Die Not hinter aller Not

Paul Josef Nardini – dieser Name ist ein Dreiklang: ein Dreiklang für Pfarrer – Sozialapostel – Ordensgründer. Der selige Paul Josef Nardini war aus Berufung und Leidenschaft mit Leib und Seele Priester, Seelsorger, Pfarrer. Als Dekan von Pirmasens hat er im Auftrag von Bischof Weis am 26. Juli, am Annatag 1858 die Annakapelle in Niederschlettenbach geweiht. Als Dekan war er auch zuständig für die Pfarrei Bundenthal. In den nur elf Jahren, die ihm bis zu seinem frühen Tod mit knapp vierzigeinhalb Jahren am 27. Januar 1862 vergönnt waren, machte er aus einer toten Pfarrei eine lebendige Gemeinde. Wie er das anstellte, auf welchen Wegen und mit welchen Methoden er dies erreichte – das ist gerade auch heute Vorbild und Inspiration. Denn unsere Pfarreien sind zwar nicht tot, aber sie sind erneuerungsbedürftig. Sie haben zu wenig Profil, Kraft und Ausstrahlung.

Mit derselben Leidenschaft wie der selige Nardini Pfarrer war, war er auch Sozialapostel und Sozialreformer. Er wusste: Leib und Seele gehören zusammen. Deshalb gehören auch Seelsorge und Leibsorge zusammen – wie die zwei Seiten einer Medaille. Nardini wollte Vernachlässigten Lebensperspektiven geben Die soziale, die umfassende leibliche Not war in der Pfarrei Nardinis nicht weniger groß als die religiöse. Kinder hatten keine Eltern, weil diese an Typhus gestorben waren. Viele Kinder hatten keine häusliche Erziehung, weil die Mütter die selbst hergestellten Schuhe auswärts verkaufen mussten. Manche hatten kein geordnetes Zuhause, besuchten keine Schule, bettelten auf der Straße. Viele Alte und Kranke blieben unversorgt, starben ohne Beistand.

Viele Schwierigkeiten und unsägliche Widerstände

Nardini hatte schlaflose Nächte. Zugleich mit seiner aufreibenden strikt seelsorglichen Tätigkeit baute er gegen viele Widerstände und unter unsäglichen Schwierigkeiten ein großartiges Sozialwerk auf: um akute Not zu beheben, aber auch um den Vernachlässigten Lebensperspektive zu geben und um langfristig auch die religiösen und sozialen Rahmenbedingungen zu verbessern. Mit Hilfe seiner Schwestern wurden Kranke und Sterbende betreut, bekamen Kinder leibliche Versorgung, schulische Ausbildung und Glaubensförderung.

Er baute ein Kinderheim, das nicht nur ein Versorgungsheim, sondern ein Erziehungsheim war. Er eröffnete auch ein kleines Studienseminar für begabte Jungen aus armen Familien: acht von ihnen wurden Priester, sechs Lehrer, einer Arzt, einer Gewerberat, einer Zollbeamter, einer Bürgermeister von Zweibrücken und Abgeordneter im deutschen Reichstag. Nicht nur augenblickliche Not beheben, sondern Hilfe mit Langzeitwirkung, nachhaltige Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe unter geänderten, gesellschaftlichen Bedingungen: Das war seine Grundvision, seine Grundoption. Sein Sozialwerk konnte Nardini nur deshalb auf- und ausbauen, weil er einen eigenen sozialapostolischen Frauenorden gründete. Bei seinem Tod zählte er bereits 220 Schwestern in 36 Niederlassungen. Diesem seinem Orden gab er einen Namen, auf den ich die besondere Aufmerksamkeit lenken möchte. Er nannte seine Schwesternschaft: „Arme Franziskanerinnen von der heiligen Familie“.

Am 16. Januar 1855 schreibt er aus Pirmasens an seinen Bischof Nikolaus von Weis in Speyer: „Wir wollen unsere Kongregation unter den Schutz der heiligen Familie stellen, weil sie selbst eine heilige Familie bilden soll und weil sie die Heiligung der Familien besonders durch Kranken- und Armenpflege und Kindererziehung zu ihrem heiligen Zweck hat. Das tut ja unserer Zeit allein not. Haben wir unsere Familien wieder regeneriert, dann geht ja alles gut.“

Als ich das zum ersten Mal las, war dies für mich eine Entdeckung. Nardini war zutiefst überzeugt: Die eigentliche Not, die eigentliche soziale und religiöse Not, die Not hinter allen Nöten, die Not, in der alle anderen Nöte wurzeln, heißt Familiennot, ist die Not der Familie: „Haben wir unsere Familien wieder regeneriert, dann geht ja alles gut.“ Für die soziale, sittliche und religiöse Bedeutung der Familie war Nardini von Kindheit an sensibilisiert. Er war unehelich. Er war mit seiner 24-jährigen Mutter im Haus seines Großvaters, dessen Frau das siebte Kind erwartete, unerwünscht und ausgesprochen lästig. Erst als ihn seine Tante, die Schwester seines Großvaters, in ihre Familie aufnahm, erlebte er Liebe, Elternsorge und eine gute Erziehung: kulturelle und religiöse Sozialisation.

„Das tut ja unserer Zeit allein not. Haben wir unsere Familien wieder regeneriert, dann geht ja alles gut.“ Diese Worte Nardinis sind heute bei uns noch viel akuter als zu seiner Zeit. Nur in Stichworten kann ich darauf hinweisen. Der Familiennotstand geht bei uns heute so weit, dass man oft gar nicht mehr weiß, ja nicht mehr wissen will, was Familie ist, ja, dass man die Familie für verzichtbar hält und – bis in die Gesetzgebung hinein – meint, sie abschaffen zu können. Zu allererst gilt es deshalb, einen unzureichenden und falschen Familienbegriff zu entlarven und zu korrigieren. Familie ist nicht einfach „dort, wo Kinder sind“ oder „wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen“, wie oft – bis in den Bundestag hinein – gesagt wird.

Das lehrt nicht nur die Kirche, das steht im Grundgesetz

Familie im vollen Sinn, im eigentlichen Sinn ist vielmehr dort, wo ein Mann und eine Frau eine Ehe, also eine auf Dauer, auf Lebensdauer angelegte Lebensgemeinschaft eingehen, eine Lebensgemeinschaft, die offen ist für Kinder, für Kinder, die angenommen und erzogen, also sozialisiert, religiös beheimatet, kultiviert, humanisiert werden – mit Hilfe von Gesellschaft und Staat. Genau das lehrt nicht nur die katholische Kirche (zum Beispiel in der Enzyklika Familiaris Consortio von Johannes Paul II. 1981), sondern genau dies steht im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. In Artikel 6 wird dort gesagt: „1. Ehe und Familie (sie werden zusammen, in einem Atemzug genannt, gehören also zusammen!) – Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. 2. „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche (also nicht vom Staat, sondern von Gott gegebene) Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. 3. Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.“

Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? In der Familiendiskussion und Familienpolitik spielt Ehe so gut wie keine Rolle. Familie und Ehe sind wie entkoppelt. Als moralisch harmlos werden angesehen: Ehebruch, Ehescheidung, Verzicht auf Ehe, Ablehnung der Ehe durch eheähnliches Zusammenleben, das Wort Ehe wird ersetzt durch Partnerschaft. Lebensabschnittspartnerschaften als sukzessive Polygamie werden praktiziert. Gefordert wird: Gleichstellung homosexueller Verbindungen mit der Ehe, einschließlich Adoptionsrecht. Kinder werden abgelehnt durch grundsätzliche Empfängnisverhütung und, was natürlich viel schwerer wiegt: ihre Beseitigung, ihre Tötung durch die so genannte Pille danach, durch Abtreibung, die vom Staat beziehungsweise von der Krankenkasse bezahlt wird – als wäre Schwangerschaft, Mutterschaft eine Krankheit.

Erst kürzlich las ich in einer großen Tageszeitung: „Immer wieder bekommen Frauen, bei denen gerade eine Schwangerschaft festgestellt wurde, als Erstes vom Arzt die Frage zu hören: ,Wollen Sie das Kind behalten?‘“ Ein Selektionsautomatismus bei pränataler Diagnostik setzt sich durch. Kinder werden technisch in der Retorte gezeugt; sogenannte überzählige Embryonen werden eingefroren. So genannte Mehrlingsschwangerschaften werden durch Tötung von eingepflanzten Embryonen reduziert. Embryonen, also Kinder in ihrem ersten Entwicklungsstadium, werden getötet, um mit ihren Stammzellen forschen zu können: verbrauchende Embryonenforschung – welch ein Unwort.

So werden Kinder seelisch beschädigt und familienunfähig

Geborene Kinder werden ohne Religion oder überhaupt nicht erzogen. Wenn sie außerhäuslich fremdbetreut werden in Kinderkrippen oder Ganztags-Kindergärten, dann werden die Mütter, die ihr Kind zu Hause erziehen und wenigstens zeitweise auf außerhäusliche Berufsausübung verzichten, finanziell benachteiligt, vielleicht noch mit einer sogenannten Herdprämie (welche Diskriminierung der Mutter!) abgespeist.

Kinder bekommen durch ausfallende oder durch falsche Sexualaufklärung und Sexualerziehung, vor allem aber durch Pornografie ein falsches Verständnis von menschlicher Geschlechtlichkeit, weil die Geschlechtlichkeit nicht mit Liebe, Treue, Opferbereitschaft, mit Ehe und Familie zusammen gesehen wird. Dadurch werden sie seelisch beschädigt, eventuell sogar ehe- und familienunfähig. Man kann nur tief erschüttert sein, wenn man immer wieder liest von im Elternhaus verwahrlosten, misshandelten, verhungerten, zu Tode gequälten Kindern.

Gerade erst wurden drei staatliche Initiativen gegen Vernachlässigung von Kindern vorgelegt: – das Nationale Zentrum für frühe Hilfen durch die Bundes-Familienministerin, – ein Gesetz zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohles durch die Bundes-Justizministerin, – der Plan eines flächendeckenden Frühwarnsystems für misshandelte und benachteiligte Kleinkinder durch die Familienministerin von Rheinland-Pfalz. Diese Maßnahmen sind Symptome für einen Familiennotstand in nicht wenigen Fällen, der dem Familiennotstand im Wirkungsbereich Nardinis in nichts nachsteht.

„Die Zukunft der Menschheit geht über die Familie“

Ich will hier abbrechen. Nachdrücklich möchte ich betonen, dass die Klagepunkte, die ich angeschnitten habe, nicht das Allgemeinbild und den Regelfall in unserer Gesellschaft darstellen. Gottlob! Sie sind aber auch nicht die Ausnahme. Der selige Nardini treibt uns an, uns mit allen Mitteln einzusetzen, dass Fehlentwicklungen und Missstände im Bereich Ehe und Familie gesehen, offen zur Sprache gebracht, verhindert und überwunden werden; dass wir uns persönlich um gute, um christliche Ehen und Familien mühen – um des Menschen willen – um einer menschlichen Zukunft willen. Papst Johannes Paul II. schreibt in seiner Familienenzyklika Familiaris Consortio 1981 (Nr. 85): „Die Erfahrung zeigt, dass die Zivilisation der Völker vor allem durch die Qualität ihrer Familien bestimmt wurde. Die Kirche weiß: Die Zukunft der Menschheit geht über die Familie.“

Dafür öffnet uns der selige Paul Josef Nardini die Augen. Man nennt ihn zu Recht: Vater der Armen, Vater der Kinder. Man kann und soll ihn auch nennen: „Vater der Familien“. Durch sein Vorbild und durch seine Fürsprache bei Gott helfe er uns, Förderer der Familie, Kämpfer für die Familie zu sein. Für die wahre Familie. Für die christliche Familie. Das ist ein Glaubenszeugnis, das heute, wie kaum jemals zuvor, gefordert ist.

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