„Die Kunst ist die höchste Form der Hoffnung“

„Kunst ist Sinngebung, Sinngestaltung, gleich Gottsuche und Religion“: Heute feiert der Maler Gerhard Richter seinen achtzigsten Geburtstag. Von Natalie Nordio
Foto: IN | „Motorboot“ (1965), ein frühes Gemälde von Gerhard Richter.
Foto: IN | „Motorboot“ (1965), ein frühes Gemälde von Gerhard Richter.

Nicht erst seit der Gestaltung des Fensters in der Südquerhausfassade des Kölner Doms in den Jahren 2006 und 2007 ist Gerhard Richter so gut wie jedem ein Begriff. Seit dem Jahr 1964, in dem Richter seine erste Einzelausstellung in München hatte, also schon ein knappes halbes Jahrhundert lang, überrascht er mit seinen Werken immer wieder aufs Neue und ist aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken. Seine Werke erzielen bei Auktionen Höchstpreise, was ihm inzwischen den Titel des „teuersten lebenden Malers Deutschlands“ eingebracht hat.

Seine prägenden Kindheitsjahre verbrachte der in Dresden geborene Künstler in dem kleinen Ort Waltersdorf an der tschechischen Grenze, wohin die Familie umsiedelte, als er zehn Jahre alt war, um dort auf dem Land vor den Gefahren, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, Schutz zu suchen. Richters Mutter Hildegard, Buchverkäuferin und eine sehr gute Klavierspielerin, weckte in ihrem Sohn schon früh das Interesse an Musik und literarischen Werken von Nietzsche, Goethe oder Schiller, die für ihn neben kleinen Kunstbüchern, die hier und da zu finden waren, zu einer ersten Inspirationsquelle wurden. Als Sechzehnjähriger verbrachte er eine Woche in einem von den Sowjets organisierten Ferienlager und fühlte sich dort, des gesprochenen Dialekts nicht mächtig, mehr denn je als Außenseiter. Hier suchte er zum ersten Mal die Malerei als Ausdrucksmittel für seinen Gefühlszustand, den er in einem Aquarell festhielt. Eifersüchtig und wütend war er beim Beobachten der anderen gewesen, die fröhlich in der Gruppe gemeinsam tanzten und Spaß hatten. So beschreibt sich der Künstler später selbst.

Nach einer kurzen Zeit am Theater, in der Richter sich der Bühnenbildmalerei widmete, begann er seine künstlerische Ausbildung. Nach einem ersten Fehlversuch 1950 ging er ein Jahr später in seiner Geburtsstadt an die Hochschule der Bildenden Künste in Dresden. Es folgten verschiedene Arbeiten, meist Staatsaufträge der DDR, bis er sich 1961 zur Flucht in die Bundesrepublik entschloss. Die bis dahin geschaffenen Werke zerstörte er zum größten Teil vor seiner Flucht selbst, andere in öffentlichen Gebäuden wurden kurzerhand übermalt. Sein Studium setzte Richter zum Wintersemester in der Klasse von Ferdinand Macketanz an der Kunstakademie Düsseldorf fort. In den folgenden Jahren widmete er sich neben zahllosen Ausstellungsprojekten oft gemeinsam mit seinem Malerfreund Konrad Lueg auch der Lehre, so etwa als Gastdozent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg oder später als Gastprofessor in Halifax.

Gerhard Richters Werke einer Kunstform oder gar -strömung zuzuordnen, ist ein Vorhaben, das zum Scheitern verurteilt ist. Zu viele Aspekte und Einflüsse vermischt er in seinen Werken. Für ihn selbst ist „die Kunst die höchste Form der Hoffnung“.

Anfang der sechziger Jahre begann er zum ersten Mal, Fotografien als Vorlage für seine Gemälde zu nutzen. Doch anders als beim zeitgenössischen Fotorealismus übertrug Richter nicht die Vorlage eins zu eins auf die Leinwand, sondern pickte sich einzelne Details der Vorlage heraus, die er abmalte, vergrößerte und schließlich in einer Abstufung unterschiedlicher Grau- und Weißtöne auf die Leinwand brachte. Zudem ging er dazu über, die Konturen und Umrisslinien zu verwischen. So entstand eine Umschärfe im Bild, als würde man durch Milchglas blicken. „Sich ein Bild machen, eine Anschauung haben, macht uns zu Menschen – Kunst ist Sinngebung, Sinngestaltung, gleich Gottsuche und Religion“, so schreibt er Anfang der sechziger Jahre in seinen Notizen. Jeder Mensch kann ein und denselben Gegenstand auf verschiedene Weise betrachten, zu einer neuen Anschauung der Dinge gelangen und ihm einen neuen Sinn verleihen. Richter erklärt in diesem Zitat selbst am besten die Diskontinuität seiner Kunst: Viele Anschauungen ergeben zahllose Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst – warum sich also an einer festklammern? Zwar ist es nicht abzustreiten, dass die Nutzung der Fotografie als Vorlage sicherlich von der in den sechziger Jahren richtunggebenden Kunstform Pop-Art angeregt wurde. Doch zeigte der weitere Schaffensprozess und Umgang mit der Fotografie, wie weit Richter mit seinen Werken von der Pop-Art oder dem Fotorealismus entfernt war. Bereits früh, parallel zu den Fotografieabmalungen, entdeckte er das Bearbeiten von Glas für sich. Nur eine von vielen seiner Ausdrucksformen, die bekanntlich im Domfenster in Köln ihren Höhepunkt erreichte. Hierbei zählt für ihn besonders die unterschiedliche Wirkungsweise der farbigen Glasplatten im Zusammenspiel mit Licht und Schatten.

Neben den Grau-Weiß-Bildern und den Glas-Arbeiten stellen die expressiv farbigen, abstrakten Gemälde ab den achtziger und neunziger Jahren einen Großteil seines Werkes dar. Lange Furchen, die sich meist über die Oberfläche dieser Gemälde ziehen und teilweise in einem zweiten Schritt wieder übermalt wurden, paaren sich erneut mit der bereits in seinen frühen Werken eingesetzten Technik der Verwischung, die, so Richter selbst, dazu beiträgt, „das Bild unangreifbar zu machen, entrückter, verschleierter“, und gleichzeitig unendliche Anschauungsperspektiven abbildet.

Bereits zu seinem siebzigsten Geburtstag ehrte das Museum of Modern Art in New York das Schaffen Gerhard Richters mit mehr als zweihundert gezeigten Kunstwerken – der bis dahin größten dort jemals gezeigten Ausstellung für einen lebenden Künstler. Und auch zu seinem achtzigsten Geburtstag wird Gerhard Richter, der heute höchstbezahlte Maler, allein in Deutschland mit gleich zwei Ausstellungen geehrt. In Dresden werden seit Anfang Februar in Zusammenarbeit mit dem Lehnbachhaus München unter dem Titel „Atlas“ Fotomotive aus Richters Archiv ausgestellt, die ihm als Bildvorlage für seine Kunst gedient hatten. Berlin dagegen bietet Interessierten in der neuen National Galerie eine Retrospektive mit Namen „Panorama“, die mehr als 140 seiner Gemälde zeigt.

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