Die Muse des Königs

Poesie und Glaubenskrisen verdichten sich im Werk der französischen Dichterin Marie Noël. Von Regina Einig
Marie Noël, französische Lyrikerin
Foto: IN | Mit Gedichten, Stock und elegantem Schal unterwegs im irdischen Jammertal: die französische Lyrikerin Marie Noël (1883–1967).

Alle geistlichen Wege ähneln sich am Anfang: Jemand ruft, und ein anderer hört zu und antwortet. Die 1883 geborene Tochter des Gymnasiallehrers Rouget erkennt schon früh ihre dichterische Berufung, als der Vater ihr Homers Odyssee im Original vorliest und übersetzt. In Illias Einleitung des ersten Gesanges „Sage mir Muse die Taten des vielgewanderten Mannes“ klingt das Leitmotiv ihres Werks an. Es reift mit den Jahren im christlichen Glauben aus zum Leiden an einer metaphysischen Unruhe wegen des scheinbar abwesenden Gottes. Die Muse des Königs erwacht in der burgundischen Kleinstadt Auxerre und schlägt eine andere Richtung ein als es der ungläubige Vater ahnt. Vorerst trägt das Kind seiner Puppe selbstverfasste Verse vor und lässt sich von der Großmutter im katholischen Glauben unterweisen. Für Alleingänge ist die hochsensible Marie nicht geschaffen. Lebenslang sei sie „das zahmste aller Haustiere gewesen, ein Vieh, ein Kettenhund“, schreibt sie rückblickend. Literatur und Musik lassen sie die bürgerliche Enge vergessen: Neben lateinischen und griechischen Klassikern liest sie Descartes, Chateaubriand, Hugo, Dickens, Montaigne, Dante, Shakespeare, Goethe, El Cid – und spielt Klavier. Doch der Ruf des Königs bleibt in ihr lebendig. Thomas a Kempis „Nachfolge Christi“ wird Maries Schlüssellektüre. „Mit der Nachfolge Christi habe ich lieben gelernt“, gesteht sie später. Der Geliebte flößt der Zwölfjährigen Mut ein: In der Kathedrale von Auxerre legt sie in einem unbeobachteten Augenblick ihren Kopf auf einen Seitenaltar und bittet Christus, sie zur Braut zu nehmen.

Doch Maries Plan, in den Karmel einzutreten, scheitert. Der plötzliche Tod ihres Bruders in der Weihnachtsoktav 1904 überschattet die Familie. Den Schock über den morgens tot im Bett gefundenen Eugene verarbeitet sie literarisch. Mit ihrem Pseudonym Noël (deutsch: Weihnachten) und dem „Offizium für ein totes Kind“ setzt Marie dem Bruder ein literarisches Denkmal.

Im Trauerhaus Rouget wird dem linkischen Mädchen allerdings „nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als einem erloschenen Zündholz“, erinnert sie sich in ihren autobiografischen Aufzeichnungen. Marie verwaltet mehrere Mietshäuser im Familienbesitz, besucht täglich das heilige Messopfer, dichtet und betreut die kranke Mutter.

Vor dem Krieg quält sie die Angst, verdammt zu sein

Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gerät sie eine schwere Glaubenskrise. Namenlose Ängste und die Vorstellung, verdammt zu sein, quälen sie. In ihrem geistlichen Tagebuch beschreibt sie die „Hölle“ einer dreitägigen Seelenfinsternis, in der „Gott in mir zusammenstürzt wie ein Wolkenschloss“. Zur Ruhe kommt sie erst, als sie in ihrer Angst das Kreuz küsst. Doch die Pforten zur Hölle scheinen von diesem Zeitpunkt an offen. Sieben Jahre später bricht der innere Sturm erneut los. Die Muse wird endgültig zur Leidensgefährtin des Gekreuzigten. Rückblickend resümiert sie, der Abstieg in das Verlies ihrer Seelenburg sei notwendig gewesen, „um heimzukehren, mit menschlichem Schicksal belastet, statt allzeit rein und eingelullt in meinem Garten zu bleiben, wo das Kreuz mich beschützte“. Das Unbedingte Ja zu Gottes Willen wird die Leuchtspur durch die Finsternis, in der sie sich taub und erblindet fühlt für Gut und Böse, Wahr und Falsch. Leiden festigt den inneren Frieden, denn Gott hat „für mich gewählt“. Für die fragile Dichterin bleibt „der Frieden der Seele ein harter Krieg“. Während des ersten Weltkriegs überwirft sich Marie mit ihrem Patenonkel Raphael, der sie zuvor stets zum Schreiben ermutigt hatte. Dem überzeugten Pazifisten wird die patriotische Nichte schlicht unerträglich. Sein Rat, sie solle das Dichten lassen, weil der vielversprechende Anfang getäuscht habe, verletzt Marie tief. Mit der Leidenschaft Jeanne d'Arcs sorgt sie sich um Frankreich, und erwirkt bei der römischen Indexkongregation eine Dispens, um die Werke Victor Hugos lesen zu dürfen. Doch das Blatt wendet sich überraschend durch ihren Briefwechsel mit Abbé Arthur Mugnier, Künstlerseelsorger und Beichtvater von J.K. Huysmans. Er wird ihr Seelenführer und intellektueller Förderer. 1920 erscheint Maries erster Gedichtband: „Die Lieder und die Stunden“, 1930 die Lyrikbände „Lieder der Danksagung“ und „Rosenkranz der Freuden“. Beide werden von der Kritik gelobt. Auf Abbé Mugniers Anregung führt sie ein geistliches Tagebuch, „um sich selbst zu helfen“.

Die Dichterin wird zur Chronistin ihrer Glaubenskrise und „klammert sich an die verstreuten Trümmer ihres Glaubens“. Die auch in deutscher Übersetzung erschienenen „Erfahrungen mit Gott“ berichten von mystisch getönter Seelennot. Inmitten einer äußerlich intakten bürgerlichen Existenz fühlt sich die Dichterin der „schwarzen Erfahrung der Finsternisse“ ausgeliefert. Ärztliche Hilfe lindert ihre schweren Depressionen, doch der Lebensnerv ist unheilbar getroffen. Marie Noëls Zusammenbruch hat dekadente Züge: Sie kennt „die große Not, dauernd gefüllt, satt zu sein“, aber im Seelenkerker verdunstet jeder menschliche Trost: „Die Freundschaft, die Teilnahme, die manche mir bezeugten; ich sah sie sich auflösen wie ein Spiel flüchtiger Wolken der Herzen. Ich litt schon an ihrer Unbeständigkeit, an dem Vergessen meiner Freunde, wenn ihr Mitgefühl noch sprach.“ Buchstäbliche Gottesfurcht ergreift sie: „Gott ist ein schrecklich Anderer“ hält sie in ihrem Tagebuch fest und ringt mit Suizidgedanken. „Sich selbst töten? Man würde sich nicht genug töten. Man würde seine Seele nicht töten“, Die Anerkenntnis der eigenen Ohnmacht eröffnet ihr eine Perspektive im Glauben: „Nichts mehr ist da, um die Seele vor sich selbst zu retten, nur das Warten bleibt noch – in Geduld, auf die Gnade Gottes.“

Schon die Zeitgenossen erkennen den zeitdokumentarischen Wert dieses Werks. Mit wenigen Zeilen fängt Marie Noël die Atmosphäre im Frankreich der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Ihre „Aufzeichnungen“ enthalten meisterliche Skizzen wie „Der Landpfarrer“ und das „Gebet des Kranken für seine Ärzte“. Psychologisches Einfühlungsvermögen paaren sich mit ausgeprägter Beobachtungsgabe. Ihre Gedichte schwelgen bald in Lokalkolorit, bald behandeln sie existenzielle Erschütterungen: Was zu den Kirchenfesten auf einen bürgerlichen Tisch kommt, wie die ländliche Bevölkerung im Rhythmus des Kirchenjahres und der Jahreszeiten lebte und was der Krieg in den Seelen anrichtete – bei Marie Noël verdichtet sich Lyrik zum Sittengemälde. Eine Belgienreise schlägt einen europäischen Funken in ihrem Denken. Sie begeistert sich für das Nachbarland und dessen Monarchie. 1959 lädt General de Gaulle die unerschütterliche Patriotin während eines Besuchs in Burgund zu einer Begegnung im Rathaus von Auxerre ein. Während die Kritik sie schon als Frankreichs neue Marceline Desbordes-Valmore feiert, zieht sich Marie Noël zurück. Nur die Kathedrale von Auxerre und die Armen in der Pfarrei sucht sie regelmäßig auf. Am 23. Dezember 1967 stirbt Marie Noël in gelassener Erwartung: „Was du dir verweigerst, dein Gott gibt es dir.“

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Veronika Wetzel
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