Die Krise der Väter

Die viel diskutierte und wenig verstandene demografische Krise Europas hat mit der Glaubenskrise zu tun. Benedikt XVI. zeigt, wie die Verunsicherung der Väter auch den Blick auf das Wesen Gottes verstellt. Von Stephan Baier
Foto: dpa | Wo sind nur unsere Väter?
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Zur demografischen Krise Europas und ihren geistigen Wurzeln hat sich Papst Benedikt XVI. bereits im zweiten Jahr seines Pontifikates hellsichtig geäußert. Bei der Generalaudienz am Mittwoch hat er nun einen häufig ignorierten, weil tabuisierten Aspekt dieser Krise ins Licht gehoben: „Vielleicht nimmt der Mensch von heute die Schönheit, die Größe und den tiefen Trost nicht wahr, die das Wort ,Vater‘ birgt. Die Figur des Vaters ist heute oft nicht präsent genug und wird im täglichen Leben auch nicht hinreichend positiv gesehen. Die Abwesenheit des Vaters, die Tatsache, dass ein Vater im Leben des Kindes nicht präsent ist, das ist ein großes Problem unserer Zeit – und dadurch wird es auch schwer, in seiner Tiefe zu verstehen, was es bedeutet, dass Gott für uns ein Vater ist.“

Wenn der Papst auf Schönheit, Größe und Trost rekurriert, dann meint er ganz offensichtlich nicht nur eine quantitative Dimension der „Abwesenheit des Vaters“. Auch ein viel beschäftigter Vater, der nicht ständig auf dem Fußboden des Kinderzimmers hockt, kann seinen Kindern diese Dimensionen des Väterlichen zeigen, auch wenn die Zeitdimension, die alltägliche Verfügbarkeit des Vaters für die Kinder nicht irrelevant und der kindliche Vorwurf „Du hast nie Zeit für mich!“ ein echtes Alarmsignal ist. Der Papst aber gräbt tiefer, und nur so ist seine Analogie zwischen der menschlichen Vaterschaft und der „Tiefe“ der Bedeutung, „dass Gott für uns ein Vater ist“, zu verstehen. Solange es nur um Quantität geht, ist das Problem der „Abwesenheit des Vaters“ eine Frage der Machbarkeit, die durch Reduktion oder tageszeitliche Verschiebung der Arbeitszeit, durch ein Mehr an Mobilität und Flexibilität, durch Ausweitung der Besuchsrechte bei Scheidungswaisen vielleicht zu managen ist. Wenn aber – und so dürfen wir Benedikt XVI. verstehen – die Abwesenheit des Vaters eine qualitative Dimension hat, entzieht sich das Problem purer Machbarkeit. Kein Zweifel, dass der Papst eben darauf zielte, sprach er doch davon, dass man am Evangelium sehen könne, „wie ein richtiger Vater ist“, denn: „Wir können hier erraten, was echte Vaterschaft bedeutet, und auch selbst das wahre Vatersein lernen.“

Als Mann und Frau geschaffen

Psychologen weisen mit Recht darauf hin, dass es heute eine Krise im Selbstverständnis des Mannes gibt. Am deutlichsten wird dies daran, dass in den je nach Mode und Temperament gewählten Identifikationsfiguren des Männlichen – von John Wayne bis Michael Jackson, von Daniel Craig bis Justin Bieber – eine Dimension keine Rolle spielt: Das Selbstverständnis des Mannes als Vater. Und dies, obwohl im Gegensatz zu allen anderen Rollen des Mannes – als Kollege, Freund, Kumpel, Vorbild, Chef, Geliebter, Konkurrent etc. – die Vaterrolle eine Exklusivität beinhaltet: Ein Kind kann viele Freunde und Kameraden haben, aber nur einen Vater. Wie kann es da sein, dass Väter sich bemühen, den Kumpel ihrer Söhne oder den Kameraden ihrer Töchter zu mimen, statt im Bewusstsein der Exklusivität ihrer Beziehung zum Sohn und zur Tochter ihre unverwechselbare, nicht austauschbare und auch unersetzliche Verantwortung wahrzunehmen?

Diese Frage ist mit dem Hinweis darauf, dass im Zeitalter teurer Sozialstaatlichkeit und überbordender staatlicher Reglementierung das Ideal persönlicher, nicht delegierbarer Verantwortung insgesamt nicht hoch im Kurs steht, nur anfanghaft, aber nicht ausreichend beantwortet. Auch der Verweis darauf, dass – erleichtert durch Verhütungs- und Abtreibungsmöglichkeiten – nicht nur viele Männer die Vaterschaft verweigern, sondern auch viele Frauen die Mutterschaft, erklärt nur manches. Heute ist offenkundig, dass der Feminismus nicht zu einer Stärkung des Weiblichen in der Frau geführt hat und noch weniger zu einer Stärkung des Mütterlichen in der Gesellschaft. Zu diskutieren wäre allerdings, ob er zu einer Verunsicherung und teilweise auch zu einer Feminisierung des Mannes beigetragen hat – und gerade dadurch den Mann an jener Stelle schwächte, wo er am männlichsten ist: in der Vaterschaft.

Die Gender-Ideologie, die wider alle Vernunft, Erfahrung und Neigung das je Eigene von Mann und Frau einzustampfen angetreten scheint, finalisiert offenbar nur, was ideologisch lange vorbereitet war. Immer skurrilere Blüten treiben die Definitionen sexueller Orientierungen, die von Politikern mit bewundernswertem bis lächerlichem Ernst vorgetragen werden. Es bleibt der postmoderne, sich ständig neu suchende und findende, entdeckende oder verfehlende Mensch, der sich heute als Frau und morgen als Mann, bald als hetero- oder als homo-, als bi-, tri- und metrosexuell definiert. Nichts widerspricht dieser Idee der Beliebigkeit und Machbarkeit des menschlichen Selbst fundamentaler als die Aussage der Bibel, dass Gott den Menschen „als Mann und Frau“ schuf (Genesis 1,27).

Eine befreiende Erkenntnis: Noch vor allem menschlichen Machen steht ein Gegebensein, ein großes und bedeutungsschweres Geschenktsein unserer Weiblichkeit oder Männlichkeit. Ihre Unverwechselbarkeit und Unaustauschbarkeit aber zeigt die Weiblichkeit in der Mutterschaft, die Männlichkeit in der Vaterschaft. Wer die Frau aus ihrer Mutterrolle zu befreien propagiert, attackiert tatsächlich das Intimste und Unverwechselbarste der Frau. Wer im Zeichen des Kampfes gegen den „Patriarchalismus“ die Vaterrolle des Mannes untergräbt, nimmt ihr den Partner für das, was Familie konstituieren kann. Die Weitergabe des Lebens braucht nämlich eine Verlässlichkeit und Beständigkeit, die nicht dadurch entstehen, dass wir in der Verunsicherung unseres Selbst täglich neu nach unserer Rolle als Frau oder Mann fahnden müssen. Kinder brauchen Mütter und Väter, die ihre Verantwortung wahrnehmen statt auf dem Ego-Trip zu wandeln.

Autorität, nicht Despotismus

Der nun schon seit Jahrhunderten angefeindete „Patriarchalismus“ fände seinen Sinn und seine Läuterung hier: im Prinzip der Verantwortung. Was ist Gott-Vater im Himmel, dem Heiligen Vater in Rom, dem guten Monarchen als Vater des Vaterlands und dem leiblichen Vater in der Familie gemeinsam? Im gelungenen Fall das Bewusstsein, dass sie ihre Vaterrolle nicht sich selbst verdanken, sondern übertragen bekamen. Wie aber jede Gabe Gottes mit einer Aufgabe des Menschen verbunden ist, so ist Vaterschaft mit Verantwortung verbunden – mit einer Rechenschaftspflichtigkeit gegenüber dem göttlichen Geber. Dieses Bewusstsein unterscheidet den väterlichen Monarchen vom Tyrannen, den Familienvater vom häuslichen Despoten.

Darum ist eine Renaissance irdischer Vaterschaft auch nur durch einen neuen Blick auf die Vaterschaft Gottes zu erreichen. Wie auch umgekehrt – und darauf spielte Papst Benedikt deutlich an – die ideologische Trübung der Vaterrolle und die Verunsicherung der Väter das verstellt, was Jesus uns zeigen will, wenn er von unserem Vater im Himmel spricht.

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