Die Kulissen der Menschenfabrik

Am Saarbrücker Staatstheater wird geschüttelt und gerührt: Felicia Zellers Farce „Wunsch und Wunder“ über die Hybris der künstlichen Befruchtung. Von Björn Hayer
Foto: Bettina Stöß | Die Natur im Hintergrund der Bühne dient nur der Erinnerung, längst herrschen maschinelle und chemische Verfahren der Zeugung.
Foto: Bettina Stöß | Die Natur im Hintergrund der Bühne dient nur der Erinnerung, längst herrschen maschinelle und chemische Verfahren der Zeugung.

In der „Kinderwunschpraxis Wunschkinder“ ist alles möglich: Nicht nur verzweifelten Eltern soll mittels künstlicher Befruchtung irgendwann das Glück eines gemeinsamen Kindes zuteil werden, das gut gebildet, hübsch und Everybody’s Darling sein wird. Auch die Ärzte und Inhaber nutzen den Raum für Ihre Zwecke: Der eitle Leiter und Sonnengott in Weiß Dr. med. Bernd Flause hat zum Unwissen der behandelten Frauen schon mehr als dreihundert Kinder „mitgezeugt“.

Um den Enkelwunsch der eigenen Mutter zu befriedigen, kommt auch dem alleinstehenden Diplombiologen Dr. Stefan Schimmerle seine Stellung als Laborant gerade recht. Denn wen wird es schon stören, die eigene Spermaprobe im Tausch gegen die des Wunschvaters einer zu befruchtenden Frau einzusetzen? In Felicia Zellers neuem Stück „Wunsch und Wunder“ geht es drunter und drüber. Munter wird bei der In-vitro-Fertilisation drauflosbefruchtet. Natürlich stets nach Kundenwunsch. Nur das intelligenteste und beste Traumkind kann dem gesellschaftlichen Anspruch auf Perfektion gerecht werden. Was nach nett gemeinter Paarunterstützung klingt, entlarvt die Autorin als Ideologie der Menschenoptimierung, welche das Wunder der natürlichen Geburt entzaubert. Man wird einer grotesken Menschenfabrik gewahr, errichtet auf menschlichen Schöpfungsfantasien und der Schimäre harmonischer Elternschaft. Es mag daher kaum überraschen, dass sich Regisseur Markus Lobbes in der Uraufführung der Komödie am Staatstheater Saarbrücken vor allem auf Motive des Märchenwaldes stützt: In einem Rondell der Bühnengestaltung von Wolf Gutjahr fächern sich mehrere symmetrisch aufgebaute und durch Türen verbundene Zimmer auf. Während Dr. Flause (Andreas Anke) im inneren Raum mit verschiedenen Materialien hin und wieder an einer monströsen Menschenpuppe herumbastelt, zeichnen die mit uniformen Waldpostern beklebten Wände zum Zuschauerraum das Bild einer wohligen Yoga-Atmosphäre.

Doch die Natur ist nur Fassade, eine mythische Übermalung einer fragwürdigen Ideologie zur Optimierung des Menschen. Weder die Kulisse noch die karikaturenhaften Figuren sind in jener Welt, wo Kinder nach Maßgabe gefertigt werden, wirklich echt. Mal huscht das Personal etwa mit einer Froschkönigmaske über die Bühne, ein andermal rupft Dr. Schimmerle (Roman Konieczny) Schminktücher aus einer Wandbox, die als symbolisches Sperma den Praxisboden eindecken und später von der sich verzweifelt nach eigenem Nachwuchs sehnenden Medizinerin Dr. med. Betty Bauer (Gertrud Kohl) hoffnungsvoll aufgesammelt werden. Derweil erklingt noch munter das Eiermann-Lied, zu dem es insbesondere Dr. Flause beliebt, seine „göttlichen“ Operationen vorzunehmen.

Dass der Abend gelingt, verdankt sich allen voran diesem mit aller Scharfzüngigkeit aufgeladenen Slapstick. Auf diese Weise entschlackt der Regisseur den leider zu wenig akzentuierten Text. Hinzu kommt: Obgleich Zellers satirische Partitur, die ihre Figuren von Einsamkeit, gescheiterten Lebensentwürfen wie von Hybris und übersteigertem Fortschrittsglauben gleichermaßen erzählen lässt, erwartungsgemäß von eloquenter Radikalität durchdrungen ist, mag er nicht der beste aus ihrer Feder sein. Was die Sprachkritik und die Ausstellung entleerter Politik- und Moralphrasen anbetrifft, fällt er qualitativ hinter „X Freunde“ (2012) oder die gefeierte Persiflage auf Werbewirtschaft und New Economy „Die Welt von hinten wie von vorne“ (2013) zurück.

Trotzdem zieht der durch seine Hörspielinterpretation von „Kaspar Häuser Meer“ (2009) bestens mit Zellers Ästhetik vertraute Lobbes alle Register und präsentiert die holzschnittartigen Figuren mit all ihren Abstrusitäten und Sehnsüchten als Gefangene ihrer Projektionen. Es gibt keinen Raum außerhalb des sich selbst drehenden Rondells. Auch die stets auf sie gerichtete Kamera, welche die Bilder auf einen oberhalb der Bühne schwebenden Fadenschleier bannt, lässt keinen Freiraum. Es gibt ausschließlich die Verdopplung, die Reproduktion in Zeichen, Bild und embryonaler Verpflanzung. Das Wahre, die Natur, wurde längst durch maschinelle und chemische Verfahren ersetzt. Der Mensch ist sein eigener Gott geworden. Was Flause und Partner vermeintlich zu schöpfen vermögen, ist jedoch keine wahre Natur, sondern einzig und allein Verblendung. Nachdem zuletzt ein nacktes Adam- und Eva-Pärchen das Parkett betritt, klingt die Aufführung mit Ozzy Osbournes „Dreamer“ aus. Aber zum Träumen ist dieses großartig-gallige Theater wirklich nicht, das sehr wohl um die Tragweite einer noch nicht ausgestandenen gesellschaftlichen Debatte weiß.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann