Die neue Ideologie des Bösen

Die Gender-Strategen lassen einfach nicht locker: Immer wieder neue Berichte einzelner Abgeordneter gelangen ins Europäische Parlament, um die neomarxistische Gleichmachungs-Agenda in Gesellschaft und Politik zu verbreiten. Das christlich-jüdische Werte- und Menschenbild wird dadurch auf dramatische Weise bedroht. Von Professor Werner Münch
Foto: dpa | Der belgische EU-Politiker Marc Tarabella (Parti Socialiste).
Foto: dpa | Der belgische EU-Politiker Marc Tarabella (Parti Socialiste).

Zehn Jahre sind vergangen, seit der große Europäer und Weltbürger, der heilige Papst Johannes Paul II., vor dem Aufkommen einer neuen Ideologie des Bösen warnte. In seinem persönlichen Vermächtnis, dem Buch „Erinnerung und Identität“, prangerte der Pole nach den negativen Erfahrungen des Dritten Reiches und des Kommunismus die „legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen“ an und kam zu einer erschütternden Einsicht: „...diesmal handelt es sich um eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaften und der gesamten Menschheit beruft. Und auch an anderen schweren Formen der Verletzung des Gesetzes fehlt es nicht. Ich denke z. B. an den starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht.“ Seine Warnung: „Es ist zulässig und sogar geboten, sich zu fragen, ob nicht hier – vielleicht heimtückischer und verhohlener – wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen.“

Mit Blick auf den kommenden Montag, an dem im Europäischen Parlament der Bericht des belgischen Sozialisten Marc Tarabella über die „Gleichstellung von Frauen und Männern in der EU“ zur Debatte und einen Tag später zur Abstimmung steht (siehe dazu auch Interview auf der Seite 1), muss man konstatieren: Johannes Paul II. hat Recht behalten. Die neue Ideologie des Bösen ist nicht nur in der Gesellschaft inzwischen weit verbreitet, beispielsweise in den Konzepten für Kindergärten sowie in den Lehrplänen von Schulen und Universitäten; sie hat sich auch in das Europäische Parlament, was sich schon in den letzten Jahren abgezeichnet hat, sowie in verschiedenen nationalen Parlamenten, Regierungen, Verwaltungen und der Justiz schleichend und fest eingenistet. Denn in der kommenden Woche geht es in diesem Parlament nicht um die harmlos klingende Verwirklichung der „Gleichstellung“ zwischen Mann und Frau. Tatsächlich geht es bei dieser Abstimmung über diesen Bericht, der bereits im zuständigen „Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter“ verabschiedet worden ist, um ein verschleiertes Abtreibungsplädoyer. Abtreibung wird, wie bereits aus früheren Berichten dieses Parlaments bekannt, mit dem harmlos erscheinenden Begriff „sexuelle und reproduktive Gesundheit“ verschleiert. Abtreibung soll in allen EU-Staaten zum Menschenrecht erklärt werden. Dabei interessieren die Parlamentarier weder die in zahlreichen EU-Mitgliedstaaten entgegenstehenden nationalen Gesetze noch die Tatsache, dass die EU in dieser Frage keinerlei Kompetenzen hat.

Gleichzeitig wird mit der Forderung, Abtreibung zum Menschenrecht zu erklären, die Aufforderung verbunden, die Vergabe von Finanzmitteln der EU an Entwicklungsländer mit der generellen Freigabe der Abtreibung in diesen Ländern zu verknüpfen. In Einzelfällen ist eine solche Mittelvergabe, beispielsweise an große Abtreibungsorganisationen, unter dem irreführenden Begriff der „reproduktiven Gesundheit“ im übrigen schon jetzt gängige Praxis der EU. Wer die Denkweise der Abgeordneten dieses Parlaments kennt, der ist auch nicht verwundert, dass weitere Forderungen in diesem Bericht die Eingliederung aller Frauen in den Arbeitsprozess, die Fremdbetreuung der eigenen Kleinkinder und die stärkere Einbindung der Männer in Haushaltsarbeiten verlangt werden.

Schon im Juni steht ein weiterer Bericht der bayerischen Sozialistin Maria Noichl zur Diskussion im Parlament über die „Strategie der EU für die Gleichstellung von Frauen und Männern nach 2015“ mit denselben zentralen Forderungen. Es ist nicht das erste Mal, dass auf diesem Weg versucht wird, ein Netz der Perversion über den Bürgern Europas auszubreiten. Erinnern wir uns. Auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi 1985 wurde der Begriff „Gender Mainstreaming“ zum ersten Mal diskutiert, zehn Jahre später auf der Folgekonferenz in Peking 1995 weiterentwickelt und mit einem „Aktionsprogramm“ von 189 Staaten unterzeichnet. Darin waren fünf Ziele formuliert, deren Implementierung in den Folgejahren höchste Priorität hatten und immer noch haben. Sie lauteten:

Erstens: „In der Welt braucht es weniger Menschen und mehr sexuelle Vergnügungen. Es braucht de Abschaffung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Abschaffung der Vollzeit-Mütter. Zweitens: Da mehr sexuelles Vergnügen zu mehr Kindern führen kann, braucht es freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung für alle und Förderung homosexuellen Verhaltens, da es dabei nicht zur Empfängnis kommt. Drittens: In der Welt braucht es einen Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche, der zu sexuellem Experimentieren ermutigt; es braucht die Abschaffung der Rechte der Eltern über ihre Kinder. Viertens: Die Welt braucht eine 50/50-Männer/Frauen-Quotenregelung für alle Arbeits- und Lebensbereiche. Alle Frauen müssen zu möglichst allen Zeiten einer Erwerbsarbeit nachgehen. Fünfstens: Religionen, die diese Agenda nicht mitmachen, müssen der Lächerlichkeit preisgegeben werden“ (Dale O'Leary, Autorin des Buches „The Gender Agenda“; sie war selbst Teilnehmerin in Peking ).

Zwei Jahre nach dieser Konferenz erhob die EU im Amsterdamer Vertrag, der 1999 in Kraft trat, Gender Mainstreaming zu einer verbindlichen Aufgabe für alle ihre Mitgliedstaaten. Die deutsche Bundesregierung erklärte 1999 durch Kabinettsbeschluss, ohne Debatte und Abstimmung im Bundestag, Gender Mainstreaming „zum Leitprinzip und zur Querschnittsaufgabe der Politik“ und gründete 2003 ein „Gender-Kompetenz-Zentrum“ an der Humboldt-Universität in Berlin.

Schon in der letzten Wahlperiode veranstaltete das Europäische Parlament mehrfach Debatten über dieses Thema. Der „Höhepunkt“ war 2013 der Bericht der portugiesischen Sozialistin Edita Estrela, in dem unter anderem die Abtreibung als Menschenrecht, auch für Minderjährige ohne Zustimmung der Eltern, ein verpflichtender Sexualkunde-Unterricht in der Schule ab der ersten Klasse, Werbung für Homosexualität bei Jugendlichen, die Abschaffung der Gewissensfreiheit für medizinisches- und Pflege-Personal – also beispielsweise das Verbot der Weigerung, an der Durchführung von Abtreibungen mitzuwirken – sowie eine Bestandsgarantie und nachhaltige Sicherung der Finanzierung aus Steuermitteln für Abtreibungsorganisationen gefordert wurden. Erst in einer zweiten Abstimmung wurde dieser Bericht im Dezember 2013 im Plenum des Parlaments nach heftigsten Kontroversen mit der denkbar knappen Mehrheit von 334:327 Stimmen abgelehnt. Auch damals folgte, so wie jetzt, bald danach der nächste Bericht (der österreichischen Grünen Ulrike Lunacek) mit denselben Themen.

Wenn man die ideologischen und geistigen Hintergründe der Gender-Bewegung verstehen will, müsste man bis ins 19. Jahrhundert zu Karl Marx und Friedrich Engels zurückgehen, die im „Kommunistischen Manifest“ die Frauenfrage zur Klassenfrage umgedeutet haben, und zusätzlich die Personen und Institutionen erwähnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dazu gehört vor allem auch die feministische Leitidee der französischen Philosophin Simone de Beauvoir, die 1947 ohne irgendeinen wissenschaftlichen Beweis erklärt hatte: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“ (Gabriele Kuby spannt zur Frage der Entwicklung vom Feminismus über den Radikalfeminismus bis zum Gender-Mainstreaming einen eindrucksvollen historischen Bogen in ihrem lesenswerten Buch „Die globale sexuelle Revolution“).

Es geht also zu Beginn der kommenden Woche im Europäischen Parlament nicht nur um „Gleichstellung“, so schwammig und manipulativ dieser Begriff auch ist. Tatsächlich geht es für uns Christen um den Schutz der Menschenrechte vor einer weiteren Manipulation. Es geht um die Zukunftsfähigkeit Europas, um den Schutz der Kinder und Familien. Es geht darum, den Vormarsch der Gender-Ideologie, diese Expansion des Irrsinns aufzuhalten, was vor allem christdemokratische Abgeordnete vor Augen haben sollten. Denn: Gerade als Christen tragen wir eine große Verantwortung bei diesem brutalen Kulturkampf des 21. Jahrhunderts, der keine Kompromisse zulässt und im Totalitarismus enden könnte.

Nach einem christlich-jüdischen Grundsatz besitzen Mann und Frau die gleiche Menschlichkeit, die gleiche Personalität. Zwischen ihnen gibt es keine formale Gleichheit, wie sie die Sozialisten immer wieder beschwören, sondern eine personale Gleichwertigkeit, weil beider Würde in Gott und nicht in einer Naturkraft oder Sippe begründet ist. Gott hat den Menschen „nach seinem Bild als Mann und Frau geschaffen“ (Gen. 1, 27). „Die Genesis zeichnet Mann und Frau, gerade weil sie zwei sind, als von Gott kommend, mit seiner Verwandtschaft geschmückt...“. Jeder ist vorrangig Person, mehr als biologisch Frau und biologisch Mann (siehe dazu auch Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz in ihrem Buch „Frau – Männin – Menschin“, S. 192 – 209, bes. S. 198f.). Deshalb nehmen beide den Auftrag ihres Schöpfergottes in gleicher Weise ernst: „Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert die Erde und macht sie euch untertan“ (Gen. 1, 28).

Und erinnern wir uns: Nicht nur der heilige Papst Johannes Paul II. hat eindringlich vor diesem Kulturverfall und dieser Manipulation gewarnt. Auch Papst Benedikt XVI. hat immer wieder darauf verwiesen, dass der Mensch als „Ebenbild des Schöpfers“ zu betrachten ist, und dass es eine „Ökologie des Menschen“ gibt, das heißt, auch der Mensch hat eine Natur, „die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“ (siehe seine Rede vor der UN-Vollversammlung in New York 2008 und seine Ansprache im Deutschen Bundestag in Berlin im September 2011 während seines Deutschland-Besuches). Schon in seinem 1991 erschienenen Buch „Wendezeit für Europa?“ hatte er als Kardinal darauf hingewiesen, dass ein Staat, der nach dem Prinzip Gerechtigkeit konstituiert wurde, „Schöpfer und Schöpfung als Orientierungspunkte“ einschließen muss, weil „ein grundsätzlich Gott gegenüber agnostischer Staat, der Recht nur noch auf Mehrheitsmeinungen aufbaut, von innen her zur Räuberbande absinkt“ (Joseph Kardinal Ratzinger in seinem Buch „Wendezeit für Europa?“, S. 95 f.). Und Papst Franziskus hat unmissverständlich erklärt: „Die Gender-Ideologie ist dämonisch“ (Ansprache beim Ad-Limina-Besuch der österreichischen Bischöfe Ende 2014).

Das sind klare Worte, die deutlich machen: Es geht Christen nicht darum, Menschen mit homosexuellen Neigungen zu verdammen oder zu verurteilen! Auch sie besitzen als Menschen und Geschöpfe Gottes eine unveräußerliche Würde. Sie sind allerdings wie heterosexuelle Menschen auch dazu aufgerufen, ein Leben in Einklang mit dem Naturgesetz und den Geboten Gottes zu leben. Und jedes ungeborene Kind hat genauso wie jeder behinderte Mensch ein Recht auf Leben, weshalb es niemals ein Menschenrecht auf Tötung geben darf. Diese Gesetze auszuhebeln, die das Lebensrecht und die Würde des Menschen im Kern betreffen, würde, wie uns die Geschichte mehrfach gezeigt hat, zu katastrophalen Folgen führen. Dies darf nicht geschehen, deshalb müssen wir uns wehren, denn mit dem Ausruhen in der Schweigespirale würden wir Schuld auf uns laden.

Der Autor ist Politikwissenschaftler. Er war von 1984 bis zur Deutschen Einheit 1990 Mitglied des Europäischen Parlaments, danach Minister der Finanzen und Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

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