Die großen Antworten des Lebens

Moderne Literaturen Südosteuropas waren das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Von Matthias Jacob
Foto: Jacob | Autoren aus Albanien, Bulgarien und Rumänien im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse über die aktuelle Situation in diesen Ländern und die Rolle der Literatur heute.
Foto: Jacob | Autoren aus Albanien, Bulgarien und Rumänien im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse über die aktuelle Situation in diesen Ländern und die Rolle der Literatur heute.

Die Leipziger Buchmesse hat sich zum Treffpunkt verschiedener Kulturen und Literaturen aus Ost und West entwickelt. Neben dem diesjährigen Programmschwerpunkt – der Literatur aus Polen, Ukraine und Weißrussland – gab es diesmal einen einzigartigen Überblick über südosteuropäische Literaturen: Über 56 Autorinnen und Autoren aus elf Staaten des Südostens traten mit Lesungen auf und sprachen über den Buchmarkt ihrer Länder.

Die südosteuropäischen Literaturen sind so verschieden wie die politische Situation der jeweiligen Länder. Weil die ungarische Gesellschaft derzeit eine starke ideologische Polarisierung erfährt, teilen sich die Schriftsteller Ungarns in zwei entgegengesetzte Lager: Zwischen extrem konservativen und radikal linksliberalen Autoren findet kaum ein Dialog statt. Deshalb hört man in Ungarn: „Die Liberalen wissen nicht, wo sie leben und die Konservativen nicht, wann sie leben.“ Ein ähnlicher Riss geht durch die Literaturlandschaft Mazedoniens. Das Land erhielt vor zehn Jahren den Kandidatenstatus bei der Europäischen Gemeinschaft. Doch seitdem stagniert das Land und verliert sich im Namensstreit mit Griechenland und in der Rückbesinnung auf einstige nationale Größe. In den meisten Ländern Südosteuropas beförderte gerade das Zusammenspiel von Politik und Literatur den Zusammenbruch des Kommunismus: Die rumänische Revolution 1989 wurde von Literaten getragen. Später trat das gesellschaftliche Engagement in der rumänischen Literatur in den Hintergrund und das Interesse am Buch ist stark zurückgegangen. Auch in der bulgarischen Gegenwartsliteratur nimmt sozialkritische Prosa nur einen geringen Platz ein. Um die „großen Antworten des Lebens“ zu finden, müsse man heute vor allem die richtigen Fragen stellen, meint der Prosautor Vasil Georgiev (geb. 1975).

In Albanien sind noch heute viele Politiker zugleich Schriftsteller. Politik ist in der Belletristik präsent, aber neuerdings versucht der Staat, die Kultur wieder für seine Zwecke zu vereinnahmen. Seit den 90er Jahren hat hier das Interesse an Literatur stark nachgelassen. Bücher haben nur Erfolg, wenn sie in Massenmedien präsentiert werden. Auch in Albanien muss sich das gedruckte Wort neben dem Internet behaupten.

Die leidvolle Geschichte der Region ist zentrales Thema der Literaturen des Südostens. Die slowenische Autorin Maja Haderlap (geb. 1961) widmet sich in ihrem Roman „Engel des Vergessens“ (2011) dem Schicksal der Kärntner Slowenen im Zweiten Weltkrieg. Der in Belgrad lebende Prosaautor Sr'an Srdiæ (geb. 1977) beschäftigt sich mit der Vertreibung der Deutschen aus Serbien, andere Schriftsteller greifen die unmittelbare Zeitgeschichte auf. In Ländern des ehemaligen Jugoslawien thematisieren Autoren den Zerfall des Vielvölkerstaats, die Kriege und ihre Folgen. Für den bosnischen Dichter Faruk Šehiæ (geb. 1970) sind die traumatischen Erlebnisse während der Belagerung Sarajevos heute noch präsent. In seinem Gedicht „Kriegsspiel“ heißt es: „auf dem höchsten Turm/ der Altstadt/ hat der Heckenschütze/ seinen Bau.“ Bei der Frage nach den Gründen für die unsäglichen Grausamkeiten gewinnen nationale Mythen besondere Aufmerksamkeit. Der serbische Kulturanthropologe Ivan Èoloviæ (geb. 1938) kritisiert in seinem Buch „Kulturterror auf dem Balkan“ (fibre Verlag 2011) die Vereinnahmung von Literatur für politische Zwecke: in den Balkanländern – und speziell in Serbien – berge der patriotisch aufgeladene Kulturdiskurs und der Mythos eines „geistigen Kulturraums der Nation“ ein verhängnisvolles Gewaltpotenzial.

Die politischen Konflikte, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nöte der Transitionsländer spiegeln sich in ihrer Belletristik: Die ungarische Schriftstellerin Edina Szvoren (geb. 1974) schreibt über die Armen, Traurigen und Diskriminierten am Rande der neokapitalistischen Gesellschaft. Der Kroate Robert Perišiæ (geb. 1929) zeichnet in dem Roman „Unser Mann vor Ort“ (Leykam Verlag, 2011) ein sarkastisches Bild des heutigen Kroatiens, in dem Karrierestreben, Geldsucht und Korruption herrschen und sich orientierungslose Menschen der Macht der Medien und der Drogen hingeben.

Viele südosteuropäische Schriftsteller lassen ihre Protagonisten von einem Leben in einem anderen Land träumen, doch meist erfüllt sich die Suche nach dem Glück im Ausland nicht. Philosophische Reflexionen sind eher selten. Dennoch gibt es Bücher, die existenzielle oder metaphysische Themen aufgreifen: Die Kroatin Merita Arslani (geb. 1974) erzählt in ihrem Roman „Die Engel schlafen einfach ein“ (2011) mit spielerischer Leichtigkeit vom Sterben: Engel kündigen den Menschen den Tod an und können ihn aufschieben, wenn ihre Schützlinge ihre Vorstellung von Liebe und Tod bejahen. Religiöse Symbole finden sich in dem Lyrikband „Anständiges Mädchen“ (Edition Korrespondenzen 2010) der mazedonischen Dichterin Lidija Dimkovska (geb. 1971), die sie provokativ mit Bildern aus der modernen Technologie kombiniert, um gängige Sichtweisen zu brechen. Biblische Gestalten wie Maria Magdalena, Jesus, Maria und Pontius Pilatus treffen in dem Roman „Leben ohne Namen“ des Kroaten Vladimir Stojsavljeviæ (geb. 1950) auf Menschen der Gegenwart wie die Seherinnen von Medjugorje Marija und Varja. Der Roman erzählt die Geschichte von Frauen in schweren Zeiten, die ihrer Liebe treu bleiben, auch wenn sie dafür zu Opfern bereit sein müssen.

Die Veränderungen der Alltagskultur seit dem Zusammenbruch des Kommunismus beleuchtet der Bukarester Autor Calin Torsan (geb. 1970) in seiner Anthologie „Kleinere und mittlere Geschichten“ (Tzuica Verlag Berlin 2012). Seine Kurzprosa verwandelt scheinbar unspektakuläre Geschehnisse in groteske Ereignisse. Die Literatur Südosteuropas antwortet auf die Beschleunigung des Lebens und die Überfülle von Informationen mit einer Tendenz zur Verknappung oder Komprimierung der Texte. Dies erklärt die vielen Kurz- oder „Kürzestgeschichten“ wie die vermehrte Nutzung von Internetplattformen, Webseiten oder literarischer Blogs.

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