Die Landesgeschichte auf Wände gemalt

Formensprache der Volkskunst – Vor hundert Jahren begann die mexikanische Revolution und hatte großen Einfluss auf die Kunst

Das Jahr 1910 markiert einen politischen und zugleich kulturellen Wendepunkt in der Entwicklung Mexikos: Unter Führung des Großgrundbesitzers und liberalen Politikers Francisco Madero formierte sich die Opposition gegen die Wiederwahl des Diktators Porfirio Díaz bei den Präsidentschaftswahlen 1910. Diese „Anti-Díaz-Bewegung“ wurde zur Initialzündung für eine weitergehende politisch-soziale Umbruchbewegung in Mexiko.

Christliche Ikonographie

Das Revolutionsjahr 1910 ist im kollektiven Gedächtnis des Landes verwurzelt als eigentlicher Beginn der mexikanischen Moderne. Die vorausgegangene mehr als dreißigjährige Regierungszeit von General Porfirio Díaz wird hingegen erinnert als eine Phase zwar radikaler technischer und wirtschaftlicher Modernisierung, zugleich aber auch als eine Zeit gesellschaftlich-politischer Stagnation, sogar weitgehender geistiger Erstarrung. Dem Sturz des Diktators folgten sieben Jahre fortdauernder innerer Kämpfe und im Jahr 1917 die Proklamierung einer neuen Verfassung.

Das Revolutionsjahr 1910 hatte entscheidenden Einfluss auch auf die Entwicklung der Kunst in den Jahrzehnten danach. Die „nach-revolutionäre“ Kunst Mexikos, insbesondere in den zwanziger und dreißiger und bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wird allgemein unter dem Schlagwort „Mexicanidad“ zusammengefasst. Diese bezeichnet ein erstarkendes nationales Selbstwertgefühl, die Suche nach den kulturellen Wurzeln Mexikos. Sie fand ihren Ausdruck besonders in der Malerei jener Jahrzehnte.

An erster Stelle innerhalb dieser Kunstentwicklung steht das Malerehepaar Frida Kahlo (1907 bis 1954) und Diego Rivera (1886 bis 1857). Sie gelten als das wohl berühmteste Ehepaar in der Kunstgeschichte weltweit. Ihre teilweise turbulente Beziehung bot mehrfach Stoff für Literatur und Verfilmungen. Dahinter aber stand eine sehr tiefe emotionale Bindung und nicht zuletzt eine – wechselseitige – künstlerische Wertschätzung. Einem Kritiker schrieb Rivera einmal über seine Frau: „Ich empfehle Sie Ihnen nicht, weil ich ihr Ehemann, sondern weil ich ein fanatischer Bewunderer ihres Werkes bin.“ Diese Bewunderung brachte umgekehrt auch Frida Kahlo ihrem Mann entgegen. Der Respekt vor der Arbeit des anderen als Ausdruck seines je eigenes Denkens, je eigenen Blicks auf die Welt verband die Eheleute durch alle Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens.

Welche Bedeutung die mexikanische Revolution in Frida Kahlos Bewusstsein hatte, demonstrierte die Malerin durch falsche Angabe ihres Geburtsjahrs: Sie beharrte darauf, 1910 geboren zu sein, dass also ihr eigenes Leben mit dem Anbruch der neuen Ära in der Geschichte ihres Landes begonnen habe. In Wahrheit wurde Frida Kahlo 1907 in Coyocán, Mexiko-Stadt, geboren.

Künstlerisch war Frida Kahlo zunächst von europäischen Traditionen beeinflusst, mit Renaissance-Malern wie Boticelli vertraut, erhielt aber auch Prägungen durch die Begegnung mit dem französischen Surrealismus etwa eines Andre Breton. Diese europäischen Einflüsse sind vor allem in der frühen Phase ihres Schaffens erkennbar.

Zunehmend aber entdeckte die Malerin Farben- und Formensprache der mexikanischen Volkskunst als befruchtend für ihr Werk, integrierte in ihre Bilder Elemente sowohl der prähispanischen Kultur als auch der christlichen Ikonographie Mexikos. Mehr und mehr löste sich Frida Kahlo von ihren europäischen Vorbildern, entwickelte einen sehr spezifischen, expressiven Stil. Ihr Werk ist geprägt von einer radikalen Subjektivität, die ein Nachwirken der Surrealisten sichtbar werden lässt. Ein großer Teil ihrer Bilder sind Selbstbildnisse, in denen sich Frida Kahlo mit eigenem Schmerz – Kinderlosigkeit, Ehekrisen, Krankheit, langandauernder körperlicher Verfall – auseinandersetzt. Immer wieder aber nimmt sie auch gesellschaftliche Themen auf, baut Szenen aus der mexikanischen Alltagswelt in ihre Werke ein.

Frida Kahlos tiefe Verbundenheit mit ihrem Land kommt zum Ausdruck durch das von ihr häufig aufgegriffene Motiv der mexikanischen Fahne. Aber auch Elemente der Natur, aus der üppigen Pflanzen- und Tierwelt Mexikos, fließen in Frida Kahlos Werke mit ein. Den Stolz auf die eigene Kultur und Tradition demonstrierte die Malerin auch äußerlich: Sie trat gern in indianischer Tracht auf, mit hochgesteckten und mit farbigen Bändern durchflochtenen Haaren – und so stellt sie sich auch meist in ihren zahlreichen Selbstporträts dar.

Frida Kahlos Ehemann, Diego Rivera, ging einen nur teilweise vergleichbaren künstlerischen Weg. Sein Werk hat einen deutlich sozialkritischeren, stärker politischen Akzent. Auch Rivera orientierte sich zunächst an Entwicklungen in der europäischen Kunst, etwa am Kubismus – den er später verwarf – und studierte bei einer Italienreise ausführlich die dortige Freskenmalerei. Dort empfing er die wohl nachhaltigsten Impulse für seine spätere Entwicklung.

Diego Rivera ist der bis heute berühmteste und auch bedeutendste Vertreter des mexikanischen „muralismo“. Dieser Begriff – im Deutschen wird er einfach übersetzt mit „Muralismus“ – bezeichnet allgemein die Wandmalerei im öffentlichen Raum. Diese besondere Kunstform entstand in Mexiko in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – als Folge der Revolution von 1910. Gegen Ende der 1940er Jahre entwickelte sich der „muralismo“ immer mehr zur mexikanischen Nationalkunst. Diego Rivera bildete zusammen mit seinen Künstlerkollegen José Clemente Orosco (1883 bis 1949) und David Alfaro Siqueiros (1896 bis 1874) ein „Dreigestirn“. Als „Los Tres Grandes“, „Die großen Drei“ unter den muralistas, sind sie in die Geschichte der modernen Kunst Mexikos eingegangen.

Murales allgemein sind Wandmalereien mit historischen, nationalen und sozialkritischen Inhalten, zumeist in Fresco-Technik gemalt. Als Impulsgeber dieser Kunstrichtung gilt der damalige Erziehungsminister José Vasconcelos. Kunst wurde in den Jahren nach der Revolution staatlich gefördert: Die Regierung vergab Aufträge an Gruppen von Künstlern mit dem Ziel, durch die großen, oft monumentalen Wandbilder an prestigeträchtigen öffentlichen Gebäuden der Bevölkerung die Geschichte des Landes näherzubringen.

Im Nationalpalast von Mexiko-Stadt sind bis heute Diego Riveras monumentale Wandgemälde zu besichtigen, in denen er die Geschichte Mexikos vom Aztekenreich über die Eroberung des Landes durch die Spanier, durch die Kolonialzeit bis in die Gegenwart nacherzählte und zugleich auch die sozialen Konflikte des Landes, den Kampf des Volkes um Gerechtigkeit schilderte.

Erinnerungen an die Aufstände

Der in Guadalajara geborene Orosco hinterließ vor allem dort bedeutende Werke: etwa die dräuende, vorwärtsstürmende Gestalt des Freiheitskämpfers Hidalgo im Regierungspalast von Guadalajara oder die Darstellung des „Hombre en Fuego“, des „Menschen im Feuer“ in der Kuppel im „Hospicio Cabaòas“, einem ehemaligen katholischen Waisenhaus. Der Dritte der „Tres Grandes“, Siqueiros, schuf mit dem futuristisch anmutenden „Marsch der Menschheit“ im Polyforum Siqueiros in Mexiko-Stadt das bis heute größte Gemälde der Welt. Weniger bekannt ist der aus Guanajuato im Westen Mexikos stammende Maler José Chávez Morado (1909 bis 2002). In seiner Heimatstadt war er am Aufbau eines Geschichtsmuseums in einem ehemaligen Kornspeicher, dem heutigen Museo Ahóndiga, beteiligt. Noch heute beeindrucken den Besucher, der das Treppenhaus des Museums betritt, die Wandgemälde Morados, in denen dieser den Freiheitskampf des mexikanischen Volkes verewigte.

Das Jahr 1910 als Beginn der mexikanischen Moderne hat sich tief ins kollektive Gedächtnis Mexikos eingeprägt. Synonyme für das Aufbegehren gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit sind die Revolutionsführer Emiliano Zapata und Pancho Villa. Beiden sind bis heute viele künstlerische Darstellungen gewidmet. Pancho Villas ehemaliges Wohnhaus in der nördlichen Stadt Chihuahua, ist heute ein Revolutionsmuseum, in dem alle Erinnerungsstücke an den 1923 ermordeten Revolutionär sorgfältig verwaltet werden. Und im Flur der „Quinta Luz“ lacht Pancho Villa, hoch zu Ross, von der Wand – gemalt von einem unbekannten Künstler im Stil der muralistas.

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