Die Krise und der Konvertit

Szene Eins: Apostelgeschichte, Kapitel Sieben. In einer flammenden Rede fordert Stephanus die jüdischen Hohepriester und das Volk von Jerusalem auf, sich zum auferstandenen Christus zu bekehren. „Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. (...) Saulus aber war mit dem Mord einverstanden.“

Szene Zwei: Apostelgeschichte, Kapitel Neun: Aus dem jungen, mit dem Mord einverstandenen Mann ist mittlerweile ein gnadenloser Christenjäger geworden. Auf dem Weg nach Damaskus wird Saulus von Christus persönlich mit einem „Licht vom Himmel“ geblendet und auf der Stelle bekehrt. Von nun an wird er ein Arbeiter im Weinberg des Herrn.

Szene Drei: Apostelgeschichte, Kapitel 15. Unter den Aposteln kommt es in Sachen Heidenmission zu einem heftigen Streit. „Wenn ihr euch nicht nach dem Brauch des Mose beschneiden lasst, könnt ihr nicht gerettet werden.“ So sagen die einen. Paulus ist entschieden anderer Meinung. Er besteht darauf, dass es für Heiden genügt, sich taufen zu lassen. In Jerusalem, auf dem ersten Konzil der Kirchengeschichte, wird diese Streitfrage vor allem durch das Votum des Petrus im paulinischen Sinne entschieden. Der Mann Saulus/Paulus hat sich also durchgesetzt und kann zum großen Völkerapostel werden.

„Für Konvertiten ist völlig klar: Die katholische Kirche ist kein weltlicher Verein und keine politische Partei. Die Kirche Christi hat sein Vermächtnis getreulich und unverkürzt durch alle Zeiten zu tragen“

In diesen drei Szenen sind alle wesentlichen Elemente enthalten, die einen Konvertiten ausmachen. Er ist erstens ein radikaler Charakter, steht zweitens zunächst vehement und leidenschaftlich auf der falschen Seite, wird drittens von Christus in einem heftigen, unvergesslichen Akt im Wortsinne umgedreht, hat viertens gerade deswegen ein hohes Sündenbewusstsein und kann fünftens seinen neugewonnenen Glauben nicht für sich behalten. Zur Konversion allerdings gehört auch, dass sich der Charakter des Bekehrten nicht wirklich ändert. Kurz gesagt: Einmal radikal, immer radikal.

Auch aus diesem Grunde sind Konvertiten in der katholischen Kirche nicht besonders beliebt. Ihnen eilt der Ruf voraus, päpstlicher als der Papst zu sein. Damit stören sie solche Gemeinden, denen es eher ums gemeinsame Wohlfühlen und Harmonie um jeden Preis geht – oder um die sogenannte progressive Weltoffenheit, mit der man hofft, sich „draußen“ Liebkind zu machen.

Konversionen pflegen bereits erwachsene Menschen zu ereilen. Also solche, die nicht katholisch getauft worden sind, die keine Erstkommunion und keine Firmung hinter sich haben, und die auch nicht wissen, was eine Fronleichnamsprozession oder eine Marienwallfahrt ist. Darum müssen diese Neulinge alles zunächst einmal mit ihrem Verstande erfassen, was ihnen nicht von Kindesbeinen an vertraut gemacht worden ist. Deshalb stecken sie während der Heiligen Messe ihre Nase tief in den „Schott“, lesen stapelweise theologische Bücher und lassen sich ihre tausend Fragen zwar auch gerne vom zuständigen Pfarrer beantworten, aber noch lieber vom Katechismus der Katholischen Kirche.

Allein das schon macht sie für die in den Glauben „hineingeborenen“ Katholiken suspekt. Als „Alteingesessener“ schätzt man es naturgemäß nicht, von „Zugezogenen“ belehrt zu werden. Aber gerade im Belehren sind Konvertiten ganz groß. Wenn also der Priester einer „weltoffenen“ Gemeinde „der Ökumene wegen“ im Vaterunsergebet den Embolismus weglässt und bei der Taufe die Absage an den Satan als Verursacher des Bösen, wenn er im Hochgebet „fabuliert“, dann legt der Konvertit seinen Finger in die Wunde und fragt: warum?

Damit stößt er auf Widerstand. Denn wozu soll man sich das Leben in scheinbar friedlichen Zeiten – beispielsweise solchen, in denen der kirchensteuereintreibende Staat wohlwollend seine Hand über die deutschen Bischöfe hält, die sich im Gegenzug auf vielfältige Weise staatstragend geben – mit einem nervenden Konvertiten schwer machen? Wenn sogar die Bild-Zeitung titelt „Wir sind Papst“, ist dann nicht alles in bester Ordnung? Also lässt man den lieben Gott im Himmel und den Heiligen Vater in Rom einen guten Mann sein und wischt die Fragen der konvertierten Nervensäge wie lästige Fliegen beiseite.

Was, wenn sich die Zeiten fundamental ändern? Was, wenn die römisch-katholische Kirche am Pranger steht, wenn Bischöfe von Statement zu Statement, von Talkshow zu Talkshow gehetzt werden, wenn sich sogar katholische Journalisten urplötzlich wie abgefeimte Jakobiner gebärden, wenn sich Atheisten im Boulevard in Triumphposen spreizen, wenn die Herren der Schlagzeilen versuchen, den Pontifex Maximus am Nasenring durch die Medienmanege zu ziehen, wenn Satiremagazine Priester zum Lustmolchgespött machen, wenn, in einem Satz gesagt, Matthäi am Letzten ist?

„Was Konvertiten nicht nur außer-, sondern auch innerkirchlich am meisten auffällt, ist das mangelnde oder oft sogar völlig verschwundene Sündenbewusstsein“

Ja, was dann? Kommt dann die dringend benötigte Hilfe von jenen „weltoffenen, kritischen und progressiven“ Diözesanräten und ZdK-Granden, die nun erst recht noch enger mit dem scheinkritischen Mainstream zusammenrücken und nicht müde werden, öffentlich die katholische Frauenordination, die Aufhebung des Zölibats als Allheilmittel aus ihren längst fadenscheinig gewordenen Reformwundertüten zu klauben? Also von Leuten, die von einer deutschen evangelischen katholischen Kirche träumen und nicht merken (wollen), dass das protestantische Original längst eine sozialdemokratisch orientierte Nichtregierungsorganisation geworden ist, auf dem die Medien nur deshalb nicht herumtrampeln, weil ihnen die inzwischen alles mögliche segnenden Protestanten im Grunde herzlich egal sind. Oder könnte die Hilfe von Priestern kommen, die bisher die Augen davor verschlossen haben, dass dreißig oder gar mehr Prozent der deutschen Sonntagskirchgänger das christliche Glaubensbekenntnis für einen Steinbruch halten, aus dem man nach Belieben das eine oder andere weglassen kann – beispielsweise die Auferstehung Christi?

Für Konvertiten, die das allmähliche Schwachwerden im Geiste der vergangenen rund vierzig Jahre nicht mitgemacht haben, ist völlig klar: Die katholische Kirche ist kein weltlicher Verein und keine politische Partei. Für sie steht außer Frage: Die Kirche Christi hat sein Vermächtnis getreulich und unverkürzt durch alle Zeiten zu tragen. Das ist der Grund, auf dem sie steht. Sie soll jedem einzelnen Menschen den endgültigen Weg in den Himmel weisen. Mit anderen Worten: Gerade für Konvertiten geht es um die alles entscheidende Frage, wie man nach dem Tod nicht in der Hölle landet. Genau deshalb sind sie ja – von wo auch immer – in die heilige katholische Kirche konvertiert. Das Rezept für die Höllenvermeidung ist einfach und klar. Jeder kann es verstehen. Christus hat gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Wer das für Mumpitz oder Drohbotschaft hält, wer meint, mit römisch-katholisch „light“ sei es auch schon getan: bitteschön. Wir leben in einem freien Land. Aber man soll doch nicht so tun, als ob das noch irgendetwas mit einem katholischen Glauben zu tun hat, dessen Konsequenzen Jesus im Evangelium nach Johannes so formuliert hat: „Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“

Was Konvertiten nicht nur außer-, sondern auch innerkirchlich am meisten auffällt, ist das mangelnde oder oft sogar völlig verschwundene Sündenbewusstsein. In einem jüngst veröffentlichen Leserbrief in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ meint ein promovierter Verfasser kühn, das „Grundübel“ der Kirche so auf den Punkt bringen zu können: „Auf der einen Seite die elitären Strukturen der Volkskirchen, die sich im Besitz der moralischen und göttlichen Kompetenz wähnen, auf der anderen Seite das ,sündige Volk‘, das aber inzwischen mündig geworden ist.“ In diesem Satz offenbart sich unfreiwillig manches, doch vor allem das ganze Elend der Pseudoaufklärung. Der Konvertit fragt sich, wie es mit dem Sündenbewusstsein all jener bestellt ist, die regelmäßig die Heilige Messe besuchen und ob möglicherweise dem abhanden gekommenen Sündenbewusstsein der Säkularen das verdunkelte der Katholiken vorausgegangen sein könnte.

„Der Konvertit ist papsttreu bis auf die Knochen. Exakt das ist sein ultramontanes Alleinstellungsmerkmal und unterscheidet ihn strikt von viel zu vielen antipäpstlichen deutschen Katholiken“

Papst Benedikt XVI. hat in diversen Verlautbarungen und Ansprachen, die an dramatischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, nicht allein die Neumission einer relativistischen, neopaganen westlichen Gesellschaft gefordert, sondern auch die einer Kirche, die vergessen hat, was wirklich römisch-katholisch ist. Konvertiten lesen päpstliche Sendschreiben nicht nur, sie begrüßen sie auch und verteidigen sie gegen ihre Kritiker. „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat.“ Dieses Christuswort ist ihr Panier.

Der Konvertit ist papsttreu bis auf die Knochen. Exakt das ist sein ultramontanes Alleinstellungsmerkmal und unterscheidet ihn strikt von viel zu vielen antipäpstlichen deutschen Katholiken, und er fragt sie wie Paulus in seinem Brief an die Korinther: „Habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen?“ Ob der Konvertit in der aktuellen Kirchenkrise zum schlechthinnigen Brückenbauer in eine glaubensfestere Zukunft werden kann, ist schwer zu sagen. Aber eine gewichtige Rolle wird ihm gewiss dabei zufallen. Wozu hätte der Heilige Geist ihn sonst zum Konvertiten gemacht?

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Stephan Baier