bilder von einem sportlichen Großereignis im Vatikan eingesehen werden. Am 16. Mai 1974 startete vom Damasushof des Apostolischen Palastes aus der 57. „Giro d?Italia“. Fotografien bezeugen einen ungewöhnlich gelösten und fröhlichen seligen Paul VI., der mit einer Flagge den Startschuss zu dem berühmten Rennen auf den Straßen Italiens – und des Vatikans – gab. Weitere Bilder zeigen den Papst im angeregten Gespräch mit Rennsportlegenden wie Eddy Merckx und Felice Gimondi.

Beim Heiligtum der Muttergottes von Ghisallo am Comersee entstand im 2006 ein „Museo del Ciclismo“. Das Radfahrmuseum weist eine beachtliche Anzahl von Rädern, „Rosa Trikots“, Medaillen und Trophäen auf, die ihm von Teilnehmern am „Giro d?Italia“ zum Geschenk gemacht worden sind. Den Abschlussstein des Museums hatte Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger, 2005-2013) im Vatikan gesegnet. Nur kurze Zeit nach seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche nahm Papst Franziskus in der Casa di Santa Marta die Weihe des „Rosa Trikots“ des „Giro d?Italia“ von 2013 vor.

Zwar haben Bürger des Vatikanstaates bisher weder an der „Tour de France“ noch am „Giro d?Italia“ teilgenommen, dennoch versucht der Kirchenstaat auf zwei Rädern sportlich aktiv zu sein. Denn auch das päpstliche Gendarmeriekorps und die vatikanische Feuerwehr verfügen seit dem Jahr 2007 über eine gemeinsame „sezione ciclistica“ (Radsport-Sektion) mit den Top-Fahrer – Federico Pieri und Carlo Albanesi.

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