Die großen Emotionen der Neuen Sachlichkeit

Das spannungsreiche Leben der Menschen zwischen den Weltkriegen – „Menschliches, Allzumenschliches“ im Münchener Lenbachhaus. Von Alexander Riebel
Foto: Museum | Christliche Ikonographie: „Operation“, Christian Schad, Öl auf Leinwand, 1929 (Detail).
Foto: Museum | Christliche Ikonographie: „Operation“, Christian Schad, Öl auf Leinwand, 1929 (Detail).

War die Neue Sachlichkeit wirklich so sachlich? Die kühlen Blicke auf dem Bild „Operation“ (1929) von Christian Schad lässt das vermuten. Drei Ärzte und drei Schwestern sind an einer Blinddarmoperation beteiligt, alle blicken auf die Wunde. Doch die „Darstellung ist nur scheinbar emotionslos“, wie es in einem begleitenden Text der Ausstellung heißt, „sie erhält ihr Pathos durch Verweise auf die christliche Ikonographie: Der in extremer Verkürzung mit den Füßen zum Betrachter liegende Patient erinnert an Andrea Mantegnas ,Toten Christus‘ in der Mailänder Pinacoteca di Brera.“ Christliche Bildmotive waren mit der Neuen Sachlichkeit also durchaus vereinbar, zumal Schad, der mit keinem Werk als „entartet“ galt, 1942 sogar den Auftrag zu einer Kopie der Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald für die Stiftskirche St. Peter und Alexander in Aschaffenburg erhielt.

Bis 22. Juli stellt das Lenbachhaus in München Werke zu „Menschliches, Allzumenschliches – Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus“ aus. Der Titel „Menschliches, Allzumenschliches“ erinnert an Nietzsche, den der junge Maler Otto Dix gelesen hatte; die einzige Skulptur von Dix ist eine Nietzsche-Büste. Das Buch hatte den Untertitel „Ein Buch für freie Geister“; eine ganze Künstlergeneration zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fühlte sich hiervon angesprochen. Dennoch zeichnet sich besonders das späte Werk von Dix durch christliche Bezüge aus, so auch schon das ausgestellte Bild „Mutter mit Kind“ von 1923 mit Öl auf Sperrholz, das an Mariendarstellungen mit dem Jesuskind erinnert. Allerdings im Stil von Dix als Sozialkritik konzipiert, als Anprangerung der sozialen Missstände in der Weimarer Republik. Die Mutter könnte eine Arbeiterfrau sein, das Kind ist hübsch in leuchtendweißer Kleidung dargestellt, im Hintergrund eine rote Backsteinwand.

Die Ausstellung will zeigen, wie der Erste Weltkrieg die Sicht der Künstler auf die Menschen verändert hat. Neu war damals der Blick, der sich ganz auf den Menschen konzentrierte und damit von den formalen Experimenten Abstand nahm, die noch in der Avantgarde, im Kubismus sowie auch im Expressionismus vorgeherrscht hatten. An diese „Conditio Humana“ will auch das Lenbachhaus ausdrücklich mit seiner kürzlich vollendeten Neugestaltung anknüpfen. Es geht dabei um das Menschenbild der Künstler, bei dem die Analysen und Porträts des Einzelnen im Mittelpunkt stehen. Dabei unterscheiden sich die sozialkritischen Bilder vor 1933 von denjenigen, die mit der Kunstauffassung des Nationalsozialismus konform gehen. Zur Bildauswahl des Museums gehören auch lange nicht gezeigte Werke wie „Selbstbildnis mit ophthalmologischen Lehrmodellen“ um 1928/30 von Herbert Ploberger, einem der profiliertesten Maler der Neuen Sachlichkeit in den zwanziger Jahren.

Ploberger greift die künstlerische Problematik seiner Zeit auf und macht in seinem Bild das Sehen selbst zum Thema. In seinem Selbstbildnis scheint er sein eigenes Auge in einem vorgestellten Spiegel zu untersuchen; vor ihm liegen zwei anatomische Augenmodelle, wie sie im Medizinstudium gebraucht werden können. „Es entsteht eine surreale Vermischung von Mensch und Modell, Äußerem und Innerem“, heißt es im Begleittext. Die Bilder, so sachlich sie genannt werden mögen, zeigen doch eher die großen Spannungen in ihrer Zeit, in der die Menschen Zukunftsangst haben und noch vom Krieg desillusioniert sind. Zaghaft mischen sich auch Optimismus und Lebensfreude darunter, wie in dem Film „Menschen am Sonntag“ (1930). Halbdokumentarisch zeigt der Film Ausschnitte aus dem Leben junger Berliner Angestellter. Die Regisseure des beeindruckenden Kurzfilms, der auch auf Youtube zu sehen ist, haben ab den dreißiger Jahren in Hollywood Karriere gemacht; unter ihnen der bekannte Billy Wilder.

Auch die damals hereinbrechende Medienwelt ist Thema der Ausstellung. das Bild „Verblühender Frühling – Selbstbildnis als Radiobastler“ (1926) von Wilhelm Heise zeigt den Künstler mit seinem selbst gebastelten Radio zwischen Blumentöpfen und technischen Geräteteilen. Erst zwei Jahre vor dem Bild, 1924, wurden die ersten Radiosendungen ausgestrahlt, und wer Radio hören wollte, musste sich damals noch selber ein Gerät bauen. Die technische Welt wird in ihrer ganzen Aufdringlichkeit deutlich, wie sie damals schon vom Einzelnen Besitz ergreift. Hier erweist sich die angebliche Sachlichkeit der Kunstrichtung wieder als Klischee, auch wenn die Ausführung des Bildes nüchtern wirkt. Auch „Der Radiohörer“ (1930) von Max Radler beeindruckt wegen der Darstellung eines Radiohörenden auf engem Raum, der durch den Blick aus dem Fenster mit einer weiten Industrielandschaft und Strommasten verbunden ist. So gibt die kleine Schau spannungsreiche Einblicke in die Zwischenkriegszeit, die man sich bei einem Besuch in München nicht entgehen lassen sollte.

„Menschliches, Allzumenschliches – Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus“, Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstraße 33, 80333 München, geöffnet bis 31. Dezember, Di. – So., 10 – 21 Uhr, Mo. geschlossen, EUR 12,–, freier Eintritt unter 18 Jahren. Informationen unter www.lenbachhaus.de, kein Katalog.

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